Von: Sophia Molitor
Lecce – Eine Gruppe aus blinden, sehbehinderten und sehenden Menschen ist derzeit gemeinsam entlang der ionischen Küste des Salento unterwegs. Begleitet wird die 15-köpfige Gruppe von Micha Calà, einem 59-jährigen Wanderführer des italienischen Vereins „Compagnia dei Cammini“, der sich für gemeinschaftliches Wandern einsetzt. Micha stammt aus Casarano in Apulien und kennt die Strecke gut. Jedes Jahr führt er die Wanderung Anfang Juni und Ende September. „Eine inklusive Wanderung hatte ich jedoch noch nie“, sagt er.
Die Initiative wird unter anderem vom Verein „Noisy Vision“ unterstützt. Gegründet wurde der Verein vor fast zehn Jahren von Dario Sorgato, der seine eigene Sinnesbehinderung zum Ausgangspunkt für neue Erfahrungen des gemeinsamen Wanderns gemacht hat.
Die Teilnehmer – vier blinde, drei sehbehinderte und acht sehende Menschen – werden bei der Wanderung durch die Landschaft des Salento, unter anderem nach Nardò, zu den Dünen und zum Küstenturm „Torre dell’Alto” bei Porto Selvaggio geführt. Über Santa Maria di Leuca, die südlichste Spitze des Salento, geht es anschließend weiter nach Lecce, wo die Gruppe in diesen Tagen ankommt, bevor es wieder zurück nach Hause geht.
Über die Banalität des Alltäglichen und gemeinsam statt alleine
Für die Gruppe ist die Wanderung mehr als eine Reise durch eine besondere Landschaft. Die Begegnung zwischen Sehenden und Menschen mit Sehbehinderung verändert auch den Blick auf die Natur. Düfte, Geräusche, Wind, Wasser und unterschiedliche Bodenbeschaffenheiten rücken stärker in den Mittelpunkt.
“Manche Teilnehmer haben das Meer noch nie gesehen”, erzählt Micha. Für die sehenden Begleiter bedeutet das, vertraute Landschaften neu zu beschreiben – und dabei nicht auf selbstverständliche Begriffe wie Farben oder Formen zurückzugreifen. Stattdessen geht es um das Rauschen der Wellen, den Geruch von Pinien und Thymian, die Kraft des Windes oder das Gefühl des Sandes unter den Füßen. „Dabei zeigt sich, dass Blindheit nicht zwangsläufig ein Hindernis sein muss, sondern auch für Sehende eine Möglichkeit eröffnet, die Welt aus einer anderen Perspektive wahrzunehmen – sich anders zu orientieren, zuzuhören, zu fühlen und die Umgebung neu zu entdecken”, beschreibt Wanderführer Micha die Erfahrung in einem Facebook-Beitrag.
Für manche Reisenden war nicht nur die Natur ein Grund, sich der Initiative anzuschließen, sondern vor allem die Möglichkeit eine Woche am Meer zu verbringen, ohne dabei alleine zu sein. Die Beteiligten lernten sich gegenseitig zu unterstützen, gemeinsam neue Wege zu erkunden und Hindernisse zu bewältigen – und genau das macht die Erfahrung für die Gruppe so besonders. Für die angestellte aus Como sei sogar, das Kennenlernen der Mitreisenden das schönste an der ganzen Erfahrung. „Meine Begleiter sind für mich neue Freunde geworden und haben meinen „Rucksack“ Schritt für Schritt mit neuen Erlebnissen gefüllt”, erzählt sie.
Auch für die Organisatoren ist die inklusive Wanderung eine besondere Erfahrung. Marzia Tiberti, Generalsekretärin von Noisy Vision, berichtet, dass sie durch die Beschreibungen ihrer Mitwanderer selbst auf Details aufmerksam geworden sei, die sie zuvor kaum beachtet habe.




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