Von: Martin Geier
Cortina d’Ampezzo – Der Lago di Sorapis ist einer der spektakulärsten Alpinseen der Belluneser Dolomiten und weltweit berühmt für seine unglaubliche azurblau bis türkise Farbe, die auf feinsten Gesteinsstaub zurückzuführen ist, der durch die Gletscherschmelze getragen wird. Auf 1.925 Metern Höhe in der Gemeinde Cortina d’Ampezzo gelegen, befindet sich die Wasserfläche am Fuße der majestätischen Punta Sorapis.

Da der blaue Dolomitenbergsee mit der dahinterliegenden Felsnadel Dito di Dio (Finger Gottes) inzwischen zu den beliebtesten Fotomotiven gehört, hat er sich in den letzten Jahren zu einem der am stärksten vom Massentourismus und dem Phänomen des „Selfie-Tourismus“ betroffenen Reiseziele entwickelt. Mit Spitzenwerten von über 3.000 Besuchern pro Tag ist das Ökosystem extrem gefährdet. Zum Schutz des Sees und der umliegenden Bergnatur gelten strenge Vorschriften, deren Einhaltung von den Ordnungskräften und den Wächtern der „Regole d’Ampezzo“ überwacht wird.

Nicht zuletzt, weil mich drei Damen aus der Verwandtschaft fragten, ob ich sie zum mittlerweile weltbekannten Sorapis-See begleiten könne, sondern auch, weil ich den wunderschönen See, der als touristischer Hotspot gilt, nach so vielen Jahren endlich einmal selbst sehen wollte, willigte ich gerne ein, zu viert in dieses Overtourism-Abenteuer zu starten.

Wie von Experten im Internet vorgeschlagen, brachen wir am letzten Samstag sehr zeitig von Bozen auf – kurz nach 6.00 Uhr – um nach einer etwa zweistündigen Fahrt durch das Pustertal und das Höhlensteintal um 8.00 Uhr den Passo Tre Croci zu erreichen. Wir hofften, dass Ende September die Hochsaison mittlerweile vorüber sei und die inzwischen kühleren Temperaturen für weniger Andrang sorgen und uns genügend Parkplätze zur Verfügung stehen würden.
Aber weit gefehlt, denn bereits zwei Kilometer vor dem Pass waren alle Stellplätze besetzt. Wir mussten den Pass überqueren und fanden zum Glück auf dem großen Parkplatz des Skigebiets freie Plätze.

Über die Zustände, die an ein „Rimini in den Dolomiten” denken ließen, waren wir erstaunt, aber frohen Mutes, da das Wetter nach zwei Regentagen reichlich Sonne und einen klaren Himmel versprach. Wir schlossen uns den Dutzenden von „Bergtouristen” an, um in einer Viertelstunde den Wegbeginn, oder besser den „Lago di Sorapis Hike Trailhead”, zu erreichen.
Dass es keine normale Bergwanderung sein würde, war bereits an den Outfits der zumeist jungen Wanderinnen zu erkennen. Ausgestattet mit GoPros und anderen Kameras, in kurzen oder langen Stretchhosen und knappen Tops gekleidet, mit langen Fingernägeln, ansprechender Frisur und Make-up fein hergerichtet, waren sie bereit für die perfekten Fotos am See vor dem Dito di Dio.

Meine Begleiterinnen und ich haben in all den Jahren auf den Bergen noch nie ein solch internationales Publikum gesehen. Es waren nur wenige Deutsche und Italiener unterwegs, dafür wimmelte es aber von Gästen aus China, Japan, Osteuropa, Südamerika und den Vereinigten Staaten. Die „Lingua franca” auf dem Weg zum See war Englisch. Mit einem jungen US-amerikanischen Paar, das seinen Urlaub in Cortina verbrachte, kam ich kurz ins Gespräch. Die beiden waren überglücklich, denn sie hatten die Reise von der US-Ostküste unter anderem mit dem festen Entschluss angetreten, den Lago di Sorapis zu sehen.

Das erste Wegstück – früher ein breiter Weg zu den Alpini-Stellungen aus dem Ersten Weltkrieg, heute ein Forstweg – war sehr leicht und fast eben. Es dauerte jedoch nicht lange, bis der Steig zum See sehr herausfordernd wurde – insbesondere für die „Instagram-Touristinnen“.
Mit kaum mehr als 300 Höhenmetern ist der Höhenunterschied nicht allzu groß, aber der Weg, der offiziell für erfahrene Bergwanderer ausgewiesen ist, weist Wurzeln, Metallstufen und ausgesetzte Passagen auf, die mit Stahlseilen als Handlauf gesichert sind. Personen mit schwerer Höhenangst wird daher dringend von der Tour abgeraten. Das Tragen von gutem Bergschuhwerk ist zwingend erforderlich.

Hinzu kam, dass der Weg nach zwei Regentagen glitschig war. Viele junge und ältere Touristen, die offensichtlich nicht mit solchen Schwierigkeiten gerechnet hatten, sahen sich bald schweißtreibenden Herausforderungen gegenüber. Vor den heiklen Passagen bildeten sich daher oft kleine Staus. Glücklicherweise waren am Vormittag fast alle in Richtung See unterwegs, sodass zumindest kaum „Gegenverkehr” herrschte.
Bei steilen Aufstiegen, bei denen es galt, großes Wurzelwerk zu überwinden, und beim Übersteigen großer Steine kam es gelegentlich zu brenzligen Situationen. Besonders manche „Instagram-Touristin” wusste eine helfende Hand zu schätzen oder freute sich, wenn ein „erfahrener Einheimischer” vor ihr ging und ihr die besten Schritte zeigte. Als Dank erhielt man ein „Thank you”, ein „Very nice of you” und bewundernde Blicke.

Aufgrund des guten Wetters und der Vorfreude der Touristen auf das Foto am See war die Stimmung trotz der Schwierigkeiten auf dem Weg toll. Alle waren sehr freundlich zueinander und es gab keine „nervösen Momente”, wie sie an anderen Orten in den Bergen bereits vorgekommen sind.

Nach etwa zwei schweißtreibenden Stunden erreichten wir den See. Den Touristen war anzusehen, wie ihnen beim Anblick des Sees das Herz aufging. Als sich die Wolken verzogen und die Sonne zum Vorschein kam, stand einem Top-Foto nichts mehr im Wege. Vor dem großen Stein am See, vor dem der Dito di Dio del Sorapis zu sehen ist, standen die „Instagram-Touristinnen” geduldig an, um den perfekten Moment zu erwischen. Natürlich schossen auch meine Begleiterinnen und ich viele Fotos vom See samt dem Dito di Dio.
Dort, wo der Weg den Lago di Sorapis erreicht, ging es zu wie an einem Strand in der Hochsaison. Die umliegenden Berghöhen des Sorapis hingegen waren menschenleer – was für ein Kontrast auf wenigen hundert Metern! Interessant war, dass es zwar richtig voll war, sich aber alle zu benehmen wussten und die zum Schutz der Bergnatur eingeführten strengen Ge- und Verbote respektierten.

Wir beschlossen, eine ruhigere Stelle am anderen Ende des Sees aufzusuchen, um unsere im Rucksack mitgebrachten Speisen zu essen. Ursprünglich wollten wir nach dem Seerundgang einen Kaffee im nahen Rifugio Vandelli genießen, doch die lange Menschenschlange vor der Schutzhütte zeigte, dass an einen schnellen „Macchiato” nicht zu denken war.
Auf dem Rückweg war die Stimmung noch besser als am Vormittag, denn von der Asiatin bis zur Amerikanerin hatte jeder bekommen, was er wollte. Ein einmaliges Erlebnis samt Fotos für die eigene Instagram-Seite. Den Kaffee genossen wir schließlich samt einer ausgiebigen Rast auf dem Passo Tre Croci.

Um eine große Erfahrung reicher traten wir, das Pustertal meidend, den Heimweg über vier Dolomitenpässe an. Es war spannend, erlebnisreich und manchmal auch verstörend, den Overtourism hautnah zu erleben, aber die Freude, Offenheit und Freundlichkeit der Ausländer, die von weither gekommen waren, um den Lago di Sorapis zu sehen, war berührend. Plattformen wie Instagram mögen viele negative Seiten aufweisen, aber positiv ist, dass sich nun mehr Menschen für die Natur interessieren, die es sonst nie getan hätten.

Angesichts des herausfordernden Weges sollte die Einführung von Zugangsbeschränkung nicht nur aus Naturschutzgründen, sondern allein schon aus Sicherheitsgründen erwägt werden – zumindest in der Hochsaison. Allerdings sollte keine Maut erhoben werden, denn der Lago di Sorapis samt Dito di Dio gehört allen!












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