Im heurigen Bergsommer gab es mehr Alpinunfälle

Alpine Vereine warnen vor steigenden Gefahren am Berg

Freitag, 25. September 2026 | 13:26 Uhr

Von: importer

Gletscherschwund, instabile Wege und zunehmende Wasserknappheit setzen der alpinen Infrastruktur in Österreich zu. Bei einem gemeinsamen Pressegespräch anlässlich der Internationalen Bergtage Wien haben der Verband alpiner Vereine Österreichs (VAVÖ), der Österreichische Alpenverein und die Naturfreunde Österreich am Freitag vor den Folgen des Klimawandels für den Bergsport gewarnt. In der heurigen Sommersaison gab es wieder mehr Alpinunfälle und mehr Verletzte.

Gerald Dunkel-Schwarzenberger, Präsident des VAVÖ, Wolfgang Schnabl, Präsident des Österreichischen Alpenvereins, und Naturfreunde-Vorsitzender Andreas Schieder zogen Bilanz über die Veränderungen im alpinen Raum. Steigende Temperaturen verändern demnach Routen und Gefahrenlagen und stellen die bisherige alpine Infrastruktur vor neue Herausforderungen. Sie fordern eine langfristige Absicherung der Finanzierung von Hütten und Wegen.

Gletscherspaltenstürze fast verdreifacht

Wie stark sich die Bedingungen verändert haben, zeigt laut den Vereinen die Bergunfallbilanz des Österreichischen Kuratoriums für Alpine Sicherheit (ÖKAS). Zwischen 1. Mai und 13. September 2026 wurden 19 Gletscherspaltenstürze registriert. Das sind fast dreimal so viele wie im Zehnjahresmittel von sieben. Ein Unfall Ende Juli 2026 endete für eine 32-jährige Bergsteigerin aus Tschechien an der Wildspitze in Tirol tödlich.

Als Ursachen für die Zunahme bei den Gletscherstürzen werden lang anhaltende Plusgrade in Höhen über 3.000 Metern, instabile Schneebrücken und zunehmende Blankeisflächen genannt. Bergsteiger mussten demnach teilweise neue Routen wählen, weil bisherige Wegführungen nicht mehr sicher begehbar waren.

In den Alpen steigen die Temperaturen mehr als doppelt so schnell wie im globalen Mittel. “Der Ausblick ans Ende des Jahrhunderts ist ein düsterer”, sagte Dunkel-Schwarzenberger. Plus drei bis fünf Grad sind bis dahin möglich.

Mehr Unfälle im heurigen Bergsommer

Auch insgesamt lag die Zahl der Unfälle im Bergsommer 2026 über dem langjährigen Durchschnitt. 2.742 Menschen verunfallten beim Wandern, auf Hochtouren, beim Klettern und am Klettersteig. Im Zehnjahresmittel waren es 2.351. Gleichzeitig wurde mit 62 Todesopfern in diesen vier Disziplinen ein Tiefstwert gegenüber dem Zehnjahresmittel von 80 verzeichnet. 30 Personen verunglückten durch Sturz, Stolpern oder Ausrutschen, 18 Menschen starben wegen Herz-Kreislauf-Problemen. Fast die Hälfte aller Alpinunfälle passierten in Tirol, erläuterte Dunkel-Schwarzenberger. 32 Prozent, also ein Drittel der betroffenen Verunfallten, waren Österreicher, den Großteil machten im heurigen Sommer mit 44 Prozent Deutsche aus. Der Rest verteilte sich auf andere Nationen, wie etwa die Niederlande mit fünf Prozent oder Tschechien mit vier Prozent, so die Zahlen des Kuratoriums für Alpine Sicherheit.

Insgesamt starben zwischen Mai und dem Ende der Sommerferien in Westösterreich 104 Menschen auf Österreichs Bergen, 60 Prozent bei den vier Disziplinen. Wandern ist am gefährlichsten: 65 Prozent der Unverletzten, 47 Prozent der Verletzten und die Hälfte der Toten waren als Wanderer unterwegs.

Nach Angaben der alpinen Vereine war bei mehr als der Hälfte der terrestrischen Bergungen und Hubschraubereinsätze kein medizinischer oder unfallbedingter Grund vorgelegen. Bei unverletzt Geretteten waren demnach Erschöpfung mit 28 Prozent sowie Verirren oder Versteigen mit 26 Prozent die häufigsten Gründe. Besonders Jüngere geraten unverletzt in Bergnot, in der Altersgruppe von elf bis 40 Jahren waren 57 Prozent der Geretteten unverletzt, in der Gruppe 41 bis 70 Jahre wurden nur 35 Prozent ohne Verletzungen geborgen. Den größten Anteil haben Erschöpfung, gefolgt von Verirren und Versteigen, sagte der VAVÖ-Präsident.

Neue Gefahren verändern Tourenplanung

“Der Berg hat sich verändert, und die Vorbereitung vieler Bergsteigerinnen und Bergsteiger hält damit nicht Schritt”, sagte Dunkel-Schwarzenberger. Es brauche Tourenbeschreibungen und Weginformationen, die den aktuellen Zustand abbildeten, sowie eine langfristig gesicherte alpine Infrastruktur.

Mit den veränderten Bedingungen verlieren laut den Vereinen auch langjährige Erfahrungswerte an Aussagekraft. Firnfelder würden zu Blankeis, Schneebrücken früher instabil, Randklüfte größer. Gleichzeitig erhöhe auftauender Permafrost die Steinschlaggefahr an Wänden und Graten.

Für Bergsteiger bedeute dies unter anderem frühere Aufbrüche, angepasste Ausrüstung und eine größere Bereitschaft zur Umkehr. Auch die Planung von Wasserreserven, Tageszeit und eigenen körperlichen Reserven werde wichtiger. Alpenverein und Naturfreunde wollen mit Ausbildung sowie laufend aktualisierten Tourenbeschreibungen und Wegeinformationen auf die veränderten Bedingungen reagieren. Die Berge müssten “ernst genommen werden”, forderte Naturfreunde-Vorsitzender Schieder. Es sei auffällig, dass “ein Stück weit das Bewusstsein für alpine Risiken abnimmt oder nicht vorhanden ist”, sagte Martin Gurdet, Bundesgeschäftsführer der Österreichischen Bergrettung.

Wasserknappheit belastet Hütten

Besonders unmittelbar bekommen die alpinen Vereine die Folgen des Klimawandels bei der Wasserversorgung zu spüren. Längere Trockenperioden, geringere Niederschläge und der Rückgang von Schneefeldern und Gletschern als natürliche Wasserspeicher treffen vor allem hoch gelegene Hütten. In diesem Sommer mussten nach Angaben der Vereine einzelne Hütten wegen Wasserknappheit schließen. Neue Quellfassungen, größere Zisternen, Regenwassernutzung und Trockentoiletten seien notwendige, zugleich aber kostenintensive Anpassungen.

Auch bei den Wegen steigt der Aufwand. Österreichs alpine Vereine halten rund 50.000 Kilometer Wege instand, größtenteils ehrenamtlich. Der Klimawandel führt nach Angaben der Vereine dazu, dass zahlreiche Wege adaptiert oder Alternativrouten gefunden werden müssen. Schnabl verwies als Beispiel auf die Route auf das Zuckerhütl im Stubaital. Regionale Bergführer hätten gemeinsam beschlossen, die Tour im Sommer aufgrund des Steinschlagrisikos nicht mehr anzubieten, erläuterte der Alpenvereinspräsident.

In Österreich gibt es insgesamt 422 Schutzhütten, davon 272 in alpiner Lage. Sie dienen unter anderem als Rückzugsorte bei Schlechtwetter, sind Bestandteil der touristischen Infrastruktur und fungieren als Meldestellen für alpine Notfälle. Nach Angaben der Vereine kann nahezu keine Hütte ihre Instandhaltung aus dem laufenden Betrieb finanzieren. Im Durchschnitt können drei bis vier Hütten pro Jahr nicht weitergeführt werden, zudem müssen einzelne Wege gesperrt oder aufgelassen werden. Gleichzeitig sind die Baukosten nach Angaben der Vereine innerhalb von zehn Jahren um 48,6 Prozent gestiegen. Extremwetterereignisse verursachen zusätzliche Schäden, während auftauender Permafrost Steinschlag und Felsstürze begünstigt und die Haftungsanforderungen für Wegehalter steigen.

Forderung nach langfristiger Finanzierung

Für eine stärkere öffentliche Unterstützung der alpinen Infrastruktur sehen die Vereine nach eigenen Angaben breite Zustimmung. Die Petition “Notruf aus den Alpen” wurde laut VAVÖ von mehr als 105.000 Menschen unterstützt. Das Anliegen wurde in das Regierungsprogramm aufgenommen. Die Fördermittel für 2026 und 2027 wurden demnach auf insgesamt 15,44 Mio. Euro erhöht. Diese Unterstützung reiche jedoch nicht aus, um die anstehenden Aufgaben zu erfüllen, sagte Schieder.

Der VAVÖ fordert eine langfristige Finanzierung und hält an der Forderung nach 95 Mio. Euro über fünf Jahre fest. Der erhobene Investitionsbedarf liege sogar bei 125 Mio. Euro. 30 Mio. Euro würden die insgesamt elf alpinen Vereine selbst tragen.

“Die Erhöhung der Fördermittel war ein wichtiges Signal, aber sie ist auf zwei Jahre befristet, während uns der Klimawandel dauerhaft mehr Schäden bringt”, sagte Dunkel-Schwarzenberger. Wer Hütten und Wege erhalten wolle, müsse langfristig planen können. “Mit dem Geld bekämpfen wir die Symptome des Klimawandels”, sagte Schnabl.

Vereine wollen Klimaschutz vorantreiben

Neben der Anpassung an die Folgen des Klimawandels wollen die Vereine auch ihre eigenen Emissionen reduzieren. Der Alpenverein hat sich mit seiner 2024 beschlossenen Klimastrategie das Ziel gesetzt, bis 2033 klimaneutral zu werden. Eine erste Treibhausgas-Gesamtbilanz soll noch heuer Einsparpotenziale identifizieren. Diese werden vor allem in den Bereichen Mobilität, Hüttenbetrieb und Beschaffung erwartet.

Bei den Naturfreunden weist eine aktuelle Treibhausgasbilanz Einsparpotenziale von rund 4.100 Tonnen CO2-Äquivalenten pro Jahr aus. Fast die Hälfte davon entfällt demnach auf den Hüttenbetrieb. Eine Klimastrategie befindet sich derzeit in Ausarbeitung, erste Maßnahmen sollen ab 2027 umgesetzt werden.

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