Studie

Unzureichende Maßnahmen zur Verringerung der Pestizidabdrift in Südtirol

Dienstag, 04. Oktober 2022 | 08:09 Uhr

Bozen – Eine neue Studie zeigt, dass gesetzliche Maßnahmen zur Vermeidung der Pestizidabdrift im Intensiv-Apfelanbau in Südtirol keine nachhaltige Wirkung zeigen. Zwischen 2014 und 2020 stieg der Anteil gesundheitsschädlicher Pestizide sogar deutlich an.

Die Studie entstand in Zusammenarbeit von Experten des Pesticide Action Network Europa / Deutschland (PAN), der Health and Environment Alliance (HEAL) in Brüssel und der Arbeitsgruppe des Pestizidexperten Johann Zaller von der Universität für Bodenkultur in Wien (BOKU). Die Forscherinnen und Forscher untersuchten 306 Grasproben, die zwischen 2014 und 2020 auf 88 nicht-landwirtschaftlichen öffentlichen Flächen wie Kinderspielplätzen, Marktplätzen und Schulhöfen in Südtirol gesammelt wurden. Südtirol ist einer der wichtigsten Apfelanbauregionen und produziert etwa 50 Prozent des italienischen und zehn Prozent des europäischen Apfelbedarfs.

Die Studie ist eine Fortsetzung von früheren Arbeiten und wertet von Südtiroler Behörden erhobene Proben statistisch aus. Die Ergebnisse zeigten zwar einen leichten Rückgang der Pestizidkonzentrationen von 2014 auf 2020, allerdings war die Tatsache für das Forscherteam sehr bedenklich, dass unter anderem das Fungizid Fluazinam an 74 Prozent der kontaminierten Standorte nachgewiesen wurde. Fluazinam steht im Verdacht, das ungeborene Kind zu schädigen, und wird im Tierversuch mit Krebs in Verbindung gebracht. Auch das gefährliche Fungizid Captan (60 Prozent) und das Insektizid Phosmet (49 Prozent) wurden häufig nachgewiesen.

Insgesamt ist der Anteil an Pestizidrückständen, die die menschliche Fortpflanzung schädigen können, deutlich gestiegen: von 21 Prozent im Jahr 2014 auf 88 Prozent im Jahr 2020. Dramatisch war auch der Anstieg an Pestizide, die Organe im menschlichen Körper schädigen können: Waren im Jahr 2014 noch keine Substanzen mit diesen Eigenschaften zu finden, lag der Anteil im Jahr 2020 bei 21 Prozent. Unverändert hoch über den Untersuchungszeitraum waren Pestizide, die das menschliche Hormonsystem beeinträchtigen (89 Prozent) und im Verdacht stehen, Krebs zu verursachen (45 Prozent).

Neben den Auswirkungen der festgestellten Pestizide für Menschen, haben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auch noch die Wirkungen auf die Umwelt ausgewertet. Auch hier zeigte sich von 2014 bis 2020 keine Verbesserung der gefundenen Pestizide, was die Schädlichkeit für Honigbienen betrifft; immerhin gab es für Regenwürmer leichte Verbesserungen.

“Obwohl die Südtiroler Landesregierung in den letzten Jahren mehrere Maßnahmen zur Eindämmung der Pestizidabdrift ergriffen hat, sehen wir, dass Nichtzielgebieten wie Spielplätze immer noch mit Pestiziden kontaminiert sind, die das Potenzial haben, Umweltschaden anzurichten, und ein gesundheitliches Risiko für Anwohner und gefährdete Gruppen darstellen können”, betont Koen Hertoge, Präsident von PAN Europe, Initiator und Mitautor der Studie.

In der Europäischen Union wird das Risiko der Pestizidverdriftung mit Computermodellen abgeschätzt. Der Ökologe und Mitautor Johann Zaller von der Universität für Bodenkultur Wien (BOKU) meint dazu: “Unsere Daten zeigen, dass die offiziellen Risikobewertungen die tatsächliche Exposition von Nicht-Zielorganismen, einschließlich des Menschen, gegenüber Pestiziden unterschätzt. Auch ist wichtig darauf hinzuweisen, dass das, was wir in dieser Studie gezeigt haben, ziemlich sicher auch in anderen Regionen mit intensiver Apfel- und Weinproduktion in Europa und weltweit widerspiegelt.”

Die Ergebnisse kommen, kurz nachdem die Europäische Kommission einen Vorschlag für eine neue Verordnung über den nachhaltigen Einsatz von Pestiziden (SUR, Sustainable Use Regulation) veröffentlicht hat. Darin werden rechtsverbindliche Reduktionsziele festgelegt, um den Einsatz von Pestiziden in allen EU-Mitgliedsstaaten bis 2030 zu halbieren, insbesondere von solchen, die gesundheitsgefährdend sind. Der Vorschlag zielt auch darauf ab, den Einsatz von Pestiziden in allen “sensiblen” Gebieten, die von der Allgemeinheit genutzt werden oder von ökologischer Bedeutung sind, im Umkreis von drei Metern zu verbieten. Mehrere der vorgeschlagenen EU-weiten Maßnahmen sind weniger streng als die der Südtiroler Landesregierung, wo Pestizide mit gefährlichen Eigenschaften nicht in Bereichen eingesetzt werden dürfen, die von der Allgemeinheit und von Kindern genutzt werden, und auch nicht in einem Umkreis von 30 Metern von ihnen.

“Unsere Studie zeigt, dass selbst regionale Maßnahmen, die strenger sind als die von der EU-Kommission vorgeschlagenen, nicht ausreichen, um die Belastung mit potentiell krebserregenden oder fortpflanzungsschädigenden Pestiziden zu verhindern. Eine drastischere Reduzierung aller Pestizide und eine deutliche Ausweitung der vorgeschlagenen Pufferzonen auf mindestens 50 Meter sind dringend erforderlich, um die Gesundheit zu schützen”, schliesst Dr. Angeliki Lyssimachou, Senior Science Policy Officer bei HEAL und Mitautorin der Studie.

In ihrer Studie fordern die Experten ein flächendeckendes Pestizidmonitoring inklusive einer Verknüpfung mit Daten zur Biodiversität und menschlichen Gesundheit in den untersuchten Regionen.

Von: mk

Bezirk: Bozen

Kommentare
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schwarzes Schaf
schwarzes Schaf
Superredner
2 Monate 1 Tag

Keine angst bald ist das obstbund gemüse so teuer das es keiner mehr leisten kann und dann bekommen wir das billig obst und gemüse vom spanien wo noch mehr pestizid verwendet wird aver dort ist es ok und hauptsache billig. Liebe umweltaktivisten, entl3digtveuch euern Händys schaltet die Heizung aus und das licht und zieht in höhlen, dann schaffen wir es die welt zu retten. Ps der chinese ist schön grün………. hinter den ohren

Aurelius
Aurelius
Universalgelehrter
2 Monate 1 Tag

hier haben wir es schwarz auf weiß, dass die Pestizide ständig steigen, nicht wie vom Bauernbund und den Bauern das Gegenteil behauptet wird…

Oracle
Oracle
Universalgelehrter
2 Monate 1 Tag

.. ist wohl klar, wie könnte die eigene Studie zu einem anderen Schluss kommen….. ist schon eigenartig, dass diese Subjekte immer auf Südtirol schauen, obwohl es in Deutschland keinesfalls besser ist… so wie dieser münchner linker ökosoziale Verein, der sich als Institut ausgibt, obwohl es keine Behörde ist …. aber solange die Pestizide von der EU-Lebensmittelbehörde zugelassen sind, ist deren Verwendung völlig legal!

Rudolfo
Rudolfo
Universalgelehrter
2 Monate 1 Tag

Dir Erkenntnisse wurden von Experten aus mindestens DREI !! Nationen erarbeitet. Und vom “Spendensammelverein” Deutsche Umwelthilfe e V. ist hier im Artikel nicht die Rede. Aber Du hast recht. Der sollte seinem Vereinsnamen entsprechend im eigenen Land 🧹, da ist genug zu tun.

ieztuets
ieztuets
Superredner
2 Monate 1 Tag

Konnsch dir vorstelln wer des kontrolliert wenn nou mehr gspritzt weart… des Obst mueßn jednfolls außn uhne Fleck bleibn und schien glänzn!

Rudolfo
Rudolfo
Universalgelehrter
2 Monate 1 Tag

@ieztuats….stimmt ! Das Obst und Gemüse muss heutzutage von der Form, Größe, Krümmung🍌🥒 und vorallem optisch !! makellos sein. Das werden u.a. die Obstbauern heuer beim Preis für ihre “Gala” zu spüren bekommen. Innen vollreif und notwendig zum Pflücken, aber außen noch nicht die richtige 🍎Galafarbe.

Sag mal
Sag mal
Kinig
2 Monate 1 Tag

alles wird vom Mensch verpestet.Die denken erst wenn Sie unheilbar krank werden.Ein lüften ist mancherorts kaum mehr möglich.Wie wird das im Winter erst sein.

So ist das
2 Monate 1 Tag

Tja da es die größte Lobby betrifft, wird die LR sehr langsam vorgehen 🤔

Oberjoggler
Oberjoggler
Grünschnabel
2 Monate 1 Tag

Das erledigt sich von selbst, sobald die Produktionskosten noch mehr steigen und die Auszahlungspreise noch mehr sinken…

Oberjoggler
Oberjoggler
Grünschnabel
2 Monate 1 Tag

Kaum ist die hl. Corona nicht mehr in aller Munde, muss wieder die Landschaft als altbekannter Sündenbock herhalten. Genial.

Oberjoggler
Oberjoggler
Grünschnabel
2 Monate 1 Tag

Sollte natürlich “Landwirtschaft” heißen und nicht Landschaft…

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