Kriegswirtschaft: Putins Drohungen, Europas Aufrüstung

Crosetto warnt vor Putin – doch zu welchem Preis?

Dienstag, 20. Oktober 2026 | 07:12 Uhr

Von: Sophia Molitor

Rom – Am 17. Oktober warnte der italienische Verteidigungsminister Guido Crosetto in einem Interview mit der BBC vor einer möglichen Ausweitung des russischen Angriffskrieges. „Ich glaube nicht, dass Putin in der Ukraine Halt machen will“, sagte Crosetto. Deshalb bereiteten sich Europa und die NATO vor – „in der Hoffnung, dass dieser Wahnsinn nicht eintritt“, fügte er an.

Crosetto begründete seine Sorge mit der militärischen und wirtschaftlichen Ausrichtung Russlands. Ein Großteil des russischen Haushalts fließe inzwischen in Waffen und Militärausgaben; bald werde Russland über anderthalb Millionen Soldaten verfügen. Auch die Einschränkung amerikanischer Unterstützung für die Ukraine kritisierte Crosetto als schweren Fehler: Wenn Putin auf ukrainischer Seite Schwäche wahrnehme, könne ihn das in der Überzeugung bestärken, den Krieg gewinnen zu können. „Frieden ist erst möglich, wenn er erkennt, dass er militärisch nicht weiterkommt“, sagte der Verteidigungsminister abschließend.

Crosetto verwies ebenfalls auf Italiens bisherige Unterstützung für die Ukraine. Das Land habe bereits zwölf Militärhilfspakete geliefert, ein weiteres könnte bis Jahresende folgen. Zugleich räumte er ein, dass die Mehrheit der italienischen Bevölkerung Waffenlieferungen ablehne. Die Regierung müsse jedoch aus Gründen der staatlichen Sicherheit an ihrem Kurs festhalten.

Crosettos Aussagen stehen für die sicherheitspolitische Debatte in Europa. Auf russische Drohungen und den fortgesetzten Krieg folgt regelmäßig die Ankündigung, die eigene Verteidigungsfähigkeit auszubauen. Aus Sicht der Regierungen und der NATO soll militärische Stärke weitere Angriffe verhindern. Ein potenzielle Angreifer könne somit keinen Erfolg erwarten. Die Erfahrungen seit dem russischen Angriff auf die Ukraine haben zudem deutlich gemacht, wie stark europäische Staaten in Munition, Luftverteidigung und andere militärische Fähigkeiten investiert haben. Die Vorbereitung auf einen Krieg soll diesen nicht wahrscheinlicher machen, sondern Russland davon abhalten, einen Angriff auf weitere Staaten überhaupt für erfolgversprechend zu halten.

Kriegswirtschaft – wer profitiert davon?

Gleichzeitig hat eine solche Aufrüstung handfeste wirtschaftliche Folgen. Wenn Staaten Milliarden in Waffen, Munition, Flugabwehr, Satellitentechnik und militärische Infrastruktur investieren, entstehen Aufträge für Rüstungsunternehmen, Zulieferer und Technologieanbieter. Unternehmen können ihre Produktion ausweiten, Arbeitsplätze schaffen und langfristige Lieferverträge erhalten. Länder mit einer starken Rüstungsindustrie können davon wirtschaftlich und strategisch profitieren – insbesondere dann, wenn sie ihre Produkte exportieren oder andere Staaten auf ihre Technologien angewiesen sind.

Nach Angaben des Stockholmer Friedensforschungsinstituts SIPRI stiegen die Importe großer Waffensysteme durch europäische Staaten zwischen den Zeiträumen 2016–2020 und 2021–2025 um 210 Prozent. Die USA lieferten 48 Prozent dieser Importe. Damit profitieren amerikanische Hersteller von einem erheblichen Teil der europäischen Nachfrage. Zugleich versuchen europäische Staaten, ihre eigene Rüstungsproduktion auszubauen und ihre Abhängigkeit von ausländischen Lieferanten zu verringern.

Steigende Rüstungsausgaben können daher Produktion, Beschäftigung und technologische Entwicklung fördern, Exporte stärken und die eigene Industrie international wettbewerbsfähiger machen. Gleichzeitig fließen dafür öffentliche Gelder und Kredite in die Verteidigung, die andernorts fehlen können. Ob am Ende ein wirtschaftlicher Vorteil entsteht, hängt davon ab, wie groß die zusätzlichen Erträge im Verhältnis zu den Kosten sind. Die steigenden Lebenshaltungskosten für die Bevölkerung deuten jedoch darauf hin, dass diese Rechnung aktuell gesamtwirtschaftlich nicht ganz aufgeht, denn Krieg und Unsicherheit können Handelsbeziehungen beeinträchtigen, Energie verteuern und die Staatsverschuldung erhöhen.

Russland zeigt diesen Widerspruch bereits deutlich. Die Kriegswirtschaft schafft zwar Nachfrage und stärkt bestimmte Rüstungsunternehmen, bindet zugleich aber Arbeitskräfte, Kapital und staatliche Mittel, die für andere Wirtschaftsbereiche fehlen. Ein Staat kann also wirtschaftlich oder geopolitisch von der Aufrüstung profitieren und gleichzeitig hohe gesamtwirtschaftliche Kosten tragen.

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