Höhere Zinsen sollen Inflation eindämmen

Top-Währunghüter gehen von weiteren EZB-Zinsschritten aus

Freitag, 18. November 2022 | 18:13 Uhr

Die Europäische Zentralbank (EZB) wird laut mehreren führenden Währungshütern ihren Zinserhöhungskurs im Kampf gegen die hohe Inflation weiter vorantreiben. Dabei dringe die EZB wahrscheinlich in einen Zinsbereich vor, bei dem die Wirtschaftsaktivität gedämpft werde, sagten EZB-Präsidentin Christine Lagarde und später dann auch die Notenbankchefs von Deutschland und den Niederlanden, Joachim Nagel und Klaas Knot, am Freitag auf dem European Banking Congress in Frankfurt.

Dieses restriktive Zinsniveau wird von Ökonomen beim Einlagensatz derzeit bei oberhalb von zwei Prozent angesiedelt. Aktuell liegt der Satz, den Geldhäuser für das Parken überschüssiger Gelder von der Notenbank bekommen, bei 1,5 Prozent.

“Wir gehen davon aus, dass wir die Zinsen weiter anheben – und die Konjunkturförderung zu entziehen ist womöglich nicht ausreichend,” sagte Lagarde. Wie weit die EZB auf ihrem Straffungskurs gehe und mit welchem Tempo, werde durch den Inflationsausblick bestimmt, sagte sie. Die EZB werde dafür sorgen, dass sich die zu hohe Inflation nicht in den Inflationserwartungen festsetzt. Die Teuerung im Euro-Raum ist angefeuert durch den Preisschub bei Energie mittlerweile zweistellig. Im Oktober lag sie bei 10,6 Prozent – das höchste Niveau seit Einführung des Euro 1999.

Die EZB hat im Kampf gegen den anhaltenden Inflationsschub innerhalb weniger Monate die Zinsen bereits dreimal erhöht um zusammengenommen 2,0 Prozentpunkte. Im September und Oktober hatte sie die Schlüsselsätze sogar um jeweils besonders kräftige 0,75 Prozentpunkte nach oben gesetzt. “Auch nach den Zinserhöhungen befindet sich der relevante Leitzins noch im expansiven Bereich”, sagte Bundesbank-Präsident Nagel. Es wäre falsch, aus Angst vor einem Abschwung mit weiteren entscheidenden Schritten zu warten.

Aus Sicht seines Ratskollegen Knot wird die EZB auf ihrem Zinserhöhungskurs wohl bald ein neutrales Niveau erreichen, das die Wirtschaft nicht mehr anschiebt. Knot erwartet, dass es mit dem Zinsentscheid auf der nächsten Sitzung im Dezember so weit sein wird. “Dann werden wir das Wirtschaftswachstum nicht mehr stimulieren, es aber auch noch nicht verlangsamen”, sagte er. Damit sei aber erst “die Halbzeit” erreicht.

Knot zufolge wird das Zinserhöhungstempo dann aber möglicherweise geringer werden. “In dem Maße, wie der geldpolitische Kurs weiter gestrafft wird, wird es wahrscheinlicher, dass sich das Tempo des Anstiegs verlangsamt”. Aus seiner Sicht muss die EZB nun auch rasch das Thema einer Reduzierung der Bilanz angehen. Die Notenbankbilanz der EZB ist im Zuge der jahrelangen massiven Anleihenkäufe auf inzwischen fast 9 Billionen Euro angeschwollen.

In der Fachwelt wird ein Bilanzsummenabbau über eine Verringerung der Anleihenbestände als quantitative Straffung bezeichnet. Deutsche-Bundesbank-Präsident Nagel plädierte auf der Konferenz dafür, damit konkret zu Beginn des nächsten Jahres zu starten. “Meiner Meinung nach sollten wir Anfang nächsten Jahres damit beginnen, den Umfang unserer Anleihebestände zu verringern, indem wir nicht mehr alle fällig werdenden Anleihen vollständig reinvestieren,” sagte er.

Im Dezember will die EZB wichtige Weichenstellungen zum Bilanzabbau beschließen, wie Lagarde sagte. Die Euro-Notenbank hat dabei zunächst die Bondbestände aus dem älteren Anleihenkaufprogramm APP im Blick, mit dem sie in den Jahren ab 2015 die Konjunktur und die Inflation anschieben wollte. Mit den flexiblen Reinvestitionen beim Pandemie-Kaufprogramm PEPP will die EZB weiter fortfahren, wie Lagarde sagte. Für dieses Kaufprogramm stellt die EZB bisher in Aussicht, dass auslaufende Anleihen bis mindestens Ende 2024 wieder vollständig ersetzt werden. Lagarde plädierte dafür, mit dem Bilanzabbau behutsam voranzuschreiten. Es sei angemessen, die Notenbankbilanz maßvoll und in einer vorhersehbaren Weise zu normalisieren, sagte sie auf der Konferenz. Die nächste Zinssitzung der Währungshüter – zugleich die letzte in diesem Jahr – ist für den 15. Dezember geplant.

Von: APA/Reuters

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