"EATNET muss dringend ausgebaut werden"

Magersucht fordert auch in Südtirol Todesopfer

Freitag, 25. September 2026 | 08:26 Uhr

Von: Matthias Knapp

Bozen – Vor rund zehn Tagen ist in Südtirol eine etwa 40-jährige Frau an den Folgen von Magersucht gestorben. Italienweit wurden 2025 insgesamt 4.158 Todesfälle in Zusammenhang mit dieser Diagnose verzeichnet.

In Südtirol sei die Sterblichkeit durch Anorexie sehr niedrig, erklärte Laura Dalla Ragione, eine der bekanntesten Expertinnen für Essstörungen in Italien, bei einer Fortbildung des Südtiroler Instituts für Systgemische Therapie am 17. September 2026 im Bozner Pfarrheim. Das sei, so Dalla Ragione, auch der hervorragenden Arbeit von EATNET zu verdanken. Dem rund 40-köpfigen Netzwerk gehören der Südtiroler Sanitätsbetrieb und drei private Einrichtungen (INFES, Città Azzurra, EOS) an.

Doch die erste Hälfte der Tagung stand im Zeichen einer kritischen Bestandsaufnahme: Was funktioniert in Südtirol noch nicht? Wo muss das Netzwerk nachbessern und welche Angebote müssen weiterentwickelt werden?

Dalla Ragione begann bei der Website des Gesundheitsministeriums, auf der das Südtiroler Versorgungsnetz abgebildet ist. Dort fehlt die seit Jahren landesweit koordinierende Funktion der Psychiatrie Brixen. Auch die Südtiroler Subintensivstationen, die Abteilungen für Innere Medizin sowie die Psychiatrien von Brixen und Bruneck werden nicht genannt. Teilweise sind Fachambulanzen falschen Trägern zugeordnet, teilweise stimmen Telefonnummern nicht. Die Angaben müssten umgehend und umfassend korrigiert werden. Nur so werde auch auf Ministeriumsebene sichtbar, dass das Netzwerk um zwei Drittel größer und vielfältiger ist als derzeit dargestellt.

Im Mittelpunkt stand anschließend die Frage, wie Betroffene und ihre Familien verlässlich in die Behandlung gelangen. Schritt für Schritt wurde ein möglicher Versorgungspfad erarbeitet – mühsame, aber entscheidende Detailarbeit. Denn von außen, machte Dalla Ragione deutlich, wirke die Betreuung von Menschen mit Essstörungen oft unübersichtlich.

Das ist kein rein Südtiroler Problem: Eine erfolgreiche Behandlung setzt voraus, dass mehrere Berufsgruppen gleichzeitig zusammenarbeiten. Dazu zählen Erwachsenen- und Kinderpsychiatrie, Pädiatrie, Innere Medizin, Ernährungsmedizin, Ernährungstherapie und Psychologie; häufig sind auch Hausärzte, Intensivmediziner und Kreativtherapeuten beteiligt. Für das Zusammenspiel braucht es eine klare Regel: Die erste Fachperson, die Kontakt mit einem Patienten hat, übernimmt das Case Management und koordiniert die weiteren Schritte.

Bei der Tagung wurden die Fachambulanzen in Bozen, Meran, Brixen und Bruneck ebenso einzeln analysiert wie die Pädiatrie Brixen sowie Villa Eea und Bad Bachgart. Laut Dalla Ragione sollten mehr als 60 Prozent aller Behandlungen von Essstörungen ambulant erfolgen. Bleibt nach sechs Monaten der Erfolg aus, müssen intensivere Betreuungsformen erwogen werden.

Genau hier klafft in Südtirol eine Lücke: Nur wenige Abteilungen – darunter die Pädiatrie Brixen sowie die Psychiatrien von Brixen und Bruneck – bieten ein Day Hospital für Essstörungen an. Patienten aus Bozen und Leifers steht seit 2022 die Villa Eea als Tageszentrum zur Verfügung; mangels eines entsprechenden Angebots wird sie auch von Patienten aus Meran genutzt. Positiv sei, dass Südtirol zu jener Hälfte der italienischen Regionen gehört, die über ein vollständiges Netzwerk mit allen notwendigen Angeboten verfügt. Entsprechend wenige Patienten müssen außerhalb des Landes behandelt werden. Italienweit einzigartig ist zudem, dass INFES/Forum Prävention gezielt für die Prävention von Essstörungen finanziert wird. Dadurch werden Betroffene und Angehörige gut informiert und begleitet.

Die größte Herausforderung bleibt die Behandlung im Krankenhaus. In Italien werden laut den bei der Tagung genannten Angaben 85 Prozent der akut gefährdeten Menschen mit Essstörungen wieder nach Hause geschickt. Viele Betroffene lehnen eine Aufnahme ab, zugleich zögern Krankenhäuser, sie stationär zu übernehmen. Nach zahlreichen Todesfällen hat das Gesundheitsministerium deshalb klare Vorgaben erlassen: Ab einem Body-Mass-Index von zwölf ist eine Behandlung im Krankenhaus zwingend erforderlich. Bei einer Körpergröße von etwa 1,60 Metern entspricht das einem Gewicht von 30,7 Kilogramm. Offen blieb allerdings, in welcher Abteilung die Behandlung beginnen und fortgeführt werden soll. Eine einfache, einheitliche Regelung für Südtirols Krankenhäuser ist seit 2025 in Ausarbeitung.

Das Ende der Tagung war der Ausblick auf neue Herausforderungen: Seit 2022 gibt es die restriktive Essstörung als eigenständige Erkrankung. Sie betrifft vor allem Kinder und Jugendliche, zeigt sich als spezielle Angst vor bestimmten Nahrungsmitteln und verursacht Untergewicht und Mangelernährung. Um ihr auch zu begegnen, muss sich EATNET ganz neu ausrichten.

Erstkontakt: INFES (information, Begleitung) 0471 970039

Fachambulanzen:

Bozen 0471 300389

Meran 0473 251250 (9.00-11.00 Uhr)

Brixen unter 18 Jahren 0472 812680, ab 18 Jahren 0472 812711 oder 0472 813250

Bruneck unter 18 Jahren 0474 370402, ab 18 Jahren 581136 oder 586340

Bezirk: Bozen

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