Turin - Seit mehr als sechs Jahrzehnten steht Adriano Onofrio Barbieri hinter dem Barbierstuhl. Der heute 74-Jährige lernte sein Handwerk bereits als Achtjähriger in Sant’Onofrio in Kalabrien, wo er vormittags zur Schule ging und nachmittags beim Barbier lernte und arbeitete. 1962 zog er mit seiner Familie nach Turin, wo er 1974 sein eigenes Geschäft eröffnete. Noch heute arbeitet er im Stadtteil Barriera di Milano, am Corso Giulio Cesare und verfolgt einen ganz besonderen Traum. Vor rund 25 Jahren entdeckte Barbieri die Geschichte seines Berufs und machte diese zu seiner großen Leidenschaft. Seitdem hat er in ganz Italien Antiquitätenläden und Trödelmärkte besucht und eine außergewöhnliche Sammlung über 25. 000 Gegenstände aufgebaut. “Jeden Sonntag habe ich mich ins Auto gesetzt und bin ganz in der Früh losgefahren, um rumzustöbern“ berichtet Barbieri. Seine Sammlung reicht von historischen Werkzeugen und Möbelstücken bis hin zu seltenen und kuriosen Objekten aus mehreren Jahrhunderten. Besonder stolz ist Barbieri auf seinen historischen Rasierpinsel mit einer Messinghülle, der einst mit Gabriele D’Annunzio beworben wurde, sowie zwei detailreiche Miniaturnachbildungen historischer Barbierstuben, die er selbst, gemeinsam mit einem Freund, nachgebildet hat. Kurios sind auch die Tassen aus dem 19. Jahrhundert mit einer speziellen Aussparung, die beim Trinken den Schnurrbart schützen sollte. Sein Geschäft ist ein Stück weit zu einem kleinen Museum geworden. Viele Stücke befinden sich dort, während besonders wertvolle Objekte aus Platzgründen in verschiedenen Lagerräumen aufbewahrt werden. Durch die Mundpropaganda unter Liebhabern solcher Sammlerstücke und die zunehmende mediale Aufmerksamkeit ist sein Geschäft inzwischen zu einem Anziehungspunkt für Besucher aus aller Welt geworden. Seine Sammlung erzählt von der Entwicklung eines uralten Handwerks, das eng mit dem gesellschaftlichen Leben verbunden war. Der Traum eines echten Museums Für seine Leidenschaft hat Barbieri nicht nur unzählige Stunden, sondern auch sehr viel Geld investiert. Statt seinen Ruhestand zu genießen, verbringt er seine freie Zeit noch immer damit, nach neuen Stücken für seine Sammlung zu suchen. Sein großer Traum ist es, die Sammlung eines Tages in einem permanenten Museum unterzubringen. Dafür hat er sogar einen Verein gegründet und wollte seine Sammlung dem Museum zur Verfügung stellen. Doch das Projekt scheiterte bislang an den hohen Kosten für die vorgesehenen Räumlichkeiten. Aufgeben will Barbieri trotzdem nicht. „Ich habe einen Traum“, sagt er, „und ich möchte ihn verwirklichen. Glücklicherweise habe ich viele Freunde und Menschen, die mich dabei unterstützen. Ich habe bereits eine Ausstellung organisiert, die rund 30. 000 Besucher angezogen hat.“ Eines steht für ihn allerdings außer Frage: Seine Sammlung wird er niemals verkaufen. „Diese Sammlung ist mein ganzes Leben“, sagt er – gleich nach seiner Familie. Vielleicht ist es genau diese Haltung, die Menschen wie Adriano Barbieri und seine Generation so besonders macht. Sie kämpfen für ihre Leidenschaft, setzen sich für sie ein und leben sie – neben ihrer alltäglichen Arbeit, die ihren Lebensunterhalt sichert. In einer Zeit, in der vielen Menschen der Horizont für die Zukunft fehlt und gerade junge Menschen schnell das Gefühl entwickeln, keine stabile Perspektive zu haben, zeigen solche Lebensgeschichten, dass es sich lohnt, beziehungsweise sogar notwendig ist, Sinn auch im alltäglichen Tun und in der eigenen Leidenschaft zu suchen. Die Herausforderung unserer Zeit besteht darin, dieses Wissen aus der Vergangenheit zu bewahren – auch wenn sich die Bedürfnisse der Menschen in Zukunft verändern werden. Gleichzeitig zeigen Geschichten wie die von Barbieri, wie wichtig es ist, in einer zunehmend wirtschaftlich geprägten Welt Raum für Kreativität, Leidenschaft und persönliche Verwirklichung zu bewahren.