Von: Martin Geier
Catanzaro – Um der Entvölkerung entgegenzuwirken und verlassene Dörfer wiederzubeleben, bieten viele italienische Gemeinden abseits der Küsten und großen Verkehrswege seit Jahren sogenannte Ein-Euro-Häuser an. Die Initiatoren erhoffen sich, insbesondere junge Familien anzuziehen und zum Bleiben zu bewegen.
In der Regel werden diese verlassenen Immobilien den Käufern zum symbolischen Preis von einem Euro überlassen. Einzige Bedingung ist, dass sie renoviert und bewohnt werden. Manch einer mag diese Idee belächeln, doch andernorts haben sich solche und ähnliche Initiativen als sehr erfolgreich erwiesen. Allerdings unterschätzen viele Käufer die massiven Renovierungskosten sowie die Herausforderungen des Lebens abseits großer Zentren.

Bisher gingen die Ein-Euro-Kaufangebote von einzelnen Gemeinden oder Gemeindeverbänden aus. Nun ergriff jedoch Roberto Occhiuto, der Präsident von Kalabrien, die Initiative, um für seine süditalienische Region neue Bewohner und Rückkehrer zu gewinnen. Unter dem Slogan „La Calabria ti regala la casa“ hat Occhiuto das Projekt „Ripopola Calabria“ („Kalabrien wiederbevölkern“, Anm. d. Red.) offiziell ins Leben gerufen. Das Vorhaben sieht ein Budget von 20 Millionen Euro vor, um dem Bevölkerungsschwund entgegenzuwirken und die kleinen Dörfer der Region neu zu beleben.
Das Neue an dieser Idee ist, dass sich das Modell grundlegend von bisherigen unterscheidet, da die Immobilien nicht zum Verkauf stehen, sondern den Bewerbern für zehn Jahre im Rahmen einer kostenlosen Leihe (comodato d’uso gratuito, Anm. d. Red.) zur Verfügung gestellt werden. Im Gegensatz zu den Ein-Euro-Häusern müssen die zukünftigen Bewohner keine Kosten für die Sanierung tragen. Die teilnehmenden Gemeinden haben bereits 50 Wohnungen und Häuser bereitgestellt. Für die Teilnahme gilt es jedoch, einige Voraussetzungen zu erfüllen.

„Kommt nach Kalabrien und wohnt dort für null Euro“: Mit dieser Einladung wendet sich der Präsident der Region, Roberto Occhiuto, in der Rolle eines „Immobilienmaklers“ an all jene, die in einige kalabrische Dörfer ziehen möchten. Die Initiative trägt den Namen „Ripopola Calabria“ (Kalabrien wiederbevölkern), ist ein Experiment und zielt laut dem Nachrichtenportal LaCNews24 darauf ab, dem Bevölkerungsschwund in kleinen Ortschaften entgegenzuwirken und neue Einwohner anzulocken.
Auf der Website ripopola.regione.calabria.it können bereits die ersten 50 verfügbaren Häuser eingesehen und ausgewählt werden. „Wir werden diese Häuser auf Kosten der Region renovieren. Die Bewohner zahlen keinen einzigen Cent und haben die Möglichkeit, zehn Jahre lang kostenlos darin zu wohnen“, erklärte Occhiuto in einem Instagram-Video. Er schloss mit dem Appell: „Kommt nach Kalabrien, denn in Kalabrien zu leben ist schön und lohnt sich.“

Die Wohnungen werden den Bewerbern im Rahmen einer kostenlosen Leihe (comodato d’uso gratuito, Anm. d. Red.) für die Dauer von zehn Jahren überlassen. Das Angebot richtet sich an Personen außerhalb Kalabriens, die ihren Hauptwohnsitz dauerhaft in die Region verlegen möchten. Die Vergabe erfolgt nicht automatisch: Interessierte müssen ihre Bewerbung über das regionale Portal einreichen. Die Anträge werden anschließend anhand einer öffentlichen Rangliste bewertet. Das Programm sieht dabei Bonuspunkte für bestimmte Zielgruppen vor, beispielsweise für zurückkehrende kalabrische Auswanderer, Familien mit Kindern, junge Paare, Beschäftigte im Smart Working und Freiberufler.

Laut LaC News24 stellt die Region für die Sanierungsarbeiten Finanzierungen von bis zu 2.000 Euro pro Quadratmeter bereit, bei einer Obergrenze von 280.000 Euro pro Wohneinheit. Die Regionalverwaltung übernimmt die Kosten vollständig, um derzeit leerstehende oder sanierungsbedürftige Häuser in moderne, sichere und energieeffiziente Wohnungen von bis zu 140 Quadratmetern zu verwandeln. Wer den Zuschlag erhält, wohnt zehn Jahre lang mietfrei. Die Maßnahme dient ausschließlich Wohnzwecken. Eine Untervermietung oder die Nutzung für touristische Zwecke (zum Beispiel als Bed & Breakfast) ist strikt untersagt.

Die Pilotphase des Projekts startet ab sofort und umfasst 50 Häuser in 26 kalabrischen Dörfern – allesamt kleine Gemeinden mit weniger als 5.000 Einwohnern, verteilt auf alle fünf Provinzen der Region. Bei den Objekten handelt es sich um Gebäude in öffentlicher Hand, die derzeit oft ungenutzt oder sanierungsbedürftig sind. Sie werden nun umfassend renoviert, um Familien, jungen Paaren, Fachkräften und allen Personen, die sich in der Region niederlassen möchten, Raum zu bieten. Ziel der Initiative ist es, die historische Bausubstanz zu erhalten und vor allem neues Leben in die betroffenen Orte zu bringen sowie sie wirtschaftlich und sozial zu stärken. Um den Neustart zu erleichtern, richten die teilnehmenden Gemeinden spezielle Anlaufstellen ein. Diese empfangen Neubürger und unterstützen sie bei bürokratischen Schritten.

Über das von der Region eingerichtete Online-Portal können Interessierte den Immobilienkatalog durchsuchen, Grundrisse und Sanierungsentwürfe einsehen und ihre Bewerbung direkt einreichen. Laut LaC News24 variieren die verfügbaren Objekte stark in Größe und Ausstattung. Das Spektrum reicht von einer 52 Quadratmeter großen Zweizimmerwohnung im historischen Ortskern von Alessandria del Carretto bis hin zu großzügigen Häusern. In San Floro steht beispielsweise ein 140 Quadratmeter großes Objekt mit vier Zimmern, Panoramablick und idealen Homeoffice-Möglichkeiten zur Verfügung. Ein ähnlich großes, dreigeschossiges Gebäude mit Balkonen gibt es in Amato. Für Familien eignet sich das rund 85 Quadratmeter große Haus in Scigliano, während in Rovito ein öffentliches Gebäude in drei separate Wohneinheiten aufgeteilt werden soll.

Die neue Initiative von Roberto Occhiuto, mit der junge Familien, „digitale Nomaden“ und „Auslandskalabresen“ in die süditalienische Region gelockt werden sollen, sorgt italienweit für Aufsehen. Manche mögen diese Idee belächeln, doch im Gegensatz zu den Ein-Euro-Häusern, die oftmals teuer renoviert werden müssen, um bewohnbar zu werden, zeichnet „Ripopola Calabria” der Vorteil aus, dass die zukünftigen Bewohner keinen Euro ausgeben müssen und direkt in eine bezugsfertige Wohnung einziehen können. Die im Online-Katalog angeführten Wohnungen und Häuser scheinen tadellos zu sein. Manche – auch aus Südtirol – könnten Gefallen an ihnen finden.








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