Roheisen aus Texas wird aber weiter in Linz und Donawitz verarbeitet

voestalpine zieht sich aus Werk in Texas zurück

Donnerstag, 14. April 2022 | 13:14 Uhr

Die Verhandlungen zu dem Deal sind Sonntagabend offiziell bekanntgegeben worden, nun ist er unter Dach und Fach – der Linzer Stahlkonzern voestalpine trennt sich von seinem Roheisenwerk in Texas, das vor fünfeinhalb Jahren eröffnet wurde. 80 Prozent der Direktreduktionsanlage zur Erzeugung von Eisenschwamm (Hot Briquetted Iron, HBI) gehen um 610 Mio. Euro an den europäischen Stahlriesen ArcelorMittal, wie das Unternehmen Donnerstagfrüh mitteilte. Die Voest behält 20 Prozent.

Der Vertrag sei heute Nacht unterzeichnet worden. Das Werk in Corpus Christi, das direkt am Golf von Mexiko liegt, wurde nach zweijähriger Bauzeit im Herbst 2016 eröffnet – damals noch unter der Ägide des langjährigen Konzernchefs und nunmehrigen Aufsichtsratsvorsitzenden Wolfgang Eder. Die Planungen für das Projekt gehen bis ins Jahr 2012 zurück.

Die Anlage in Texas stand von Anfang an unter keinem guten Stern und verschlang Hunderte Millionen mehr als ursprünglich geplant – alleine die Errichtungskosten hatten sich auf rund eine Milliarde verdoppelt – ursprünglich budgetiert waren dafür 550 Mio. Euro. Neben Stürmen und Überschwemmungen waren unter anderem teure zusätzliche Umweltauflagen der US-Behörden zu bewältigen – so musste etwa eine Extrahalle gebaut werden, um Staubemissionen von gelagertem Material in die Luft zu verhindern.

Zu den Gesamtkosten bisher hielt sich CEO Herbert Eibensteiner am Donnerstag in einer Telefonkonferenz etwas bedeckt: “Wir haben diese 1,02 Mrd. Dollar bei den Investitionskosten und wir haben seit der Inbetriebnahme rund 40 Mio. Dollar pro Jahr investiert – das war etwas unter der Abschreibung.” Die außergewöhnlichen Abschreibungen, die 2019 und 2020 vorgenommen werden mussten, summierten sich auf 372 Mio. Euro und “zeigen ja auch, dass wir in der Vergangenheit dort keine sehr guten Ergebnisse gemacht haben”, so der Konzernchef mit Blick auf das verlustträchtige Werk. Nun hat die voestalpine ein Sorgenkind weniger: “Wir haben schon Jahre mit einem positiven EBIT (Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen, Anm.) gehabt, aber das EBIT im Durchschnitt war negativ, das stimmt”, räumte er ein.

Fakt ist, dass die Anlage in Texas die voestalpine alleine bis Juli 2020 den damaligen Angaben des Finanzvorstands Robert Ottel auf der Hauptversammlung zufolge 1,5 Mrd. Euro gekostet hat. Die reinen Projektkosten, die 2017 abgerechnet wurden, beliefen sich den am Donnerstag wiederholten Angaben zufolge auf rund 870 Mio. Euro. Zu den Investitionskosten addieren sich Faktoren wie Anlaufkosten, Projektkosten, rechnerische Finanzeffekte.

“Seit einem Jahr haben wir uns massiv um die strategische Neuausrichtung für unsere Reduktionsanlage gekümmert – nun verkaufen wir 80 Prozent und behalten einen kleinen Teil”, fasste der Konzernchef zusammen. Mit dem Abstoßen der Mehrheit kann die voestalpine ihre Nettofinanzverschuldung, die laut Eibensteiner zuletzt rund 2,4 Mrd. Euro betrug, nun deutlich senken und zumindest einen Buchgewinn in Höhe von voraussichtlich etwa 280 Mio. Euro in der Bilanz ausweisen. Das Closing der Transaktion soll in voraussichtlich zwei bis drei Monaten erfolgen.

Die Voest wird auch künftig ihren Bedarf an Eisenpellets (HBI) mit Lieferungen aus dem Werk in Corpus Christi decken. “Mit dieser Transaktion sichern wir uns jährlich 420.000 Tonnen HBI – die weitaus größere Menge haben wir in der Vergangenheit am Spotmarkt verkauft”, so der CEO. Zur Verdeutlichung: Die Produktionskapazität an dem Standort in Texas beträgt rund zwei Millionen Tonnen, grob ein Fünftel davon geht an die Voest.

Die nunmehr paktierte strategische Partnerschaft mit ArcelorMittal reduziere künftig auch das Spotmarktrisiko für die von der voestalpine nicht benötigten Mengen an HBI, hieß es seitens des Konzerns. “Am Spotmarkt HBI zu verkaufen, als Stahlerzeuger, ist nicht unser Fokus”, erklärte dazu Eibensteiner knapp. “Wir wollen uns als voestalpine auf die Produktion von Stahl konzentrieren und nicht auf den Verkauf von HBI am Spotmarkt.” Die konzernintern verwendete Menge war einst mit 800.000 pro Jahr Euro veranschlagt worden. “Da wurde der Eigenbedarf überschätzt – die Mengen, die wir damals eingeschätzt haben, waren zu hoch”, hielt der Konzernchef fest. “Wir haben sicher drei Viertel der Menge auf dem Spotmarkt verkaufen müssen.”

“HBI ist wichtiger Rohstoff für die CO2-reduzierte Stahlproduktion”, betonte er gleichzeitig. Daher traf die voestalpine auch mit ArcelorMittal eine Vereinbarung zur langfristigen Absicherung des künftig für den ersten Dekarbonisierungsschritt in der Stahlproduktion benötigten Roheisenvolumens an den Standorten in Linz und Donawitz – Stichwort “greentec steel”. “Langfristig heißt über zehn Jahre und ist auch laufend verlängerbar”, sagte der Konzernchef zur APA. Mit der Inbetriebnahme von je einem Elektrolichtbogenofen in Linz und in Donawitz Anfang 2027 will die voestalpine ihre CO2-Emissionen “signifikant um rund 30 Prozent” senken können. Das entspreche fast 5 Prozent des jährlichen CO2-Ausstoßes Österreichs.

Rechnerische Details zum Deal mit ArcelorMittal: Den Unternehmenswert für 100 Prozent der Anteile an der voestalpine Texas Holding LLC bezifferte die Voest mit “rund 900 Mio. Euro (1 Mrd. Dollar)”. Aufgrund des heutigen Signings werde voestalpine Texas im Jahresabschluss 2021/22 im Sinne von IFRS 5 als “discontinued operation” (aufgegebener Geschäftsbereich, Anm.) ausgewiesen. Der Buchgewinn aus der Transaktion betrage voraussichtlich rund 280 Mio. Euro (“rund 310 Mio. Dollar”), wovon der größere Teil im Jahresüberschuss des Jahresabschlusses 2021/22 erfasst werde. Unter Berücksichtigung der zum heutigen Zeitpunkt erwarteten Verschuldungsentwicklung der voestalpine Texas werde “die Transaktion zum Closing zu einem Liquiditätszufluss in Höhe des Equity Value für 80 Prozent der Anteile an voestalpine Texas von rund 610 Mio. Euro (rund 680 Mio. Dollar) und damit einhergehend zu einer wesentlichen Verringerung der Nettofinanzverschuldung des voestalpine-Konzerns führen”. Vereinfacht gesagt betrug der Kaufpreis 610 Mio. Euro.

Von: apa

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