Wirecard nach Bilanzfälschungsskandal insolvent

Wirecard-Insolvenzverwalter kommt mit Zerschlagung voran

Freitag, 21. August 2020 | 16:05 Uhr

Wirecard-Insolvenzverwalter Michael Jaffe macht erste Fortschritte bei der Zerschlagung des in einem Bilanzskandal zusammengebrochenen deutschen Zahlungsabwicklers. Für die brasilianische Tochter mit gut 200.000 Kunden hat Jaffe mit dem heimischen, an der New Yorker Börse gelisteten Zahlungsdienstleister PagSeguro Digital einen Käufer gefunden.

In Großbritannien steht Jaffe kurz vor dem Verkauf des operativen Geschäfts der Wirecard Card Solutions, die vor allem Online-Transaktionen für Fintech-Unternehmen abwickelt und Kreditkarten ausgibt. Auch für die US-Tochter und das deutsche Kerngeschäft gebe es Interessenten, teilte Jaffe am Freitag mit. Die Zeit drängt: Bis Ende August muss er Klarheit haben, welche Teile von Wirecard sich verwerten lassen oder allein überlebensfähig sind. Zumindest einem Teil der rund 1.500 deutschen Mitarbeiter droht dann die Kündigung.

Um den 1. September wird das Insolvenzverfahren über die Wirecard AG und ein halbes Dutzend deutsche Töchter offiziell eröffnet. Vorher muss Jaffe sein Insolvenzgutachten über den Zustand und die Perspektiven des tief gefallenen Unternehmens dem Gericht vorlegen. Nur bis Ende August bekommen die deutschen Mitarbeiter Insolvenzgeld von der Arbeitsagentur, danach müsste die Belegschaft wieder aus der Firmenkasse bezahlt werden. Doch Jaffe darf keine weiteren Verluste anhäufen, die zulasten der Gläubiger gehen würden. Die Gewerkschaft Verdi geht davon aus, dass ein Drittel der heimischen Arbeitsplätze gerettet werden kann, wenn Jaffe das Kerngeschäft als Ganzes verkauft bekommt. Der erfahrene Jurist hatte unter anderem das Medienimperium von Leo Kirch und den Chip-Hersteller Qimonda abgewickelt.

Der Insolvenzverwalter hat die wichtigsten Firmenteile von Wirecard in Deutschland gebündelt, um sie für einen Verkauf vorzubereiten. “In dieser unübersichtlichen Struktur wäre das für einen Käufer sonst nicht finanzierbar gewesen”, sagte ein Insider. “Es ging darum, das Geschäft auf den realistischen Kern zurückzustutzen.” Wirecard hat sich vor allem mit der Abwicklung und Absicherung von Zahlungen über Kreditkarten im Internet und an Ladenkassen profiliert.

Eine Sonderrolle nimmt die Wirecard Bank ein, die selbst nicht pleite, aber mit dem Kerngeschäft eng verwoben ist. Sie war unter der Ägide der Finanzaufsicht BaFin von der Wirecard AG abgeschirmt und stabilisiert worden. Ob sie am Ende zusammen mit dem Kerngeschäft oder separat verkauft wird, hänge vom Interesse der möglichen Käufer ab, hieß es in Firmenkreisen. Jaffe sagte nur: “Es gibt mehrere namhafte Interessenten, die indikative Angebote abgegeben haben.” Für Teile von Wirecard interessiert sich auch die Deutsche Bank.

Wirecard musste Ende Juni Insolvenz anmelden, nachdem sich 1,9 Milliarden Euro in der Bilanz als nicht existent entpuppten. Nach Erkenntnissen der Münchner Staatsanwaltschaft haben die Manager von Wirecard die Bilanz mit Luftbuchungen in Asien über Jahre künstlich aufgebläht und damit Verluste im Kerngeschäft kaschiert. Allein Banken und Investoren seien um mehr als drei Milliarden Euro geprellt worden. Die Wirtschaftsprüfer von EY, die die Bilanzen des vermeintlichen Aushängeschilds der Fintech-Branche in Deutschland mehr als zehn Jahre lang testiert hatten, werfen dem Management um Vorstandschef Markus Braun und seinen flüchtigen Vertrauten Jan Marsalek vor, sie bewusst getäuscht zu haben.

Noch vor zwei Jahren war das Unternehmen an der Börse fast 25 Milliarden Euro wert, am Freitag wurde die Aktie zum letzten Mal im Leitindex DAX gehandelt. Von mehr als 190 Euro ist sie auf zuletzt 1,32 Euro abgestürzt. Vom Erlös aus der Zerschlagung werden die Aktionäre nichts sehen. Denn allein die Gläubiger dürften rund vier Milliarden Euro fordern. Der Verkauf der einzelnen Firmenteile könnte nach Schätzungen von Insidern etwa ein Zehntel davon einbringen. Zum Kaufpreis für Wirecard Brazil äußerte sich PagSeguro nicht.

Weitere Verkaufsprozesse laufen. Die britische Wirecard Card Solutions sei sich mit dem Rivalen Railsbank grundsätzlich einig über den Verkauf der Technologie und des Kundenstamms. Der Rest des dortigen Geschäft dürfte abgewickelt werden. Die Zeitung “The Times” zitierte Railsbank-Chef und -Gründer Nigel Verdon, er wolle den Ruf seiner Firma nutzen, um das verlorene Vertrauen in den ganzen Payment-Sektor wieder herzustellen. Für das US-Geschäft mit Kreditkarten, das Wirecard 2016 von der Großbank Citi übernommen hatte, würden in Kürze bindende Gebote fällig. Vor allem Finanzinvestoren zeigten Interesse, sagten Insider. Auch in Asien, wo Wirecard offenbar einen Großteil der Umsätze mit Partnern erfunden hat, sieht Jaffe Chancen, einige Töchter zu verwerten.

Von: APA/ag.

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