400 Milliarden Euro falsch ausgegeben

“Weckruf” für die Welt – Bericht fordert Agrar-Hilfen-Reform

Mittwoch, 15. September 2021 | 08:25 Uhr

811 Millionen Menschen waren 2020 unterernährt – gleichzeitig werden fast 400 Milliarden Euro an Hilfen für die Landwirtschaft jedes Jahr falsch ausgegeben. Mit dieser alarmierenden Analyse fordern die Vereinten Nationen alle Staaten auf, ihre Agrar-Subventionen grundlegend zu überdenken. Von einem “Weckruf für die Regierungen der Welt” sprach Qu Dongyu, der Generaldirektor der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UN (FAO).

Laut der am Dienstag vorgestellten Studie sind 87 Prozent der weltweiten Agrar-Hilfen wettbewerbsverzerrend und schaden der Umwelt oder kleinen Unternehmen. 470 Milliarden US-Dollar (398,98 Mrd. Euro) der insgesamt jährlich fließenden 540 Milliarden Dollar müssten anders eingesetzt werden, um nachhaltig und fair zu sein, rechnet der UN-Bericht vor. In Auftrag gegeben wurde er von der FAO, dem Entwicklungsprogramm (UNDP) und dem Umweltprogramm (UNEP) der Vereinten Nationen.

Das Ziel der Forscher ist eine radikale Umverteilung der Gelder in der Landwirtschaft. Die aktuellen Maßnahmen seien nicht nur verbesserungswürdig, “sie halten uns sogar auf”, sagte Achim Steiner, der Leiter von UNDP. “Dieser Report muss uns die Augen öffnen.”

Laut der Studie werden die derzeitigen Hilfen zumeist über Zölle oder Fördergelder verteilt, die an die Herstellung und den Anbau gewisser Güter geknüpft seien. Dies sei ineffizient, verfälsche die Preise, schade der Gesundheit, zerstöre die Umwelt und führe zu Chancenungleichheit, hieß es. Große Agrar-Konzerne würden bevorzugt gegenüber Kleinbetrieben, in denen vielfach Frauen arbeiteten.

Die Hilfe sei “extrem unausgewogen”, heißt es in dem Bericht. Und sollte sie nicht grundlegend reformiert werden, wird sie in den nächsten Jahren auch extrem teuer: Unter den aktuellen Gegebenheiten werde die Landwirtschaft im Jahr 2030 fast 1,8 Billionen US-Dollar an Finanzhilfen verschlingen, rechneten die Wissenschafter vor.

Dabei gehe es nicht nur um die Ernährung. Die Landwirtschaft sei einer der Hauptverursacher für den Klimawandel durch den Ausstoß von Treibhausgasen, etwa durch Dung auf den Feldern, den Reis-Anbau oder das Verbrennen von Getreideabfall. Zugleich aber litten gerade Bauern oder Agrar-Produzenten mit am meisten unter den Folgen der Krise – etwa durch extreme Hitze, Dürren oder Überschwemmungen.

Die Klimaziele des Pariser Abkommens seien mit der derzeitigen Art der Subventionierung nicht zu erreichen. Wohlhabende Länder sollten ihre Unterstützung für die Fleisch- und Milchindustrie reformieren, ärmere Staaten sollten ihre finanziellen Hilfen für giftige Pestizide und Dünger sowie für den Anbau von Monokulturen ändern.

Die UNEP-Chefin Inger Andersen ermahnte die Staaten, die Chance zu nutzen, “die Landwirtschaft zu einem Haupttreiber für das menschliche Wohlergehen und einer Lösung für die Bedrohungen durch den Klimawandel, den Naturverlust und die Umweltverschmutzung zu machen”.

Einige Länder hätten schon damit begonnen, ihre Hilfen für die Landwirtschaft zu reformieren. “Aber es braucht umfangreichere, mutigere und schnellere Maßnahmen, und das weltweit”, heißt es in dem Bericht. Die Hoffnung ist nun, angefangen bei einem “Food Systems Summit” im Rahmen der UN-Generalversammlung am 23. September die Regierungen der Welt zu überzeugen, sich des Problems anzunehmen.

Von: APA/dpa

Kommentare

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8 Kommentare auf "“Weckruf” für die Welt – Bericht fordert Agrar-Hilfen-Reform"


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Neuling
1 Tag 17 h

Höchste Zeit, in vielen Länder arbeiten Kinder mit plosen Händen auf den Feldern damit die Familie etwas zum Essen hat und durch die Naturkatastrophe kommt es oft gar nicht bis zur Ernte. Bei uns bekommen die Bauern die Beiträge, damit sie noch bequemer mit wenig körperlichen Einsatz noch mehr aus ihren Apfelanlagen raus holen können. Wie viele Kinder würden woll nicht verhungern, wenn nur die Gelder für die ganzen Fendts in Südtiroler in die Länder fließen würden wo diese Gelder dringend gebraucht würden 🤔

Faktenchecker
1 Tag 16 h

Es darf nur noch der biologische Anbau gefördert werden.

Zefix
Zefix
Superredner
1 Tag 16 h

und nor muanen olle corona isch a groasses ding…

Jaga1456
Jaga1456
Neuling
1 Tag 15 h

Agrarsubbentionen sind dazu da dass die gross”bauern” weiterhin milliarden kassieren auf kosten der kleinbauer und umwelt.. das ist so gewollt und gefördert, kriminelle stehen an der macht

oli.
oli.
Kinig
1 Tag 12 h

Solange die falschen Empfänger die Hände aufhalten , die Verteiler aus dem Bürostuhl entscheiden wer was bekommt , wird sich nicht viel ändern.

Die Hilfsgelder müssen direkt an die betroffenen bezahlt werden , sonst halten viele ihr Konto hin und die Armen werden immer ärmer.

Chicco
Chicco
Tratscher
1 Tag 16 h

811 Millionen Menschen unterernährt !! Zum schämen !!

Stolzz
Stolzz
Tratscher
1 Tag 10 h

Ich habe mal gelesen, dass weltweit gesehen heute mehr Menschen überernährt, d. h. fettleibig, als unterernährt sind. Es wäre also mehr als genug für alle da, das Problem sind lediglich die gerechte Verteilung und der gerechte Preis!

neidhassmissgunst
neidhassmissgunst
Superredner
1 Tag 13 h

Bemerkenswert ist dass die Südtiroler Milchbauern trotz einiger Grundförderungen rasant weniger werden.  Auch der massive Zusammenhalt und die politische Unterstützung hilft scheinbar nicht mehr. 
Etwa mit 100 Betriebsschließungen pro Jahr, jetzt in Echzeit vielleicht noch insgesamt bei 4350 Betrieben. 

Wenn schon die “prime materie” preislich nach oben schießen, Eisen, Kupfer, Bretter, Strom, Getreide, Benzin, Diesel…wieso dann nicht die Milch? 

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