Von: Martin Geier
Baldissero d’Alba – Die kleine Gemeinde Baldissero d’Alba in der Provinz Cuneo war am Wochenende Schauplatz einer Bluttat, die viele Fragen aufwirft und an den Fall des 72-jährigen Juweliers Mario Roggero erinnert, der in Grinzane Cavour, das nicht weit von Baldissero d’Alba entfernt liegt, zwei Räuber mit Schüssen aus seinem Revolver getötet und einen dritten Mann schwer verletzt hatte.
In der Nacht zum 20. September 2026 überraschte der 35-jährige Roberto Mollo gegen 2.00 Uhr eine vier- bis fünfköpfige Bande auf dem Hof seines im Umbau befindlichen, ländlichen Anwesens. Ersten Erkenntnissen zufolge feuerte der allein anwesende Besitzer aus Panik und in der Dunkelheit mit einer legal besessenen Pistole etwa zehn Schüsse in verschiedene Richtungen ab. Dabei traf er den 36-jährigen Gjovalin Lazri und verwundete ihn tödlich.
Während seine Komplizen flüchteten, erlag der ursprünglich aus Albanien stammende Mann noch an Ort und Stelle seinen Verletzungen. Die Rettungskräfte konnten nur noch seinen Tod feststellen. Nun fürchtet Roberto Mollo, gegen den wegen vorsätzlichen Mordes ermittelt wird, eine ähnliche Verurteilung wie Mario Roggero. „Sie haben die Tür aufgebrochen. Ich bin in Panik geraten und habe ins Dunkle geschossen. Ich habe nichts gesehen. Jetzt habe ich Angst vor dem Gefängnis.“ Während die Ermittler nach den flüchtigen Komplizen fahnden, steht die Gemeinde geschlossen hinter dem Lkw-Fahrer.

Es war eine Tragödie, die sich innerhalb weniger Sekunden abspielte: laute Geräusche mitten in der Nacht, die Silhouetten von vier oder fünf Personen im Hof, Schüsse aus einer ordnungsgemäß registrierten Waffe, ein lebloser Körper, der zu Boden fällt, und die Komplizen, die in der Nacht das Weite suchen. Jetzt wird gegen Roberto Mollo, der nach den Schüssen selbst den Notruf 112 alarmiert hatte, wegen vorsätzlichen Mordes ermittelt.
Wie der Corriere della Sera berichtet, findet der 35-Jährige, der sich in der Villa seiner Familie eingeschlossen hat – nur wenige Meter von dem Bauernhaus entfernt, in dem sich das Drama abgespielt hat –, keine Ruhe. Mollo war kurz nach 1.00 Uhr von einem Abend mit Freunden zurückgekehrt und hatte sich schlafen gelegt. Dann geschah der Einbruch. „Ich habe einen Fehler gemacht. Ich hätte nicht schießen dürfen. Aber ich war in Panik und habe im Dunkeln geschossen. Ich habe nichts gesehen. Jetzt ist mein Leben ruiniert. Ich habe Angst, im Gefängnis zu landen“, klagt Roberto Mollo verzweifelt. Er behauptet, nicht mit der Absicht zu töten, geschossen zu haben, sondern er habe die Eindringlinge nur erschrecken wollen. Zwei der etwa zehn abgefeuerten Schüsse trafen jedoch ihr Ziel. Einer der Einbrecher, der 36-jährige Gjovalin Lazri, sank zu Boden.
Trotz der Wiederbelebungsversuche des Rettungsdienstes starb Gjovalin Lazri noch am Unfallort. Der 36-Jährige lebte im Norden Turins, wo er gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin eine Bar am Corso Taranto betrieb. Die Ermittlungen ergaben, dass der Mann, der auch einen Sohn hinterlässt, wegen Vermögensdelikten vorbestraft war. Laut seiner Anwältin Roberta Sisimbro arbeitete Lazri regelmäßig und „versuchte mit allen Mitteln, sich wieder in die Gesellschaft zu integrieren”.
Dennoch befand er sich letzte Nacht zusammen mit einer Gruppe Komplizen in Baldissero d’Alba, um von einer Baustelle Dachziegel, Zement und Gerüste zu stehlen. Nach den Schüssen gelang es den anderen Mitgliedern der Bande zu fliehen – vermutlich mit einem in der Nähe geparkten Fahrzeug –, wobei sie ihren tödlich verwundeten Komplizen zurückließen. Aus dem Bauernhaus wurde nichts gestohlen.
Die Anklage wegen vorsätzlichen Mordes gegen Mollo ist derzeit ein notwendiger Schritt, um eine Obduktion und ballistische Untersuchungen durchführen zu können. Der Anwalt des Lkw-Fahrers, Pier Mario Morra, mahnt zur Ruhe: „Er ist am Boden zerstört. Die Justiz wird ihre Arbeit tun, dann werden wir die Lage einschätzen. Er ist kein Pistolero, er hat große Angst. Er braucht Zeit, auch für ihn war es ein Schock.“ Unterdessen stellen sich die Bewohner der 1.000-Seelen-Gemeinde in der Provinz Cuneo schützend hinter den 35-Jährigen, den der Bürgermeister selbst als „guten Menschen“ beschreibt.

Tatsächlich ist der 35-Jährige in Baldissero d’Alba als ruhiger und besonnener Mann bekannt, der neben seinem Beruf als Lastwagenfahrer auch seiner Leidenschaft für Tiere nachging. Er war vor ein paar Monaten in das Bauernhaus gezogen, renovierte es gerade und hatte dort auch den Stall mit seinen Ziegen und Schafen eingerichtet. „Man muss sie füttern“, sagt er besorgt, denn er weiß, dass das Anwesen nun beschlagnahmt ist.
Die Wut über die Kriminalität ist greifbar und wurde durch einen weiteren Schmuckdiebstahl angeheizt, der sich nur wenige Stunden später im Dorf ereignete, während der betroffene Hausbesitzer in der Messe war. „Hier gibt es kaum Kontrollen, und die Diebe können tun, was sie wollen“, sagt das Diebstahlopfer erzürnt. „Ich bin nicht bewaffnet, aber wenn ich sie hier angetroffen hätte … Meiner Meinung nach hat er richtig gehandelt. Sie sind in Privatbesitz eingedrungen, und er hat geschossen!“
Diese im Dorf herrschende Verzweiflung war auch im Hause Mollo zu spüren, wo sich der Bruder an die Diskussionen über den Fall Mario Roggero erinnerte – den Juwelier aus Grinzane Cavour, der wegen der Tötung zweier Räuber verurteilt wurde. „Robi sagte, das Gesetz scheine auf der Seite der Kriminellen zu stehen”, verrät sein Bruder Giuseppe. „Aber er weiß, dass er einen Fehler begangen hat, und ist am Boden zerstört.“
„Was die Ermittlungen angeht, gibt es derzeit mehr Fragen als Antworten“, erklärte der Staatsanwalt von Asti, Biagio Mazzeo, gegenüber dem Turiner Tagblatt La Stampa. „Es ist plausibel, dass er aus Angst gehandelt hat. In solchen Fällen versucht die Staatsanwaltschaft zwar, bei der Auslegung der Gesetze nachsichtiger vorzugehen, aber man muss immer bedenken, dass ein Menschenleben ausgelöscht wurde“, fügte er hinzu.
Unterdessen gesellt sich zu den Reaktionen auf den Fall die des Senatspräsidenten Ignazio La Russa. In der Sendung „Ping Pong“ auf Rai Radio1 sagte er: „Es ist absurd, jemanden des vorsätzlichen Mordes zu beschuldigen, der keinerlei Absicht hatte, Schaden anzurichten, sondern nur etwas verhindern wollte, das ihm selbst oder seinem Vermögen schaden würde. Ebenso handele es sich im Fall Roggero um eine fahrlässige Überschreitung der Notwehr, niemals um vorsätzlichen Mord. Vielleicht sollte das Gesetz solche Umstände klar regeln.“
Wie in ähnlich gelagerten Fällen fachte der Tod des Einbrechers durch Schüsse aus der Waffe des Hausbesitzers die in der italienischen Öffentlichkeit nie ganz abgeebbte Diskussion um Gerechtigkeit, Mord oder Notwehr erneut an.





Aktuell sind 3 Kommentare vorhanden
Kommentare anzeigen