Problem der Wartezeiten

“Immer mehr Patienten verzichten auf eine Behandlung”

Montag, 05. Oktober 2026 | 15:21 Uhr

Von: Matthias Knapp

Bozen – Die langen Wartezeiten im Südtiroler Sanitätsbetrieb sind immer wieder ein Stein des Anstoßes. Elio Dellantonio, ehemaliger Primar des Dienstes für Abhängigkeitserkrankungen und Sanitätsreferent des Partito Democratico, schlägt Alarm: Obwohl jährlich ein beachtlicher Teil vom Milliardenhaushalt des Landes in den Sanitätsbetrieb fließt, komme es immer wieder zu organisatorischen Engpässen zulasten von Patientinnen und Patienten.

Anhand konkreter Fälle zeigt der PD nicht nur Missstände auf, sondern weist auch auf einen eklatanten Widerspruch hin: Einem Patienten wurde etwa für eine programmierte Ultraschalluntersuchung der Halsgefäße über die landesweite Vormerkzentrale zunächst ein Termin mit 15 Monaten Wartezeit in Bozen angeboten. In einem anderen Fall in Meran musste ein Patient 20 Monate auf eine ähnliche Untersuchung warten – von der Buchung im April 2025 bis zum Termin im Dezember 2026. Gleichzeitig stehen Termine in Privatkliniken oder gegen Bezahlung oft innerhalb weniger Tage zur Verfügung.

„Solche Wartezeiten sind eines öffentlichen Gesundheitssystems nicht würdig, das bis vor 20 bis 25 Jahren noch hervorragend funktionierte und das mit zwei Milliarden Euro pro Jahr finanziert wird“, betont Dellantonio laut einem Bericht der Zeitung Alto Adige. Wer es sich leisten kann, flüchte in die Privatmedizin. Gleichzeitig würden immer mehr Menschen auf die bereits überlasteten Notaufnahmen ausweichen oder gar aus Verzweiflung auf notwendige Behandlungen ganz verzichten.

Dies wiederum könnte gravierende Folgen für die Gesellschaft und das gesamte System haben. Wenn man trotz Krankheit nicht zum Arzt geht, verschlimmert sich der eigene Zustand. „Der Mangel an fachärztlichen Versorgungsangeboten auf lokaler Ebene und die langen Wartezeiten tragen mangels rechtzeitiger Behandlung zum Auftreten akuter Krankheitsfälle bei“, warnt Dellantonio.

Trotzdem stellt Dellantonio klar: Die Ursache liege dabei nicht beim zuständigen Gesundheitslandesrat, sondern in grundlegenden strukturellen und organisatorischen Defiziten des Sanitätsbetriebs.

Gesundheitslandesrat Hubert Messner hält der Kritik aktuelle Kennzahlen entgegen. Trotz eines Anstiegs der Vormerkungen um knapp zehn Prozent auf über 156.000 im Jahr 2026 hätten sich die Fristen in vielen Bereichen verbessert, erklärt er laut Alto Adige: Bei dringlichen Untersuchungen, die innerhalb von zehn Tagen vorgenommen werden sollen, ist die Einhaltung der Frist von 78 Prozent im Jahr 2024 auf aktuell 85 Prozent gestiegen. Bei aufschiebbaren Leistungen mit einer Frist von weniger als 30 Tagen stieg die Quote von 74 auf 83 Prozent. Bei programmierten Terminen mit einer Frist von innerhalb 120 Tagen liegt die Quote bei 89 Prozent. Gleichzeitig warnt Messner vor vielen unnötigen Untersuchungen.

Um die Wartezeiten weiter abzubauen, nimmt der Sanitätsbetrieb laut dem aktuellen Performance-Bericht 2025 das Verschreibungsverhalten im Bereich der Primärversorgung unter die Lupe. Ziel ist es, unnötige Indikationen – etwa bei Magenspiegelungen, MRTs oder Hautarztbesuchen – zu reduzieren. Zudem betont Messner ein verändertes Nutzerverhalten: Häufig würden Termine in weiter entfernten Krankenhäusern angeboten, von den Patienten jedoch abgelehnt, da diese lieber wohnortnah auf einen freien Platz warten.

Bezirk: Bozen

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