US-Verhaltensökonom Richard H. Thaler

Wirtschafts-Nobelpreis für US-Ökonom Richard Thaler

Montag, 09. Oktober 2017 | 15:11 Uhr

Für seine Erforschung der Psychologie hinter wirtschaftlichen Entscheidungen bekommt der US-Wissenschafter Richard H. Thaler den diesjährigen Nobelpreis für Wirtschaft. Das gab die Königlich-Schwedische Wissenschaftsakademie am Montag in Stockholm bekannt. Thaler (72) lehrt an der Universität Chicago.

Der Verhaltensökonom habe gezeigt, dass begrenzte Rationalität, soziale Präferenzen und ein Mangel an Selbstbeherrschung systematisch Entscheidungen und Marktergebnisse beeinflussten, hieß es in der Begründung der Akademie. Verliehen wird der Preis am 10. Dezember.

“Marktakteure sind menschlich” – das ist nach Thalers Ansicht die wichtigste Erkenntnis aus seiner Forschung. “Wirtschaftliche Modelle müssen das berücksichtigen”, sagte der US-Forscher am Montag in einem Telefongespräch mit der Königlich-Schwedische Wissenschaftsakademie in Stockholm. Die Akademie hatte den 72-Jährigen in Chicago aus dem Bett gerissen, um ihn über seine Auszeichnung zu informieren. Sein erster Gedanke sei gewesen, dass er seinen Freund Eugene Fama jetzt nicht mehr “Professor” nennen müsse, meinte Thaler. Fama hatte 2013 den Wirtschafts-Nobelpreis gewonnen.

Nach dem Preisgeld von umgerechnet rund 940.000 Euro gefragt, sagte Thaler scherzend, eines seiner Spezialgebiete sei die “geistige Buchhaltung”. Deshalb könne er nicht laut beantworten, was er damit anfangen werde. Er werde “versuchen, es so unvernünftig wie möglich auszugeben”.

“Es ist höchst verdient, dass er gewonnen hat. Er ist schon zweimal zu kurz gekommen”, sagte Jean-Robert Tyran, Dekan der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften der Universität Wien, dessen Spezialgebiet Behavioral Experimental Economics ist, im Gespräch mit der APA.

“Das erste Mal ist er zu kurz gekommen, als Daniel Kahnemann den Nobelpreis (2002, Anm.) gewonnen hat. Er ist in Stockholm neben ihm gesessen bei der Verleihung und hat ein saures Gesicht gemacht, er wäre dort schon eigentlich auf der Liste gewesen, aber Kahneman hat sich den Preis geteilt mit Vernon Smith. Und dann hätte er ihn auch für Behavioral Finance verdient, aber da hat Robert Shiller ihn mit zwei anderen (2013 mit Lars Peter Hansen und Eugene Fama, Anm.) geteilt, da ist er auch wieder zu kurz gekommen”, sagte Tyran am Montag zur APA.

Richard Thaler ist Co-Autor des Buches “Nudge: Improving Decisions About Health, Wealth and Happiness”, in dem er beschreibt, wie man Menschen mit niederschwelligen Maßnahmen dazu bewegt, die richtigen Entscheidungen zu treffen – etwa weniger Energie zu verbrauchen oder die Rundfunkgebühren zu bezahlen. “Das Buch hat die Profession sehr stark bewegt, weil es angewandte Politiklösungen beschreibt, die auf Einsichten von Behavioral Economics basieren”, erklärte Tyran. Auch der frühere US-Präsident Barack Obama war ein Anhänger der Nudge-Theorie.

Auch heuer geht der Wirtschaftsnobelpreis also wieder an einen US-Ökonomen. Seit der ersten Preisvergabe 1969 hatte die Königlich-Schwedische Wissenschaftsakademie vor allem US-amerikanische Wirtschaftsforscher mit der Auszeichnung bedacht. Im vergangenen Jahr wurden der Amerikaner Oliver Hart und der Finne Bengt Holmström, die beide in den USA lehren, für Forschungen zu Vertrags-Konstruktionen etwa von Top-Managern geehrt.

Nur ein Österreicher wurde bisher geehrt: Friedrich August von Hayek wurde 1974 für seine Arbeiten auf dem Gebiet der Geld- und Konjunkturtheorie und seine Analysen der wechselseitigen Abhängigkeit von wirtschaftlichen, sozialen und institutionellen Verhältnissen ausgezeichnet. Zudem wurde die Ehre bisher nur einer Frau zuteil: 2006 bekam die US-Umweltökonomin Elinor Ostrom den Wirtschafts-Nobelpreis.

Die mit neun Millionen schwedischen Kronen (rund 940.000 Euro) dotierte Auszeichnung geht – anders als die klassischen Nobelpreise – nicht auf das Testament des schwedischen Erfinders Alfred Nobel zurück. Die schwedische Reichsbank stiftete den Preis 1968 nachträglich, um bedeutende Ökonomen zu würdigen. Offiziell heißt er deshalb “Preis der schwedischen Reichsbank für Wirtschaftswissenschaften zum Andenken an Alfred Nobel”.

In der vergangenen Woche waren in Stockholm und Oslo bereits die Träger der klassischen Nobelpreise für Medizin, Physik, Chemie, Literatur und Frieden verkündet worden. Verliehen wird der Wirtschafts-Preis gemeinsam mit ihnen am 10. Dezember, dem Todestag von Preisstifter Nobel.

Von: APA/dpa