Belluno – Nach den Fällen verschwundener Katzen und gerissener Hunde in der Provinz Belluno sorgt das Thema Wolf erneut für Schlagzeilen. Doch Antonio Galletti, der seit fast zehn Jahren an der Überwachung der heimischen Wildtiere beteiligt ist, warnt vor übertriebener Alarmstimmung und appelliert an die Verantwortung der Hundehalter. „Hunde und Katzen gerissen? Wölfe töten zu wollen, nur weil manche ihre Tiere nicht beaufsichtigen und angemessen schützen, wirft Fragen auf“, so Galletti gegenüber italienischen Medien. Unterdessen gilt das Belluneser Wolfsmanagement als Modell: Dank eines genauen Wolfsmonitorings und der Umsetzung verschiedener Herdenschutzmaßnahmen konnten die Schäden in der Landwirtschaft in sechs Jahren mehr als halbiert werden. Das Thema Wolf sorgt derzeit nicht nur im Raum Belluno, sondern auch italienweit für Schlagzeilen – gerissene Hunde und verschwundene Katzen sind der Grund. Antonio Galletti, Mitglied des Vereins Io non ho paura del lupo (Ich habe keine Angst vor dem Wolf, Anm. d. Red.), der sich seit zehn Jahren in der Überwachung der heimischen Wildtiere engagiert, äußerte sich zu den Vorfällen: „Derzeit gibt es eine starke mediale Aufmerksamkeit im Zusammenhang mit Angriffen auf Katzen“, merkt er an. „Solche Fälle gab es allerdings schon immer – früher blieben sie vielleicht eher unbemerkt, weil mehr Zeit dazwischen lag. Das Gleiche gilt für Hunde: Wenn sich Vorfälle in kurzer Zeit häufen, ist die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit eine ganz andere.“ Antonio Galletti zufolge begegnet man dem Großraubtier jedoch viel seltener als gedacht: „In all den Jahren des Monitorings hatte ich nur wenige Male das Glück, Wölfe in freier Wildbahn zu sehen. Ich selbst konnte zweimal ausgewachsene Exemplare für einige Minuten beobachten. Ein drittes Mal habe ich Welpen gesehen, die mit einem Bauzaun spielten – sobald sie mich bemerkten, sind sie auf und davon.“ Die mediale Aufmerksamkeit richtet sich nämlich nicht nur auf Sedico bei Belluno, wo der Bürgermeister eingreifen musste, um die Panik zu bremsen, sondern auch auf mehrere getötete Hunde im Gebiet zwischen Castion und Limana. Den Berichten zufolge liefen diese meist frei, auch nachts, in Gegenden umher, in denen das Vorkommen des Großraubtiers bekannt ist. „Liest man die Zeitungen“, kommentiert Galletti, „scheint es sich um Unachtsamkeit seitens der Besitzer gehandelt zu haben. Um mein Haus herum streifen beispielsweise seit Jahren Wölfe, und ich hatte mit meinen Hunden und Katzen noch nie Probleme. Natürlich kann ein Hund mal entwischen, aber es braucht eben Aufmerksamkeit und gesunden Menschenverstand. In den besagten Fällen schien es sich hingegen um gewohnheitsmäßiges Verhalten gehandelt zu haben.“ Kürzlich hat die Provinz Belluno gezeigt, dass Überwachung und Prävention für ein Zusammenleben von Mensch und Wolf unverzichtbar sind. Inzwischen gilt das Belluneser Wolfsmanagement – es wurden insgesamt 27 Rudel mit rund 120 Wölfen gezählt – als Modell, denn dank eines genauen Wolfsmonitorings und der Umsetzung verschiedener Herdenschutzmaßnahmen konnten die Schäden in der Landwirtschaft innerhalb von sechs Jahren mehr als halbiert werden. „Der Wolf ist ein Opportunist. Wenn er eine leichte Beute findet, schlägt er zu. Was einen jedoch zum Nachdenken bringen sollte“, fährt er fort, „ist, dass er nicht erst seit gestern da ist, sondern mittlerweile eine dauerhafte Erscheinung ist, auf die wir uns einstellen müssen. Ich verstehe die Schwierigkeiten der Bauern vollkommen und mir ist auch klar, dass problematische Einzeltiere entnommen werden müssen, wenn es keine anderen Möglichkeiten gibt. Zu glauben, man könne Wölfe einfach abschießen, nur weil jemand seine Tiere nicht angemessen geschützt hat, wirft allerdings Fragen auf.“ Die Politik sei hier in der Pflicht. „Wir haben Fälle von auffälligen Tieren gesehen, auch in Mittel- und Süditalien“, fügt er hinzu. „In solchen Fällen ist es entscheidend, dass die Entnahme rasch erfolgt. Doch wenn Wölfe sich Häusern nähern, gibt es dafür immer einen Grund. Man muss daher untersuchen, wie es zu den Übergriffen kommt. Man schießt nicht einfach, um die Wählerschaft zufriedenzustellen. Der Wolf ist ein einfaches Thema, um Aufmerksamkeit zu erregen. Aber das birgt das Risiko, Ängste zu schüren, die letztlich auf mangelndem Wissen über die Art beruhen.“ Diese Sichtweise bestätigt auch Fabio Dartora, Wildbiologe und Experte für Wildtiermanagement, der mit dem Nationalpark Belluneser Dolomiten bei der Wolfsmanagement-Beratung für Kleinhalter zusammenarbeitet. Dieses Management ist mittlerweile zu einem Vorzeigemodell geworden, da es belegt, wie die Zusammenarbeit mit der Bevölkerung und gezielte Aufklärung Probleme drastisch reduzieren können. „Mit der Zeit ist es aufgrund des Zuwachses der Wolfspopulation schwieriger geworden, ihre Bewegungen nachzuvollziehen. Deshalb wäre mehr Forschung nötig. Wer sich darüber beschwert, dass dafür zu viel Geld ausgegeben wurde, sollte der Forschung dankbar sein. Denn eine der Grundvoraussetzungen für Abschüsse ist die genaue Kenntnis der Wolfsbestände in einem Gebiet. Um einen Schadwolf gezielt zu entnehmen, reichen Fotofallen allein nicht aus, es werden mehr Senderhalsbänder und genetische Analysen benötigt. Andernfalls riskiert man, unschuldige Tiere zu treffen und so das gesamte Rudel zu destabilisieren.“ „Als Verein versuchen wir, so objektiv wie möglich zu bleiben“, schließt er. „Aber das Unwissen ist groß, das Thema spaltet die Gemüter und es lässt sich politisch hervorragend ausschlachten. Die Realität ist: Experten sollten mehr Gehör finden, doch meist äußern sich die Falschen. Bei uns betrifft das größte Problem die Hobbyzüchter, die über Jahre hinweg allein gelassen wurden. Außerhalb des Nationalparks hat die Region Venetien sie schlichtweg vergessen. Viele haben deshalb aufgegeben, denn für jemanden mit nur wenigen Tieren ist es unzumutbar, zusätzlich Herdenschutzhunde zu halten oder ständig auf der Weide präsent zu sein.“ Anders verhalte es sich jedoch bei Haustieren. „Betrachten wir die Kehrseite der Medaille: Ein Hund kann zur Beute für den Wolf werden, wenn er nicht angemessen gehalten wird – er ist aber seinerseits ein Raubtier und eine Gefahr für Wildtiere. Da viele Besitzer ihre Hunde nicht einmal zuverlässig halten können, richtet der Mangel an Kontrolle kontinuierlich Schaden an – für die eigenen Tiere wie für andere.“ Tatsächlich ist die Entnahme von Wölfen streng reglementiert. Sie greift nur über Ausnahmeregelungen als letztes Mittel, um vor allem erhebliche Schäden an der Nutztierhaltung abzuwenden. Nach der EU-weiten Herabstufung des Schutzstatus des Wolfes von „streng geschützt“ auf „geschützt“ sowie auf Grundlage spezifischer regionaler Gesetze – etwa des Landes Südtirol – müssen für eine legale Wolfsentnahme strenge Voraussetzungen erfüllt sein. Eine Entnahme ist nur zulässig, wenn die Almen oder Nutztierflächen als Weideschutzgebiete ausgewiesen sind. Voraussetzung hierfür ist der Nachweis, dass flächendeckende, zumutbare Schutzmaßnahmen – wie eine großräumige Einzäunung, ständige Behirtung oder der Einsatz von Herdenschutzhunden – objektiv nicht umsetzbar sind oder trotz korrekter Anwendung nachweislich wirkungslos blieben. Zudem muss es sich um sogenannte Schadwölfe oder verhaltensauffällige Problemwölfe handeln. Das bedeutet, dass ein Wolf wiederholt trotz Schutzmaßnahmen Nutztiere gerissen hat oder ein auffälliges, potenziell gefährliches Verhalten in der Nähe von Siedlungen zeigt. Bevor eine Landesregierung – wie der Landeshauptmann in Südtirol – ein Dekret zur Entnahme unterzeichnen darf, muss das nationale italienische Umweltschutzinstitut ISPRA (Istituto Superiore per la Protezione e la Ricerca Ambientale) zudem ein technisches Gutachten abgeben. Das Institut prüft, ob die Entnahme den günstigen Erhaltungszustand der Wolfspopulation in der Region gefährden würde. Aus diesem Grund ist es entscheidend, dass der Wolfsbestand im betroffenen Bewertungsgebiet – wie etwa in Südtirol, dem Trentino oder der Provinz Belluno – durch Wildbiologen, Forscher und Wildhüter kontinuierlich erfasst wird. Es ist wichtig, der Bevölkerung reinen Wein einzuschenken, denn ohne Wolfsforschung und -beobachtung sind Entnahmen nicht möglich.