Der rote Teppich ist ausgerollt

Zweigeteilt: Arbeitnehmer zwischen Wirtschaftsaufschwung und Inflation

Freitag, 22. Juli 2022 | 10:49 Uhr

Bozen – Zu Jahresmitte lässt sich die Zwischenbilanz 2022 für Südtirols Wirtschaft durchaus sehen: Der Tourismus hat wieder angezogen, die Investitionsbereitschaft bleibt robust, der Außenhandel bricht alle Rekorde, die Anzahl an lohnabhängig Beschäftigten hat ihr Allzeithoch erreicht. Gleichzeitig wiegen die Unsicherheitsfaktoren auf internationaler Ebene schwer: Energiepreisschock, Rezessionsängste, Lieferengpässe, verbunden mit einem möglichen Wiederaufflammen der Pandemie, der Ukraine-Krieg. Und trotzdem: Im Hinblick auf die wirtschaftliche Entwicklung Südtirols in den nächsten zwölf Monaten sind die vom AFI | Arbeitsförderungsinstitut befragten Arbeitnehmerinnen und -nehmer wieder zuversichtlicher – der Index ist nach dem kriegsbedingten Einbruch im Frühjahr wieder in den positiven Bereich geklettert. „Was die Perspektiven im Fall von Jobwechsel anbelangt gewinnt man den Eindruck, wechselbereiten Arbeitnehmern würde regelrecht der rote Teppich ausgerollt“, kommentiert AFI-Direktor Stefan Perini. „Wir sehen allerdings ein Stimmungsbild, das noch stärker als im Frühjahr zweigeteilt ist“, fährt Perini fort. „Die Indikatoren, welche die Tendenzen am Arbeitsmarkt beschreiben, haben sich noch weiter verbessert, jene, welche die wirtschaftliche Situation der Familien abbilden, noch weiter verschlechtert. Das Problem ist also immer weniger der Arbeitsmarkt, sondern die Brieftasche der Arbeitnehmerfamilien.“

Vor dem Hintergrund von Preisschocks, Lieferengpässen und des Ukrainekriegs gerät der internationale wirtschaftliche Aufschwung ins Stocken. Die führenden internationalen Forschungsinstitute haben ihre Wachstumsprogosen 2022 nach unten revidiert – insbesondere für Deutschland. Die europäische Kommission weist in ihrem Sommer-Report folgende Wirtschaftswachstumsraten für 2022 aus: Euroraum: +2,6 Prozent; Deutschland: +1,4 Prozent; Österreich: +3,7 Prozent; Italien: +2,9 Prozent – eine weitere Revidierung nach unten hat die Kommission schon angekündigt.

Die Reihung der bestimmenden Themen ändert sich im Vergleich zum Frühjahr ein weiteres Mal: Nun stehen der Energiepreisschock und die steigen Lebenshaltungskosten ganz oben, gefolgt von allgemeinen Rezessionsängsten und möglichen Lieferengpässen in Zusammenhang mit der Null-Covid-Strategie Chinas. Der militärische Konflikt in der Ukraine hat in der Debatte nicht mehr den Stellenwert wie noch vor drei Monaten. Was die Preissteigerungen betrifft, haben sich bereits die Preise für Industrieprodukte an den Rohstoffmärkten zurückgebildet, womit der Druck auf die Inflation zurückgehen sollte. Experten sehen den Höhepunkt der Inflation mit Jahresmitte 2022 überschritten. Darüber hinaus dürfte ab Herbst der sogenannte „Basiseffekt“ zum Tragen kommt. Durch das Zusammenspiel dieser beiden Faktoren dürfte sich die Inflationsrate schrittweise wieder zurückbilden und auf jedem Fall auf Jahresbasis im einstelligen Bereich bleiben.

Zufriedenstellende Zwischenbilanz für Südtirols Wirtschaft

Südtirols wirtschaftliche Zwischenbilanz 2022 ist durchaus zufriedenstellend. Am deutlichsten sichtbar wird das bei der Zahl der touristischen Nächtigungen, die sich im Vergleich zu den ersten fünf Jahresmonaten des Vorjahres verachtfacht haben (sie liegen allerdings noch -8,5 Prozent unter dem Niveau von 2019). Der Außenhandel erreicht ein neues Rekordniveau (Exporte: +12,7 Prozent; Importe: +41,9 Prozent zum Vorjahresquartal). Die anhaltend hohe Kreditnachfrage (+4,9 Prozent) zeugt von einer intakten Investitionsbereitschaft sowohl bei den Unternehmen (+4,5 Prozent) als auch bei den Privathaushalten (+6,7 Prozent). Zum Problemfall geworden ist die Inflation, die im Juni in Bozen auf +9,7 Prozent geklettert ist – die kumulierte Inflation seit Jahresbeginn bringt es auf 8,0 Prozent. Mit Blick auf den Arbeitsmarkt erreicht die Anzahl lohnabhängig Beschäftigter ihr historisches Maximum (216.120 im Halbjahresschnitt 2022; +8,4 Prozent zum Vorjahreszeitraum). Trotzdem stagniert die Erwerbstätigenquote der 15- bis 64-Jährigen.

Zweigeteilte Situation hält an

Die Trends, die sich bereits im Frühjahrs-Barometer abgezeichnet hatten, bestätigen sich nun auch in der Sommerwelle und verstärken sich sogar noch, nämlich: Die Indikatoren, welche die Perspektiven am Arbeitsmarkt beschreiben, zeigen nach oben. Jene, welche die wirtschaftliche Situation der Familien abbilden, nach unten.

Positiv: Südtirols Arbeitnehmerinnen und -nehmer gehen davon aus, dass sich die Südtiroler Wirtschaft in den nächsten zwölf Monaten tendenziell positiv entwickeln wird (Index: +9). Noch vor drei Monaten waren die Einschätzungen vor dem Eindruck der russischen Invasion in die Ukraine spürbar eingebrochen (Indexwert: -19). Die Zahl an Arbeitslosen dürften sich nach Einschätzung der Befragten in Südtirol ein weiters Mal zurückbilden. Das Risiko, den eigenen Arbeitsplatz zu verlieren, ist gering. Eine besonders eindrucksvolle Entwicklung zeigt die Einschätzung der potenziellen Schwierigkeiten im Jobwechsel: noch nie war es für Arbeitnehmer so leicht, eine andere gleichwertige Arbeitsstelle zu finden (der Index klettert auf +22).

Negativ: Vor dem Hintergrund einer Inflationsrate von nahezu zehn Prozent hat sich die Fähigkeit der Arbeitnehmer, mit dem Einkommen ein Auskommen zu finden, ein weiters Mal etwas verschlechtert. Auch die Indikatoren, welche die finanzielle Situation der eigenen Familie bzw. die Sparmöglichkeiten abbilden, bleiben bestenfalls stabil.

Eine Kuriosität: Steigende Anzahl an freiwilligen Kündigungen und an Nichterwerbspersonen

Das Phänomen der freiwilligen Kündigungen von Personen mit Festanstellung macht sich auch in Südtirol breit. Nach Angabe der Abteilung Arbeit hat die Zahl um +27 Prozent zum Vorjahr zugenommen. Parallel dazu beobachtet man eine weitere Entwicklung: die Zahl der Nicht-Erwerbspersonen (das sind Personen, die nicht einer bezahlten Erwerbstätigkeit nachgehen, aber auch nicht auf Arbeitssuche sind – Quelle: ISTAT Arbeitskräfteerhebung), ist zwischen dem ersten Quartal 2020 und dem ersten Quartal 2022 um 4.800 Personen angestiegen. Das entspricht immerhin mehr als der Hälfte der amtlich für Südtirol ermittelten Arbeitslosenzahl (7.900).

BIP-Prognose für Südtirols Wirtschat auf +2,5 Prozent abgesenkt

Die gute Nachricht voraus: Nach aktuellem Wissensstand wird Südtirols Wirtschaft 2022 auf Wachstumskurs bleiben. Die schlechte: Die Zuwachsrate wird nicht so stark ausfallen, wie vom AFI noch im Spätherbst 2021 erwartet (damalige Prognose: +3,9 Prozent). Die derzeit hohe Inflation beschneidet den privaten Konsum signifikant. Südtirols Arbeitnehmer wollen vor allem beim Reisen und bei aufschiebbaren Ausgaben den Gürtel enger schnallen. Die Zeit der Niedrigzinsen dürfte definitiv vorbei sein. Die EZB hat gestern (21.07.2022) zum ersten Mal seit elf Jahren einen ersten Zinsschritt von 0,5 Prozentpunkten vollzogen – ein weiterer im September sollte folgen. Ungünstigere Kreditbedingungen dürften Unternehmensinvestitionen und den Wohnungskauf von Privatpersonen einbremsen. Der Tourismus sollte sich nach aktueller Buchungslage auf Normalniveau entwickeln. Der starke Dollar wird Exporte außerhalb des Euro-Raums begünstigen. Doch externe Unsicherheitsfaktoren wiegen schwer: die Entwicklung des Ukraine-Konflikts, die Regierungskrise in Italien, die Pandemie, die Inflation.

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Die BIP-Prognose des AFI für die Südtiroler Wirtschaft im Jahr 2022 (+2,5 Prozent) bewegt sich verglichen mit ASTAT und WIFO nun am unteren Rand.

„Das Aufflammen der Inflation in den letzten Monaten stellt viele Arbeitnehmerfamilien vor eine große Belastungsprobe. Eine fast zehnprozentige Inflation wird zu einer Veränderung der Kaufgewohnheiten und der Kaufbereitschaft führen, die im Herbst auch am Arbeitsplatz Folgen haben wird. Um dies zu vermeiden, sind die zweite kollektivvertraglich Verhandlungsebene und gezielte, gerechte Maßnahmen unter Verwendung der zusätzlichen Einnahmen und Überschüsse unerlässlich. Wir müssen verhindern, dass diese Energiekrise zu einer sozialen Krise wird“, erklärt AFI-Vizepräsidentin Cristina Masera.

„Wir steuern in Südtirol auf eine Situation zu, ja befinden uns schon darin, die in unserer Landesgeschichte einmalig ist: dass Nachfrage nach Arbeitskräften besteht, aber nicht genügend Arbeitskräfte da sind. Dieser Tendenz, die für den Arbeitsstandort Südtirol bedenklich ist, müssen wir entgegenwirken. Es gilt mehr denn je, einerseits Arbeitskräftepotenzial, das im Land vorhanden ist, zu aktivieren und andererseits gezielt Fachkräfte von außerhalb ins Land zu holen“, so Wirtschaftslandesrat Philipp Achammer.

Von: mk

Bezirk: Bozen

Kommentare

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8 Kommentare auf "Zweigeteilt: Arbeitnehmer zwischen Wirtschaftsaufschwung und Inflation"


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OrB
OrB
Universalgelehrter
19 Tage 11 Min

Wenn wir Fachkräfte von Aussen holen wollen, dann wird man tief in die Brieftasche greifen müssen, die Abwanderung der Fachkräfte ist größtenteils auf schlechte Verdienstmöglichkeiten zurückzuführen.

Faktenchecker
18 Tage 22 h

Aussen gibt es diese auch nicht. Nicht studieren sondern Handwerk lernen.

N. G.
N. G.
Kinig
18 Tage 17 h

@Faktenchecker Fakt ist, dass es Handwerker brauch.
Fakt, Faktenchecker ist auch, dass damit ganz andere Fachkräfte gemeint sind denn nur vom Handwerk lebt hier niemand!
Wer nicht mit der Zeit geht, bzw. an dem die Zeit vorüber gegangen ist oder einfach mit der Moderne nicht mehr klar kommt, wird abgehängt! Grins

ieztuets
ieztuets
Tratscher
19 Tage 1 h

Wieso isches nit endlich meglich in die Leit durch Steuersenkungen a eppas von Wirtschaftsaufschwung mitn Einkommen weiterzugeben (obr lei in die Normalverdiener und Rentner, nit in die Schlupflöcher) in den Stoot ischs woll vold wurscht wieviel Geld ausngeworfn weart!

N. G.
N. G.
Kinig
18 Tage 17 h

Fachkräfte, zumindest die ich kenne, denen geht es nicht in erster Linie ums Geld. Das mag für dich zutreffen aber der Großteil sucht Work Live Balance und die gibt es in Südtirol nirgends!

l OneManArmy l
l OneManArmy l
Superredner
18 Tage 10 h

weil mr di anleihenzinsen zohln miasn mitn geld

Rosenrot
Rosenrot
Superredner
18 Tage 18 h

OrB: Da gebe ich Dir nicht recht: gut ausgebildete Fachkräfte verdienen auch in Südtirol sehr gut. Der Trend ist eben, ins Ausland zu gehen, um dort Erfahrungen sammeln. Immer mehr junge Leute sind nicht mehr ortsgebunden, sie wollen etwas Neues wagen und erleben.

l OneManArmy l
l OneManArmy l
Superredner
18 Tage 10 h

klar hat man kein bock wenn man in 15 jahren 25% an kaufkraft verliert.

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