Markus Braun, ehemaliger Wirecard-Chef

Verteidiger von Ex-Wirecard-Chef setzt zu Rundumschlag an

Montag, 12. Dezember 2022 | 17:15 Uhr

Der Verteidiger des angeklagten Ex-Wirecard-Chefs Markus Braun versucht die Glaubwürdigkeit des Kronzeugen der Staatsanwaltschaft zu erschüttern. Rechtsanwalt Alfred Dierlamm griff den ehemaligen Statthalter von Wirecard in Dubai, Oliver Bellenhaus, am Montag vor dem Landgericht München frontal an. Seine Aussagen gegenüber der Staatsanwaltschaft seien nicht glaubwürdig und unplausibel.

“Bellenhaus ist nicht Kronzeuge”, sagte Dierlamm. “Bellenhaus ist Haupttäter einer Bande”, deren alleiniges Ziel es gewesen sei, Gelder aus dem Unternehmen herauszuleiten und zu veruntreuen. Braun sei seit der Insolvenz von Wirecard im Juni 2020 vorverurteilt worden wie kein anderer seiner Mandanten in 30 Jahren, sagte der Anwalt. “Die Vorverurteilung ist beispiellos wie prägend für dieses Verfahren.” Auch das Oberlandesgericht, das für die Untersuchungshaft von Braun verantwortlich war, und der Wirecard-Untersuchungsausschuss des Deutschen Bundestags seien der Falschaussage von Bellenhaus aufgesessen.

Die Münchner Staatsanwaltschaft hält Braun laut Anklage für den Kopf einer kriminellen Bande, die über Jahre die Bilanzen des einstigen Börsenlieblings gefälscht und milliardenschwere Scheingeschäfte erfunden habe, um Verluste zu verschleiern. Der 53-jährige Österreicher sieht sich dagegen selbst als Opfer von Managern um den flüchtigen ehemaligen Vorstand Jan Marsalek, die Milliarden beiseite geschafft hätten.

Verteidiger Dierlamm warf den Ermittlern Voreingenommenheit und schwere Ermittlungspannen vor. Die Staatsanwaltschaft habe nach Marsaleks Flucht unter Erfolgsdruck gestanden. Damit sei klar gewesen: “Markus Braun musste hinter Gitter.” Der über Jahre als Visionär gefeierte Ex-Vorstandschef sitzt seit rund zweieinhalb Jahren in Untersuchungshaft.

Dierlamm kündigte einen Antrag an, den Betrugsprozess gegen seinen Mandanten sowie Bellenhaus und den ehemaligen Chefbuchhalter von Wirecard, Stephan von Erffa, auszusetzen. Er brauche mehr Zeit für die Prüfung dessen, “was uns auf den Tisch geschüttet wurde an Akten”. Braun sehe sich deshalb derzeit nicht in der Lage auszusagen.

Der Ex-Vorstandschef beharrt darauf, dass das lukrative Geschäft von Wirecard mit Drittpartnern in Asien – anders als Bellenhaus behaupte – auch nach 2015 tatsächlich existiert hat. Das ergebe sich auch aus Kontoauszügen der Drittpartner in Deutschland, die aber erst später von der Staatsanwaltschaft geprüft worden seien. Darin seien zwischen 2016 und 2020 Einzahlungen von einer Milliarde Euro dokumentiert. “Von wegen null Euro, wie Herr Bellenhaus der Staatsanwaltschaft das vorgelogen hat.” Allein an vier von Bellenhaus kontrollierte Firmen seien 750 Millionen Euro geflossen.

Dass Braun Anführer einer Bande sei, bezeichnete Dierlammn als “geradezu absurde und abwegige Vorstellung”. Schließlich habe er “in der vollen Überzeugung der Werthaltigkeit seines Depots” an seinen Wirecard-Aktien festgehalten. Er habe seinen Wirecard-Anteil noch mit einem Immobilienkredit belastet – für “die Immobilie, in der seine Familie wohnt”. Braun habe selbst eine forensische Untersuchung der Vorgänge bei Wirecard durch die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG veranlasst.

Bellenhaus’ Verteidiger Florian Eder blieb dagegen bei dessen Darstellung: “Die Wirecard als solche war schlichtweg ein Blendwerk.” Bellenhaus hatte sich nach dem Zusammenbruch von Wirecard im Sommer 2020 in München gestellt und als erster Manager bei der Staatsanwaltschaft ausgepackt. Er stehe zu seinen Fehlern und stelle sich seiner Verantwortung. “Für Herrn Bellenhaus darf ich mich stellvertretend bei den Geschädigten entschuldigen”, sagte Eder. Nach Bellenhaus’ Aussagen war das vermeintlich lukrative Asien-Geschäft mit Drittpartnern seit 2015 erfunden. Dierlamms Argumentation sei “völlig hanebüchen und abwegig”, sagte der Verteidiger: “Er kommt aus dem Ausland, hat irgendwo Milliarden gebunkert, und kommt nur, um Herrn Dr. Braun in die Pfanne zu hauen.”

Bellenhaus will am Mittwoch selbst aussagen. Dierlamm sagte, er werde erst im Jänner sagen, wann Braun sich äußern werde.

Die Anwältin des mitangeklagten Wirecard-Chefbuchhalters Stephan von Erffa, Sabine Stetter, kritisierte Bellenhaus als “zweifelhaften Kronzeugen” und warf der Staatsanwaltschaft vor, sie habe einseitig ermittelt. Bellenhaus habe riesige Mengen von E-Mails gelöscht, angeblich sein Mobiltelefon und seinen Laptop verloren und nur selektiv an die Staatsanwaltschaft berichtet. “Das alles zeigt, dass eine enorme Menge an Aufklärungsarbeit vor der Kammer liegt.” Für den Mammutprozess sind bereits mehr als 100 Verhandlungstage angesetzt.

Dierlamm sagte, das gesamte Verfahren beruhe auf einer “falschen Verdachtshypothese, nämlich der Annahme, dass es auf den Konten der Drittpartner keine Umsätze gegeben hätte”. Dabei habe sich die Staatsanwaltschaft zwei Jahre lang nicht die Mühe gemacht, die Zahlungsflüsse aufzuklären.

Eder widersprach: Die genannten Kontobewegungen seien nicht wesentlich für die Sache. Man dürfe sich nicht täuschen lassen. “Dr. Braun verstand sich als Visionär. Eine solche Vision braucht auch die Verteidigung von Herrn Dr. Braun”, sagte Bellenhaus’ Anwalt.

Von: APA/Reuters

Kommentare

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3 Kommentare auf "Verteidiger von Ex-Wirecard-Chef setzt zu Rundumschlag an"


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Zugspitze947
1 Monat 27 Tage

Das wird Braun sehr wenig nützen ,entweder war er naiv oder Unfähig !😢😝👌

Hustinettenbaer
1 Monat 27 Tage

Da kann RA Dierlamm jede Menge Nebelgranaten zünden.
Das Spiel zog Wirecard immer wieder durch: für z.B. 400 Mio. von einem windigen Anbieter ein ebenso windiges Unternehmen (das wenige Wochen vorher 30 Mio. kostete) kaufen. Hauptsache weit weg:
“Selbst als Analysten der US-Bank Morgan Stanley bei einer Visite in Indien spontan nur einen Kiosk finden, der Geldkarten der Wirecard-Tochter anbietet, bekommt der Vorstand keine Probleme. Die Analysten hätten eben in den falschen Stadtteilen gesucht, kommentiert ein Wirecard-Sprecher die Angelegenheit. Thema erledigt.”

D.h. Schneeballsystem-Variante.

Wirecard: Wie der Konzernvorstand des Zahlungsabwicklers immer wieder davon kam (wiwo.de)

pfaelzerwald
1 Monat 26 Tage

Den Kerl einbuchten!

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