Manche Emissionen, etwa in der Industrie, lassen sich nicht vermeiden

Forscher: CO2-Speicherung für Klimaneutralität notwendig

Sonntag, 04. Oktober 2026 | 06:05 Uhr

Von: importer

Um das Ziel der Klimaneutralität in Österreich zu erreichen, führt an CO2-Speicherung kein Weg vorbei. So lautet die Einschätzung der Forscher Johannes Schmidt (Boku) und Michael Ornetzeder (ÖAW) im Gespräch mit der APA. “Wir dürfen netto keine zusätzlichen Emissionen in die Atmosphäre einbringen. Das ist physikalische Realität”, sagte Schmidt. Bei unvermeidbaren Emissionen aus bestimmten Industrieprozessen sei die Einlagerung von CO2 daher technisch notwendig.

Zwar ist das Mittel der Wahl im Klimaschutz den Ausstoß von Kohlenstoffdioxid zu vermeiden, in manchen Industrien ist das allerdings nur bedingt oder gar nicht möglich. Das gelte etwa für die Müllverbrennung oder die Zementproduktion, erklärte Ornetzeder, der am Institut für Technikfolgen-Abschätzung an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) forscht. Übrig bleiben die sogenannten “unvermeidbaren Emissionen”, auf Englisch oft auch “hard to abate” genannt. Die CO2-Abscheidung und -Speicherung (Carbon Capture and Storage, CCS) sei in diesem Kontext eine “Speziallösung für industrielle Prozesse, die wir unbedingt brauchen”. Um das CO2 abzuscheiden, würden bestehende Industrieanlagen mit der entsprechenden Technik nachgerüstet.

Ein Whitepaper der ÖAW vom April 2026, an dem die beiden Forscher beteiligt waren, beschäftigt sich mit den offenen Fragen rund um Carbon Management, also den Umgang mit Kohlenstoffdioxid, in Österreich.

Kompensation über Zertifikate wohl keine Option

“Diese Industrien haben keine Chance, das anders zu machen”, sagte Schmidt. Er forscht am Institut für Nachhaltige Wirtschaftsentwicklung an der Universität für Bodenkultur Wien (Boku). Will man diese Unternehmen dennoch in Österreich halten und gleichzeitig Klimaneutralität erreichen, führe an CO2-Abscheidung und -Einlagerung kein Weg vorbei. Die Möglichkeit, die heimischen Emissionen mit dem Kauf von Zertifikaten aus anderen EU-Ländern zu kompensieren, halten die Forscher in den kommenden Jahren für wenig realistisch, weil diese Länder dazu nicht nur Klimaneutralität sondern hohe Negativemissionen erreichen müssten.

Die Regierung aus ÖVP, SPÖ und NEOS hat vergangene Woche ein Gesetz in Begutachtung geschickt, das das seit 2011 geltende Verbot aufheben und die CO2-Speicherung in Österreich ermöglichen soll. Die Begutachtungsfrist läuft bis Ende Oktober. Das Vorhaben gehört zu einem Gesetzespaket, in dem auch das geplante Klimagesetz und die Novelle der Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) enthalten sind. Geeinigt hatte sich die Regierung darauf parallel zum Beschluss der Dürrehilfen für Bauern.

Nur dort, wo es keine Alternative gibt

Die Kosten für die CO2-Abscheidung und Speicherung dürften wohl nicht unter 200 Euro pro Tonne liegen, so Schmidt. Damit bleibe die Technologie zumindest derzeit deutlich teurer als der CO2-Ausstoß im EU-Emissionshandel, wo die Tonne aktuell unter 100 Euro koste. Das Abscheiden von CO2 selbst sei ein energieintensiver Prozess, bei dem vor allem zusätzlicher Strom aus erneuerbaren Quellen benötigt werde. Auch ökonomisch betrachtet mache CCS daher nur dort Sinn, wo es keine Alternative gibt, und “dort hat es einen positiven Klimaeffekt”, sagte Schmidt.

Im Zusammenhang mit CO2-Einlagerung wird immer wieder vor möglichem “Leakage” gewarnt, also dem ungeplanten Austritt des Gases aus Speicherstätten. In Österreich kämen als Lagerstätten primär frühere Öl- und Gasfelder rund um Wien, in Niederösterreich und in Oberösterreich in Frage. Dort “weiß man, dass das Zeug drin bleibt”, sagte Schmidt, man könne davon ausgehen, dass die darüber- und darunterliegenden Gesteinsschichten nicht durchlässig seien. Allerdings seien die Speicherkapazitäten in ausgeförderten Öl- und Gasfeldern hierzulande nicht sehr groß, das Speichervolumen werde auf 100 bis 250 Millionen Tonnen geschätzt, daher werde auch an alternativen Speicherlösungen geforscht.

Noch nicht abschließend geklärt sei auch die Frage der Transportinfrastruktur. Derzeit werden die noch relativ geringen Mengen CO2 in Österreich per Lastwagen transportiert. Pläne gebe es auch für ein Pipeline-Netz, dieses rentiere sich aber erst ab einer Speichermenge von etwa einer Million Tonnen pro Jahr.

Einbezug der Bevölkerung wichtig

Spannend sind laut Schmidt die im Gesetz geplanten Speicherobergrenzen. Bis Ende 2029 sind drei Millionen Tonnen pro Jahr vorgesehen, eine Zahl, die laut dem Boku-Forscher nicht erreicht werden wird. Bis einschließlich 2034 sollen dann jährlich bis zu sieben Millionen Tonnen eingespeichert werden, was in etwa den Residualemissionen, also den unvermeidbaren Emissionen, aus Industrie und Abfallwirtschaft entspreche. Laut Nowcast des Umweltbundesamtes lagen die reinen CO2-Emissionen in Österreich 2025 bei rund 55,5 Mio. Tonnen, der Ausstoß aller Treibhausgase insgesamt belief sich auf rund 67,1 Mio. Tonnen CO2-Äquivalent.

Das von der Regierung geplante Gesetz hebt zunächst nur das Verbot auf und ermöglicht die CO2-Einlagerung grundsätzlich. Ob und wie solche Projekte tatsächlich umgesetzt werden, hänge auch davon ab, wie die Bevölkerung eingebunden und wie mit Widerstand umgegangen wird, sagte Ornetzeder. “Da kann man natürlich lernen von anderen Ländern, von Norwegen, von Dänemark, auch von Deutschland, wo geeignete Beteiligungsformate vorbereitet oder bereits eingesetzt werden”, so der ÖAW-Forscher. Betroffenheit gäbe es dabei zum einen lokal, also dort, wo eingespeichert wird oder Pipelines verlegt werden, zum anderen aber auch auf Bundesebene, wo es darauf ankommen werde, wie sich Parteien und Interessensgruppen positionieren.

Kompensation von Emissionen aus der Landwirtschaft schwieriger

Neben den unvermeidbaren Emissionen in der Industrie und der Abfallwirtschaft, die zusammen bis zu 7 Mio. Tonnen ausmachen, gibt es auch in der Landwirtschaft noch Residualemissionen im Volumen von etwa 4 bis 5 Mio. Tonnen CO2-Äquivalent, die nicht einfach abgeschieden und eingespeichert werden können. “Ich kann nicht zu einer Kuh hingehen und hinten das Methan auffangen, das geht nicht”, sagte Schmidt. Um Klimaneutralität zu erreichen, wird es aber auch notwendig werden, diese Emissionen zu kompensieren. Eine Möglichkeit wäre hier, auch Biomassekraftwerke, etwa in der Papierproduktion, mit Abscheide-Anlagen auszustatten (Bioenergy with Carbon Capture and Storage, BECCS). Die bilanziell klimaneutrale Biomasse würde dann Negativemissionen erzeugen und so die unvermeidbaren Treibhausgase aus der Landwirtschaft ausgleichen.

(S E R V I C E – Link zum Whitepaper: https://go.apa.at/Ny3iSnfv)

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