98 Prozent der Schüler mit Migrationshintergrund: Einheimische und Lehrer flüchten – VIDEO

„Die Schule ohne Italiener“

Dienstag, 15. September 2026 | 08:09 Uhr

Von: Martin Geier

Venedig/Mestre – Weder in Italien noch in einigen Südtiroler Gemeinden mangelt es an Schulklassen mit einem hohen Ausländeranteil. Ein Schulkomplex in einem Viertel von Mestre, das fast ausschließlich von Menschen mit Migrationshintergrund – vor allem aus Bangladesch – bewohnt wird, hält jedoch einen bedenklichen Rekord: Er ist bereits seit dem letzten Jahr landesweit als „die Schule ohne Italiener“ bekannt.

Tatsächlich weist die Gesamtschule „Giulio Cesare“ unter ihren Schülern einen Ausländeranteil von bis zu 98 Prozent auf. Da die sprachliche Verständigung mit den Eltern, die oft kein Italienisch sprechen, äußerst schwierig ist und es an interkulturellen Vermittlern mangelt, ist auch der Unterricht sehr herausfordernd. Die Folge: Nicht nur die italienischen Eltern nehmen ihre Kinder von der Schule, auch Lehrkräfte, Schulwarte, das Verwaltungspersonal und zuletzt sogar die Direktorin haben die Schule inzwischen verlassen. Doch wie konnte es so weit kommen?

Die Lage ist nicht neu. Der Schulkomplex in Mestre, der sich in einem multiethnischen Stadtteil befindet, ist dafür bekannt, dass dort besonders viele Schüler mit Migrationshintergrund unterrichtet werden. Bereits im September 2025 stand die Cesare-Battisti-Grundschule im Mittelpunkt des Medieninteresses, da von den 61 eingeschriebenen Erstklässlern nur ein einziges Kind beide Elternteile italienischer Herkunft hatte, während es etwa zehn Schüler italienischer Herkunft der zweiten Generation gab.

Die Schule verzeichnet auch in diesem Jahr wenig überraschend einen sehr hohen Anteil an Schülern mit Migrationshintergrund. Die Entwicklung an der Gesamtschule im venezianischen Mestre schlägt sich nun in deutlichen Zahlen nieder: In den künftigen ersten Klassen der Grundschule stellen Kinder italienischer Herkunft nur noch in zwei Klassen eine kleine Gruppe von jeweils fünf Personen dar. Die übrigen vier Klassen setzen sich überwiegend aus Kindern mit asiatischen, vor allem bangladeschischen Wurzeln, zusammen. Eine dieser Klassen besteht sogar ausnahmslos aus Kindern bengalischer Herkunft.

An der Mittelschule zeigt sich ein ähnliches Bild: Von den 118 eingeschriebenen Schülern haben nur zehn einen italienischen Nachnamen. Vier der sechs neuen ersten Klassen bestehen ausschließlich aus Schülern, die in den Akten als Kinder mit Migrationshintergrund geführt werden.

In den beiden angeschlossenen Kindergärten „Giulio Cesare” und „Cesare Battisti” ist der Anteil nicht-italienischer Kinder der Jahrgänge 2021 bis 2023 mit über 98 Prozent noch höher.

Die Ursachen für diese Entwicklung sind vor allem praktischer Natur. Wie die Regionalzeitung Il Gazzettino berichtet, liegen die Einrichtungen des Schulverbunds „Giulio Cesare“ besonders verkehrsgünstig für die lokale bengalische Gemeinschaft. Viele Familien wohnen in Marghera oder in der Nähe des Bahnhofs von Mestre. Von dort aus erreichen die Väter schnell die Schiffswerften, in denen sie arbeiten, und die Mütter ihren Arbeitsplatz in den Restaurants und Hotels von Venedig. Die Schulwahl erfolgt meist aus denselben praktischen Gründen der Nähe. Zudem darf eine öffentliche Schule die Einschreibung eines Kindes, das im zuständigen Schulbezirk wohnt, nicht ablehnen, sofern es keine anderen erreichbaren Schulen gibt. Das Ergebnis ist jedoch eine schulische Isolation, die niemand gewollt hat, unter der aber alle leiden.

Tatsächlich ist der Anteil von über 98 Prozent ausländischer Schülerinnen und Schüler in einigen Klassen nicht nur auf die Zunahme der ausländischen Einwohner zurückzuführen, sondern auch auf die Entscheidung italienischer Familien hinsichtlich der Schulwahl. Im Laufe der Jahre haben sich viele italienische Eltern, die in diesem Stadtteil wohnen, aus Angst, das Bildungsniveau könnte aufgrund von Sprachbarrieren sinken, dazu entschlossen, ihre Kinder in Schulen in anderen Stadtteilen von Mestre oder in gleichgestellte private Schulen einzuschreiben. Dadurch wurde die Gesamtschule nach und nach von italienischsprachigen Schülern entvölkert. Viele von ihnen sprachen von einer „Ghetto-Schule“, obwohl sie das Engagement des Schulpersonals anerkannten. Aus denselben Gründen entschieden sich viele Italiener, in andere Stadtviertel oder ins Umland zu ziehen, wodurch sich die Zahl italienischer Kinder weiter verringerte. Ein soziales Phänomen, das vor allem in den USA als „White Flight” bezeichnet wird.

Nachdem viele italienische Kinder das Viertel und damit die Schule verlassen hatten, verließen auch zahlreiche Lehrer die Gesamtschule „Giulio Cesare“, um an anderen Schulen zu unterrichten. Tatsächlich haben die festangestellten Lehrkräfte und die langjährigen Vertretungslehrer eine Versetzung an andere Schulen im Raum Venedig beantragt. Zu Beginn des Schuljahres wurden sie durch eine große Anzahl neu eingestellter befristet beschäftigter Lehrkräfte ersetzt.

Doch nicht nur Lehrer und Schüler, sondern auch das Schulpersonal und die Verwaltungsangestellten suchen das Weite. Auch die bisherige Schulleiterin Michela Manente hat im September ihr Amt niedergelegt, um eine Stelle an einem Gymnasium anzutreten.

Die neue Schulleiterin Antonella Zuccarini, die gerade erst aus Teramo nach Mestre versetzt worden war und diese Aufgabe zum ersten Mal übernimmt, sieht sich einer Herausforderung gegenüber, auf die kein Handbuch vorbereitet: eine Schule, in der man kaum Italienisch hört, in der sich die Eltern kaum mit den Lehrern verständigen können und in der es zu wenige Kulturvermittler gibt.

Antonella Zuccarini hat eine Situation geerbt, die sie nicht selbst verursacht hat. Neben Lehrern, Verwaltungskräften und Schulwarten sucht sie nach Kulturvermittlern und Fachkräften, die Italienischkurse und Integrationsprojekte organisieren. Doch es mangelt an Personal und die finanziellen Ressourcen sind begrenzt. Unterdessen entscheiden sich die verbliebenen italienischen Familien weiterhin für andere Schulen.

„Die Schule ist ein Ort der Integration. Ohne Hilfsmittel wird sie jedoch zum Ghetto“, sagt ein Lehrer. Seine Klasse besteht aus fünfundzwanzig Schülern, davon sind dreiundzwanzig bengalischer Herkunft und zwei Italiener. Der Unterricht geht zwar weiter, doch die sprachliche Kluft vergrößert sich von Stunde zu Stunde. Wer ohne Italienischkenntnisse kommt, lernt von den Mitschülern, die seine Sprache sprechen, aber nicht von den Lehrern.

ANSA/TINO ROMANO

Politische Kräfte und lokale Beobachter interpretieren dieses Phänomen auf gegensätzliche Weise. Einerseits wird, wie von Medien wie Tgcom24 berichtet, auf die Gefahr einer „Ghettoisierung“ und einer Überlastung der Schule hingewiesen, in der kein normaler Unterricht mehr möglich ist.

Andererseits betonen die Schulleitung und verschiedene Pädagogen, dass die Zahlen die tiefgreifenden demografischen Veränderungen im multiethnischen Stadtteil Mestre widerspiegeln und die tägliche Aufnahme und Inklusion zu einer komplexen, aber notwendigen pädagogischen Herausforderung machen.

Simone Venturini, der Bürgermeister von Venedig, hat die Handhabung des Problems öffentlich kritisiert. Er beanstandet, dass die Genehmigung einer Schule, mehr als 90 bis 95 Prozent ausländische Schüler aufzunehmen und dabei die ministerielle Obergrenze von 30 Prozent pro Klasse systematisch zu überschreiten, jede Chance auf echte Integration zunichtemacht. Er fordert ein Eingreifen des Bildungsministeriums und der regionalen Schulbehörden.

Sein politischer Vorschlag zielt darauf ab, Schüler mit Migrationshintergrund auf mehrere Schulen in der Region zu verteilen, um eine Konzentration auf eine einzige Einrichtung zu vermeiden und die pädagogische Belastung zu verringern. Letztere hat bereits zur Abwanderung von Familien und Lehrkräften geführt.

 

 

 

 

 

 

 

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