Rohre der geplanten Nord Stream 2-Pipeline

Verlegung umstrittener Gaspipeline Nord Stream 2 fortgesetzt

Samstag, 06. Februar 2021 | 19:10 Uhr

Das russische Spezialschiff “Fortuna” hat ungeachtet der Vorbehalte der neuen US-Regierung die Verlegung der Rohre für die Nord-Stream-2-Pipeline in der Ostsee fortgesetzt. Die Arbeiten seien in dänischen Gewässern aufgenommen worden, teilte das Konsortium hinter dem Projekt am Samstag mit. Möglich geworden sei das nach erfolgreichem Abschluss einer Reihe von See-Rechts-Prozessen. Das umstrittene Projekt wird unter anderem von Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) unterstützt.

Durch die fast fertiggestellte Doppelröhre soll Erdgas von Russland nach Deutschland transportiert werden, um von dort aus weiter verteilt zu werden. Die USA versuchen dies mit Sanktionen zu verhindern, auch gegen den Eigner der “Fortuna”. US-Präsident Joe Biden hatte den Bau der Pipeline als dumme Idee bezeichnet.

Alle Arbeiten erfolgten in Übereinstimmung mit den vorliegenden Genehmigungen, teilte die Projektgesellschaft am Samstagabend mit. “Zum Bauablauf und den weiteren Planungen werden wir entsprechend informieren”, hieß es. Schon vor gut zwei Wochen hatte das russische Spezialschiff “Fortuna” mit Vorbereitungen und Tests begonnen. Zuletzt war Ende des vergangenen Jahres ein 2,6 Kilometer langer Abschnitt in deutschen Gewässern fertiggestellt worden. Der Bau hatte zuvor ein Jahr geruht, nachdem Sanktionsdrohungen aus den USA Ende 2019 zum Abzug von Spezialschiffen einer Schweizer Firma geführt hatten.

Nach Angaben von Nord Stream 2 sind 94 Prozent des rund 1.230 Kilometer langen Doppelstrangs bereits fertiggestellt. Er soll einmal 55 Milliarden Kubikmeter Erdgas von Russland nach Deutschland befördern. Den Angaben zufolge fehlen noch etwa 120 Kilometer in dänischen und 30 Kilometer in deutschen Gewässern. Das zuständige deutsche Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) hatte Mitte Jänner den sofortigen Weiterbau in deutschen Gewässern erlaubt, nachdem die Genehmigung Ende vergangenen Jahres ausgelaufen war. Derzeit ist die Genehmigung allerdings außer Kraft, weil Umweltverbände Widerspruch eingelegt haben.

Das fast vollendete Projekt steht zunehmend unter Druck. Nachdem schon Sanktionsdrohungen aus den USA zum Abzug von Firmen geführt hatten, verhängte die Trump-Administration zum Ende ihrer Amtszeit tatsächlich Strafmaßnahmen gegen das russische Unternehmen KVT-RUS und erklärte deren Verlegeschiff “Fortuna” zu “blockiertem Eigentum”. Welche Auswirkungen das auf das Schiff außerhalb von US-Hoheitsgewässern hat, ist unklar.

Das US-Außenministerium begründete die Sanktionen damit, dass die Fertigstellung von Nord Stream 2 Russland die Möglichkeit eröffnen würde, “natürliche Ressourcen als Mittel für politischen Druck und bösartigen Einfluss gegen Westeuropa zu nutzen”. Kritiker des Projekts werfen Russland vor, mit der Pipeline Länder zwischen Russland und Westeuropa aus dem Gastransit herausnehmen zu wollen, um sie so erpressbarer zu machen.

Befürworter der Pipeline wiederum werfen den USA vor, lediglich die Marktchancen für das eigene Fracking-Gas verbessern zu wollen. Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) sprach sich gegenüber der deutschen Tageszeitung “Welt am Sonntag” für die Nord-Stream-2-Pipeline aus. Bei Nord Stream handle es sich um ein “europäisches Projekt”, das im Interesse vieler EU-Länder sei. “Wer glaubt, dass die neue Pipeline nur im Interesse Russlands wäre, der irrt”, so Kurz. Die Umweltschutzorganisation WWF kritisierte Kurz’ “Lobbying”.

Umweltschützer bestreiten den Bedarf an Erdgas und kritisieren Nord Stream 2 hingegen als große Investition in einen fossilen Energieträger. Sie betonen die klimaschädliche Wirkung von Erdgas, etwa durch entweichendes Methan bei der Förderung und beim Transport. Auch wegen Russlands Umgang mit dem vor kurzem verurteilten Kreml-Kritiker, Alexej Nawalny, fordern Kritiker, Nord Stream 2 zu stoppen.

Die Mehrheit an dem Projekt hält der russische Gasriese Gazprom. Zu den Finanzinvestoren bei Nord Stream 2 zählt neben der österreichischen OMV auch der französische Energiekonzern Engie, an dessen Kapital der Staat zu knapp einem Viertel beteiligt ist.

Der WWF forderte am Samstag eine Absage an den Bau der fast fertigen Nord Stream 2. “Nord Stream 2 ist ein klimapolitisches Harakiri-Projekt. Unter dem Vorwand einer ‘Brückentechnologie’ wird damit die Nutzung fossiler Energieträger in Europa um viele Jahrzehnte verlängert. Dazu kommen massive Umwelt-Folgen durch den Bau”, erklärte der Klimasprecher der NGO, Karl Schellmann, in einer Aussendung. “Neue Gas-Pipelines widersprechen allen ambitionierten Naturschutz- und Klimazielen. Dass Österreichs Regierungsspitze trotzdem dafür lobbyiert, ist ein verheerendes Signal.”

Die Klimabilanz von Erdgas sei durch die Freisetzung von Methan bei der Förderung und beim Transport nicht wirklich besser als Öl oder Kohle. Nord Stream 2 durchlaufe zudem allein im deutschen Zuständigkeitsbereich fünf Meeresschutzgebiete, eingerichtet für seltene Seevögel und Schweinswale sowie streng geschützte Seegraswiesen und Mergelriffe.

Von: apa

Kommentare

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19 Kommentare auf "Verlegung umstrittener Gaspipeline Nord Stream 2 fortgesetzt"


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DerTourist
DerTourist
Grünschnabel
19 Tage 10 h

Nord Stream ist überhaupt nicht im Interesse Europas, schade, dass die Leute das immer noch nicht sehen wollen.
Mit jeder Führung aus Russland wird Europa zunehmend von diesem Land abhängig. Angesichts der Situation in diesem Land halte ich das für mehr als unerwünscht.

seppele
seppele
Neuling
19 Tage 9 h

Nord Stream ist nicht im Interesse der USA! Für die USA war eine enge Zusammenarbeit Europas mit Russland schon immer ein Alptraum und wird von ihnen schon immer mit ALLEN Mitteln bekämpft. Mit den technologischen Ressourcen Europas und den energetischen und rohstofflichen Russlands wäre ein eurasisches Bündnis eine Katastrophe für die USA. Mir wäre eine Symbiose mit Russland allemal lieber als für immer ein Vasall der USA zu sein!

Hustinettenbaer
Hustinettenbaer
Universalgelehrter
19 Tage 9 h

@DerTourist
Da gibt es durchaus unterschiedliche Interessen in der EU. “OMV aus Österreich, Royal Dutch Shell aus Großbritannien und der französischen Engie… die deutschen Firmen Wintershall Dea und Uniper”.
Dagegen sind die bisherigen Transitländer Polen und die baltischen Länder, “die Ukraine befürchtet einen Wegfall von Transiteinnahmen aus dem Erdgas-Export, nach Schätzungen rund zwei Milliarden Euro jährlich.”
https://www.deutschlandfunk.de/nord-stream-2-wie-abhaengig-ist-deutschland-von-russischem.2897.de.html?dram:article_id=483727

Hustinettenbaer
Hustinettenbaer
Universalgelehrter
19 Tage 9 h

@seppele
Vielleicht sind die EU-Mitgliedstaaten nun endlich mal in der Lage, weder des Einen noch des Anderen Vasall zu sein. D.h. – trotz unterschiedlicher Interessen – kein Bäumchen-wechsel-dich.

Zugspitze947
19 Tage 7 h

Der Touris: und wie willst du den Energiebedarf dann decken ohne Gas ? Das ist DAS Problem ! 🙁

Zugspitze947
19 Tage 7 h

ach seppele: du hast den richtigen Namen bis auf TRUMPL konnte man sich auf die USA immer recht gut verlassen. Bei Russland NUR auf Gorbatschov ! Putin ist unkalkulierbar und ein Kriegstreiber und Landräuber 🙁

Namulith
Namulith
Tratscher
19 Tage 5 h

Er hat nichts davon gesagt, dass er ein Vasall Russlands sein will…

Namulith
Namulith
Tratscher
19 Tage 2 h

Ihr Name passt auch, bei ihnen zieht es auch durch die Spitze! 😉

Zugspitze947
17 Tage 10 h

Haha da zieht nix die Spitze steht fest und hoch trohnend 🙂

Namulith
Namulith
Tratscher
16 Tage 9 h

@Zugspitze947
Schon mal was von Erosion gehört? Vor allem beim jetzigen Wetter bricht gern mal öfter der eine oder andere Stein vom Gipfel los…

Einheimischer
Einheimischer
Tratscher
19 Tage 9 h

Das Trumpeltier ist jetzt ja weg…
EU gibt jetzt Gas….

Parteikartl
Parteikartl
Tratscher
19 Tage 4 h

Do Kurz isch wohl a Freind va do Merkel….
Nordstream “1” reicht vollkommen fürs deutsche Gas, da brauchn se kua Nordstream “2”. Domit trocknen die Russen die Ukraine, Polen und andere Durchzugstaaten aus, die Merkel weiß das und hält beide Augen zu….

Namulith
Namulith
Tratscher
18 Tage 22 h

@Parteikartl
Warum sollten Russland und der Gaskunde “die Ukraine, Polen und andere Durchzugstaaten” durchfüttern? Erklärt mir das mal einer?

Zugspitze947
18 Tage 11 h

Namulith: Genau durch diese Durchleitungskosten wird das Gas für den Verbraucher viel Teurer>=das ist absolut unseriös und nicht zielführend !

Anduril61
Anduril61
Tratscher
19 Tage 51 Min
Also was sich die USA erlaubt haben ist schlichtweg eine Frechheit. Einem Bündnispartner vorschreiben zu wollen wo er seine Einkäufe zu tätigen hat ist inakzeptabel und beteiligte Firmen am Nordstreamprojekt auch noch zu bedrohen damit sie die Arbeiten einstellen, also dieses infantile Verhalten ist einer Grossmacht nicht würdig. Die EU tut gut daran ihr Verhältnis zu den USA und Russland zu hinterfragen. Biden sollte es möglichst vermeiden Navalny ins Spiel zu bringen, wenn man sich die Videos von Wikileaks ansieht was sich die Amis so geleistet haben, wofür der Aufdecker seit Jahren in Gefangenschaft lebt, dann ist das was Navalny… Weiterlesen »
Rabe
Rabe
Tratscher
19 Tage 8 h

Konkurrenz isch gesund firn Markt

eisern
eisern
Tratscher
19 Tage 4 h

Politik und Wirtschaft gehören getrennt und in weiten Teilen funktioniert das ja auch. Ansonsten dürfen wir kein Öl aus Saudi Arabien kaufen oder keine Produkte aus China usw. Es gibt jede Menge Menschenrechtsverletzungen in den Ländern zu denen wir sehr gute Beziehungen haben. Wir profitieren selbst von Waffenverkäufen in Kriegsgebiete weltweit. Russland ist traditionell für die Amerikaner und ihre Verbündeten ein Feind ,dabei sind die Russen mehrfach in der Geschichte angegriffen worden und hatten die meisten Toten im Weltkrieg zu beklagen.

DontbealooserbeaSchmuser
18 Tage 22 h

“als Mittel für politischen Druck und bösartigen Einfluss gegen Westeuropa zu nutzen”

Zum Glück sind die USA und jetzt Biden da völlig unbescholten 😆

Hinterhältige Geopolitik von allen Seiten, nur die USA und die EU stellen sich immer als Heilige dar.

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