Von: Sophia Molitor
Santiago de Chile – Wo sonst über weite Strecken kaum etwas wächst, bedecken violette, gelbe, weiße und rosafarbene Blüten derzeit Teile der chilenischen Atacama-Wüste. Das außergewöhnliche Naturschauspiel ist eng mit dem starken El-Niño-Phänomen verbunden – und zeigt, wie stark Veränderungen im Pazifik das Wetter und die Lebensbedingungen weit entfernter Regionen beeinflussen können.
Die Atacama gilt als die trockenste Wüste der Erde außerhalb der Polarregionen. In manchen Gebieten fällt über Jahre hinweg kaum Regen. Doch im September und Oktober hat sich das Bild verändert und außergewöhnlich starke Niederschläge haben Millionen Samen und Knollen aktiviert, die lange Zeit im ausgetrockneten Boden überdauert hatten. Auf einer geschätzten Fläche von rund 17.000 Quadratkilometern blühen inzwischen mehr als 200 Pflanzenarten. Das sogenannte Desierto Florido gilt als eines der ausgedehntesten Blütenereignisse in der Region seit 1997.
Das Ereignis in Chile verdeutlicht einen Zusammenhang, auf den bereits in früheren Erklärungen zu El Niño hingewiesen wurde: Es entsteht, wenn sich das Oberflächenwasser im zentralen und östlichen äquatorialen Pazifik ungewöhnlich stark erwärmt. Normalerweise treiben die Passatwinde warmes Oberflächenwasser in Richtung Asien und Australien. Während eines El-Niño-Ereignisses schwächen sich diese Winde ab oder verändern ihre Richtung. Dadurch verschieben sich die Verteilung des warmen Wassers, die Verdunstung und die Entstehung von Wolken und Niederschlägen.
An der Pazifikküste Südamerikas kann El Niño die atmosphärischen Bedingungen so verändern, dass ungewöhnlich feuchte Luft und Niederschläge Regionen erreichen, in denen Regen normalerweise äußerst selten ist. In Teilen der Atacama wurden in diesem Jahr Niederschlagsmengen von bis zu 160 bis 190 Millimetern gemessen – außergewöhnliche Werte für diese trockene Landschaft. Die Regenfälle haben daher die Voraussetzungen für das Blütenmeer geschaffen.
Die Auswirkungen reichen jedoch weit über den Pazifik hinaus. El Niño verändert die großräumige Zirkulation der Atmosphäre und beeinflusst damit auch Wetterströmungen und die Verteilung von Feuchtigkeit. In manchen Regionen steigt dadurch das Risiko für Starkregen und Überschwemmungen, während andere Gebiete unter ausbleibenden Niederschlägen und zunehmender Trockenheit leiden.
Nach Angaben des US-amerikanischen Climate Prediction Center vom 8. Oktober 2026 lagen die Meeresoberflächentemperaturen in Teilen des östlichen äquatorialen Pazifiks mehr als vier Grad über dem Durchschnitt. El Niño dürfte sich weiter verstärken und bis ins Frühjahr 2027 auf der Nordhalbkugel anhalten.
Warum ausgerechnet die Wüste zu blühen beginnt
Der entscheidende Faktor ist dabei nicht allein die Wassermenge, sondern auch das, was bereits im Boden vorhanden ist. Viele Wüstenpflanzen überdauern ungünstige Zeiten als Samen, Zwiebeln oder Knollen. Sie können über Jahre, teilweise sogar Jahrzehnte, in einem Ruhezustand verbleiben. Sobald ausreichend Feuchtigkeit verfügbar ist und weitere Bedingungen stimmen, beginnen sie zu keimen und zu wachsen.
Mit den Pflanzen kehrt auch Leben in die sonst karge Landschaft zurück. Insekten finden Nahrung, und weitere Tiere profitieren von der plötzlich verfügbaren Nahrung. Das Blumenmeer ist deshalb nicht nur ein optisches Phänomen, sondern auch ein zeitlich begrenzter Impuls für das Ökosystem.
Im Oktober wird die Blütenpracht voraussichtlich ihren Höhepunkt erreichen. Nach den aktuellen Einschätzungen der chilenischen Forstbehörde CONAF soll das Desierto Florido noch bis in den November hinein sichtbar bleiben. Mit dem Ende der günstigen Wachstumsbedingungen werden die Pflanzen nach und nach verblühen und die Landschaft wieder austrocknen.
Während die Blüten in Chile nur vorübergehend zu sehen sind, hält die Entwicklung des El-Niño-Ereignisses an. Die Prognosen deuten darauf hin, dass seine Auswirkungen auch in den kommenden Monaten weltweit spürbar bleiben könnten.




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