Von: Martin Geier
Reggio Emilia – Die italienische Stadt Reggio Emilia geriet in den letzten Tagen in den Strudel einer heftigen politischen und gesellschaftlichen Kontroverse um die renommierte städtische Pädagogik-Stiftung Reggio Children, die weltweit für ihren integrativen „Reggio-Emilia-Ansatz“ bekannt ist.
Eine Delegation von 75 Erziehern und Lehrkräften jüdischer Schulen aus den USA, organisiert von der Vereinigung Paradigm Project, sagte ihren geplanten Studienbesuch bei der Stiftung ab. Grund dafür war der starke Druck lokaler Gewerkschaften – darunter die CGIL –, pro-palästinensischer Aktivisten und städtischer Vereinigungen, die die Absage verlangt hatten, da einige der Herkunftsinstitute der Lehrkräfte angeblich mit der israelischen Armee zusammenarbeiten. Hauptgrund für die Absage war jedoch die Forderung, eine politisch-ethische Verpflichtungserklärung zum Nahostkonflikt als Teilnahmevoraussetzung zu unterzeichnen.

Von der jüdisch-amerikanischen Delegation wurde verlangt, eine Positionierung auf der Grundlage der neuen „Charta für eine demokratische und partizipative Bildung” zu unterzeichnen. Das Dokument forderte demnach eine explizite Distanzierung von der Politik der Regierung Netanjahu, den Kriegshandlungen sowie der Besetzung des Gazastreifens. Da die Delegation diese Forderung als diskriminierende Vorbedingung und Vorverurteilung empfand, beschloss sie, die Reise abzusagen.
Walker Meghnagi, der Präsident der Jüdischen Gemeinde Mailand – eine der größten und einflussreichsten in Italien –, verurteilte den Vorfall scharf und schaltete sich mit deutlichen Worten in die Debatte ein: „In Reggio Emilia werden gegenüber jüdischen Lehrkräften Methoden aus dem Dritten Reich angewandt. Der Bürgermeister muss zurücktreten.“

Der angekündigte Besuch von rund hundert Lehrkräften jüdischer Schulen aus den USA und Israel sollte im Centro Internazionale Loris Malaguzzi von Reggio Children stattfinden. Die weltbekannte Bildungseinrichtung in Reggio Emilia gilt seit Jahrzehnten international als Maßstab und war erst kürzlich Schauplatz des ersten öffentlichen Auftritts von Prinzessin Kate nach ihrer Erkrankung.
Mehrere pro-palästinensische Bewegungen und die Gewerkschaft CGIL forderten Reggio Children jedoch auf, die vom 11. bis 16. Oktober geplante Initiative abzusagen, da einige der beteiligten Einrichtungen mit den israelischen Verteidigungskräften (IDF) kooperieren. Die Stiftung spielte zunächst auf Zeit und betonte, dass von allen Personen und Organisationen im Netzwerk die Zustimmung zur „Charta für eine demokratische und partizipative Bildung” verlangt werde. Diese fordert unter anderem die Ablehnung von Krieg sowie die Verurteilung „jeglicher Form von Völkermord”.

Die Wogen glätteten sich jedoch nicht. Am Abend des 6. Oktobers protestierten rund hundert Aktivisten mit Flaggen, Transparenten und Megafonen vor dem Centro Malaguzzi.
Drinnen fand zu diesem Zeitpunkt eine Versammlung mit 400 Personen statt, darunter Eltern, Lehrkräfte und Vertreter der Kinderräte. Im Anschluss unterstrich die Präsidentin von Reggio Children, Maddalena Tedeschi, dass sich die Charta an alle richte – auch an die jüdischen Erzieher, von denen „eine explizite Distanzierung von der Politik der Regierung Netanjahu verlangt wurde“.
In dem Schreiben an die Schulen wird gefordert, „jede Form der Militarisierung von Schulen jeglicher Stufe und in jedem Land aufs Schärfste zu verurteilen”. Die Partner müssen das Dokument zwar nicht formal unterschreiben, wird es jedoch als nicht akzeptabel erachtet, gilt die Zusage als hinfällig.

Nach Tagen der Ungewissheit, in denen auch Sicherheitsbedenken aufkamen, sagten 75 US-amerikanische Lehrkräfte ihre Teilnahme ab. 25 israelische Pädagogen reisten hingegen wie geplant an.
Kurz darauf folgte Meghnagis scharfer Angriff, in dem er den Rücktritt von Bürgermeister Marco Massari verlangte: „In der Gemeinde Reggio Emilia werden Projekte zur Inklusion und zu demokratischen Werten gefördert. Man lädt amerikanische Lehrkräfte jüdischen Glaubens zu pädagogischen Aktivitäten ein und versucht dann, ihnen diktatorisch eine politische Stellungnahme aufzuzwingen – einzig und allein deshalb, weil diese Lehrkräfte für die Gemeinde zur ‚jüdischen Rasse‘ gehören.“

Seiner Ansicht nach handele es sich um eine „Erfassung auf rassistischer Grundlage“. Die Methoden und das Klima in gewissen Gemeinden der Emilia erinnerten ihn an Joseph Goebbels, an das Dritte Reich und an Zitate des faschistischen Politikers Roberto Farinacci. Von einem US-Bürger und Lehrer könne man nicht verlangen, als Jude Rechenschaft abzulegen. Das sei Antisemitismus und die totale Verneinung von Inklusion. Meghnagi forderte den Rücktritt des Bürgermeisters, da Italien durch den enormen Imageschaden, der mittlerweile auch die US-Medien erreicht hat, Schaden nimmt. Auch Vertreter des italienischen Mitterechts-Bündnisses sprachen von schwerer Diskriminierung.
Der Bürgermeister von Reggio Emilia, Marco Massari, wies die Antisemitismusvorwürfe jedoch entschieden zurück. Auch die Führung der Stiftung unter Maddalena Tedeschi verteidigte das Vorgehen. Die „Absichtserklärung“ basiere ausschließlich auf universellen Werten wie der Ablehnung von Krieg und Gewalt. Zudem würden in dem Dokument keine spezifischen Länder oder Regierungen genannt.

Während die US-Delegation fernblieb, traf die Gruppe von 22 bis 25 Pädagoginnen und Pädagogen direkt aus Israel am 11. Oktober im Internationalen Zentrum Loris Malaguzzi ein. Sie wurde von den lokalen Vertretern empfangen. Aufgrund angekündigter Proteste begleiteten Sicherheitskräfte das Treffen.
Um die Woge der Entrüstung zu glätten, kündigte die Stiftung für den 22. Oktober ein öffentliches Treffen mit dem Parents Circle – Families Forum an, einer Organisation, die israelische und palästinensische Familien vereint, die Angehörige im Konflikt verloren haben.
Die Polemiken wollen jedoch nicht verstummen, denn durch internationale Medienberichte – unter anderem in der Times of Israel und bei Jewish Insider – wird inzwischen auch im Ausland über den Fall Reggio Children berichtet. Viele Beobachter blicken mit zunehmender Besorgnis auf die verhärteten Fronten in der Palästina-Frage und warnen vor einem Anstieg des Antisemitismus.
Der sogenannte „Reggiochildrengate” ist vielen Einwohnern peinlich und bringt die Stadt Reggio Emilia groß in Verlegenheit. Reggio Children genießt unter Erziehern weltweit einen ausgezeichneten Ruf. Nun fürchten viele, dass das gute Image aufgrund des Antisemitismusverdachts leiden könnte.








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