Von: Sophia Molitor
Cagliari – Sardinien ist bekannt für türkisfarbenes Meer, einsame Buchten und wilde Berglandschaften. Doch abseits der Strände verbirgt die Insel eine unheimlichere Seite: Orte, an denen sich die Spuren von Tod, vergessenen Zivilisationen und rätselhaften Ereignissen bis heute erhalten haben. Die Autonome Region Sardinien setzt unter anderem auf Filmproduktionen, um dieses kulturelle, landschaftliche und anthropologische Erbe der Insel weltweit bekannt zu machen – von jahrtausendealten archäologischen Stätten bis hin zu Mythen und Legenden, die bis heute nachwirken.
Einer der unheimlichsten Orte liegt im Südosten der Insel: Salto di Quirra, ein rund 12.000 Hektar großes militärisches Sperrgebiet zwischen Perdasdefògu und Villaputzu. Seit 1956 wurden hier Raketen, Waffen und Munition getestet. Über Jahre berichteten Hirten von Missbildungen bei ihren Tieren und einer auffälligen Häufung von Krebs- und Leukämiefällen.
Besonders dramatisch wurde die Geschichte 2011 als der Staatsanwalt Domenico Fiordalisi die Ermittlungen einleitete und die Gräber von 18 verstorbenen Hirten öffnen ließ. Die Untersuchungen ergaben unter anderem erhöhte Werte von Thorium und anderen radioaktiven Elementen in den Knochen, während insgesamt 167 Krebs- und Leukämiefälle auftauchten. Acht ehemalige Kommandanten des Truppenübungsplatzes wurden daraufhin angeklagt, 2021 jedoch aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Was genau hinter den auffälligen Erkrankungen steckt, ist bis heute umstritten.
Von diesem modernen Schauplatz führt die Reise weit zurück in die Vergangenheit – auf die Insel Asinara. Heute ist sie ein Nationalpark und für ihre unberührte Landschaft bekannt. Ihre Geschichte ist jedoch weit weniger idyllisch. Ende des 19. Jahrhunderts wurden die Bewohner der Insel vertrieben, anschließend entstand dort eine Strafkolonie. Während des Ersten Weltkriegs kamen mehr als 23.000 österreichisch-ungarische Kriegsgefangene nach Asinara. Tausende starben an Krankheiten und Entkräftung.
Später wurde die Insel zu einem Hochsicherheitsgefängnis. 1985 waren dort auch die Richter Giovanni Falcone und Paolo Borsellino mit ihren Familien untergebracht – nicht als Häftlinge, sondern aus Sicherheitsgründen, während sie am Maxi-Prozess gegen die Mafia arbeiteten. Erst 1997 endete Asinaras Geschichte als Gefängnisinsel.
So wurden auf Gräbern bewohnbare Häuser
Auch mitten in Cagliari liegt eine Welt verborgen, die längst der Vergangenheit gehört. Auf dem Hügel Tuvixeddu befinden sich die größten Gräber des Mittelmeers, die teilweise mehrere Meter tief in den Fels reichen. Doch im Laufe der Jahrhunderte änderte sich ihre Funktion: Menschen nutzten die alten Grabkammern als Wohnräume, später dienten sie sogar als Luftschutzbunker. Noch bis in die 1990er-Jahre sollen einige Kammern bewohnt gewesen sein. So wurden aus Orten, die einst für die Toten bestimmt waren, wieder Orte für die Lebenden.
Eine ähnliche Verbindung zwischen Leben und Tod findet sich bei Sant’Andrea Priu bei Bonorva. Dort befinden sich in den Fels gehauene Grabkammern – die sogenannten domus de janas, die „Häuser der Feen“ – die aus der Jungsteinzeit stammen. Jahrhunderte später wurden einige dieser Gräber in eine Kirche umgewandelt.
Den Abschluss bildet der Nuraghe Arrubiu bei Orroli, auch „Roter Riese“ genannt. Nuraghen sind die charakteristischen prähistorischen Turmbauten der sardischen Nuraghenkultur: massive, ohne Mörtel errichtete Steingebäude aus der Bronzezeit, die teils als Wehr-, Wohn- oder Repräsentationsbauten dienten. Die gewaltige Anlage mit ursprünglich bis zu 21 Türmen gehört zu den größten Nuraghen Sardiniens. Ihre genaue Funktion ist bis heute nicht eindeutig geklärt – sie könnten der Überwachung des Territoriums oder als Zufluchtsort gedient haben.
Besonders rätselhaft ist ein griechisch-mykenisches Gefäß, das auf Kontakte über das Mittelmeer vor rund 3.400 Jahren hindeutet. Warum die Anlage zu Beginn der Eisenzeit plötzlich aufgegeben wurde, bleibt dagegen bis heute ungeklärt. Jahrhunderte später nutzten die Römer die Ruinen unter anderem zur Weinproduktion.
Vielleicht ist es gerade diese Mischung, die Sardiniens unheimliche Orte so faszinierend macht. Manche erzählen von realen Tragödien, andere von längst vergangenen Kulturen. Manche sind archäologische Rätsel, andere wurden erst durch moderne Ereignisse wieder ins Bewusstsein gerückt und bei manchen beginnt das Geheimnis genau dort, wo die gesicherten Fakten enden.
Eines steht fest: Wer nach Sardinien reist, möchte so schnell nicht mehr zurück. Man nimmt dieses geheimnisvolle Gefühl wahr – zwischen Orten, die von Mythos und Wissenschaft, Tod und Alltag, Natur und menschlichem Eingriff geprägt sind.




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