Von russischen Gasexporten sind alle Seiten abhängig

WIIW: Sanktionen gegen Russland würden allen schaden

Dienstag, 08. Februar 2022 | 12:27 Uhr

Obwohl der Kreml immer wieder beteuert, keinen Angriff auf die Ukraine zu planen, warnen die USA und ihre europäischen Verbündeten vor einem Krieg in Europa und drohen Russland mit schwerwiegenden Folgen, falls es die Ukraine angreifen sollte. In jedem Fall würden sowohl Russland, als auch die EU und die Ukraine durch Sanktionen des Westens gegen Russland schweren wirtschaftlichen Schaden nehmen, sagt das Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW).

Falls sich Russland zu einer Militäraktion entschließen sollte, gibt es dafür nach Ansicht der WIIW-Experten zwei große Szenarien: Das wahrscheinlichere wäre eine beschränkte Militärintervention Russlands in der Ukraine mit gezielten Schlägen gegen militärische und ökonomische Infrastruktur oder den Donbass. Das zweite Szenario, eine vollständige Invasion der Ukraine, wäre für alle Seiten verheerend und gilt daher als unwahrscheinlich. Im ersten Szenario würde das WIIW auch eine begrenztere Sanktionsreaktion erwarten, während eine vollständige Invasion schwerwiegende Sanktionen des Westens nach sich ziehen würde.

Russland habe sich durch große Währungsreserven und eine Abkoppelung vom Dollar teilweise gegen neue Sanktionen immunisiert, sagen die WIIW-Ökonomen, die Auswirkungen begrenzter Sanktionen auf die russische Wirtschaftsleistung oder den Wechselkurs wären also überschaubar. Allerdings sei Russland extrem anfällig für einen Rückgang des Preises oder Volumens seiner Gas- und Ölexporte. Die “nukleare Option”, also eine Beschränkung des Energiehandels zwischen Russland und der EU, hält das WIIW angesichts der beträchtlichen negativen Auswirkungen, die sie auf beide Seiten hätte, für unwahrscheinlich.

Abgesehen von der Unterbrechung des Energiehandels würden die schmerzhaftesten Sanktionen das Abschneiden russischer Banken vom SWIFT-System und den Dollarmärkten sowie Exportverbote für Hightech-Güter nach Russland umfassen. Während sich Russland zunehmend vom Dollar-basierten globalen System isoliert und erhebliche Puffer aufgebaut hat, die es im Falle von Sanktionen einsetzen kann, müsste der Staat im ungünstigen Szenario große Eingriffe vornehmen, um die wirtschaftliche und finanzielle Stabilität aufrechtzuerhalten. Eine weitere Abwertung des Rubel würde den Inflationsdruck erhöhen und die Realeinkommen der Haushalte würden sinken. Die russische Zentralbank würde mit Zinserhöhungen reagieren um den Rubel zu schützen, was wiederum das Wirtschaftswachstum bremsen würde.

Mittelfristig würde Russland isoliert und die ohnehin schwachen Wachstumsaussichten aufgrund struktureller Probleme würden sich weiter verschlechtern, heißt es in der WIIW-Studie. Die EU würde ihre Energiediversifizierung weg von Russland beschleunigen, was für die russische Wirtschaft sehr schädlich wäre. Russland könnte – ebenfalls mittelfristig – seine Energieexporte stärker nach China lenken.

Mit harten Sanktionen gegen Russland im Energiebereich würde die EU aber auch ihrer eigenen Wirtschaft schweren Schaden zufügen. Die CEE-Länder, aber auch Deutschland und Österreich, würden wegen ihrer starken Abhängigkeit von russischem Gas am stärksten leiden. Steil nach oben schießende Energiepreise würden die ohnehin hohe Inflation weiter befeuern, mit negativen Folgen für die Wirtschaft in der gesamten EU, warnen die WIIW-Ökonomen.

Finanzsanktionen gegen Russland könnten einige Großbanken mit starkem Russland-Engagement, darunter auch Raiffeisen UniCredit, hart treffen. CEE-Länder wie Ungarn oder Rumänien müssten mit Währungsabwertungen und steigenden Zinsen auf Staatsanleihen rechnen. Selbst, wenn der Konflikt nicht voll eskalieren sollte, dürften die Energiepreise weiter hoch bleiben oder könnten sogar noch steigen und das Wirtschaftswachstum dämpfen.

Für die ukrainische Wirtschaft wären beide Szenarien sehr negativ, das Land wäre massiv auf westliche Unterstützung angewiesen.

Von: apa