"Wenn der Trend vorbei ist, wird er verfallen"

Spektakulärer Skywalk am Tonalepass scheidet die Geister

Mittwoch, 23. September 2026 | 08:20 Uhr

Von: Martin Geier

Vermiglio/Ponte di Legno – Die im Bau befindliche Aussichtsplattform „Skywalk” am Passo Paradiso in 2.585 Metern Höhe im Skigebiet Pontedilegno-Tonale soll ab nächstem Jahr einen spektakulären Blick auf das Tonale-Tal sowie die Gletscher Adamello und Presanella bieten. Doch um das weithin sichtbare Großprojekt ist ein heftiger Streit entbrannt.

Während Touristiker auf einen neuen Buchungsschub hoffen, laufen Natur- und Landschaftsschützer Sturm. Sie kritisieren, dass der Bau die sensible Bergwelt beeinträchtigt und die historische Silhouette des Passes, die bislang nur von Schützengräben aus dem Ersten Weltkrieg geprägt war, unwiederbringlich zerstört. Das Projekt ist Teil eines umfassenden Sanierungsplans und soll im Sommer 2027 fertiggestellt werden.

Nach dem Widerstand von Umweltverbänden schaltete sich auch der bekannte Schriftsteller Marco Albino Ferrari ein: „Der springende Punkt ist, dass dieser Skywalk eine unumkehrbare Infrastruktur für eine vergängliche Attraktion darstellt. Wenn der Hype vorbei ist, wird das Bauwerk jahrhundertelang langsam verfallen – als Zeugnis jener kurzsichtigen Denkweise, die den heutigen Bergtourismus bestimmt.“

Facebook/Marco Albino Ferrari

Wir befinden uns am Tonale-Pass, der die Lombardei und das Trentino voneinander trennt. Seit Wochen sorgt das Projekt einer Aussichtsplattform auf 2.585 Metern Höhe für Gesprächsstoff. Ende letzten Monats haben die Bauarbeiten begonnen, die Fertigstellung ist für den Sommer 2027 geplant. Die Aussichtsplattform „Skywalk“ entsteht im Gebiet Monticelli nahe dem Passo Paradiso, direkt an der Bergstation der vom Tonale-Pass heraufführenden Gondelbahn. Sie liegt am Eingang zum historischen Areal des Ersten Weltkriegs und markiert den Beginn des Aufstiegs auf den Presanella-Gletscher.

Facebook/Maria Cristina Martinelli

Das weit auskragende Bauwerk ist fest im Fels verankert. Transparente Böden, Gitterroste und Glasgeländer verleihen ihm eine schwebende Optik und sorgen für Nervenkitzel. Die Plattform ist Teil eines Rundwanderwegs und bietet einen spektakulären 360-Grad-Panoramablick auf das obere Val Camonica, das Val di Sole und die Gipfel der Adamello-Presanella- sowie der Ortler-Gruppe. Dank der direkten Anbindung an die Paradiso-Gondelbahn ist das neue Highlight im Sommer wie im Winter mühelos erreichbar.

Das Vorhaben der Liftgesellschaft SIT (Società Impianti Turistici) ist in eine umfassende Modernisierung des Skigebiets eingebettet. Neben dem „Skywalk” sieht das Gesamtprojekt den Ersatz bestehender Anlagen durch eine neue Zehner-Gondelbahn und eine weitere Gondelbahn mit einer Förderleistung von 3.200 Personen pro Stunde sowie den Ausbau der Beschneiungsanlagen auf den Pisten „Giuliana”, „Paradiso” und „Bleis” vor.

Facebook/Maria Cristina Martinelli

Das Projekt „Skywalk am Passo Paradiso“ hat heftige Kontroversen ausgelöst und zu einer tiefen Spaltung geführt. Auf der einen Seite stehen die lokalen Tourismusakteure, auf der anderen Seite Umweltverbände, Bergsteigervereine und weite Teile der Öffentlichkeit.

Die Befürworter – darunter Seilbahnbetreiber, Tourismusverbände und Kommunalverwaltungen – verteidigen das Vorhaben als entscheidenden Baustein, um auch im Sommer und Herbst Besucher anzuziehen und somit die Abhängigkeit vom Wintertourismus zu verringern. Sie betonen, dass sie Familien, Senioren und weniger trainierten Personen einen sicheren Aussichtspunkt auf die Adamello-Presanella-Gruppe bieten wollen, ohne dass diese eine anspruchsvolle Bergwanderung auf sich nehmen müssen. Nach Ansicht der Planer fügt sich das Bauwerk zudem in ein umfassendes Konzept zur Aufwertung der angrenzenden Schützengräben aus dem Ersten Weltkrieg ein und dient als Zugangstor zu den historischen Gedenkwegen.

Facebook/Maria Cristina Martinelli

Diese Argumente lassen die Gegner jedoch nicht gelten. Naturschutzorganisationen wie Mountain Wilderness, Legambiente, CIPRA und Italia Nostra prangern gemeinsam mit den Alpinverbänden CAI und SAT sowie lokalen Initiativen die zunehmende Kommerzialisierung an. Die Bergwelt werde zu einem „Lunapark“ für den Massentourismus degradiert – künstlich und spektakulär inszeniert auf Kosten der unberührten Natur.

Ein zentraler Kritikpunkt ist auch der historische Kontext: Das Gebiet um den Monticelli und den Passo Paradiso war Schauplatz dramatischer Kämpfe während des Ersten Weltkriegs im Hochgebirge, der auch als „Weißer Krieg“ bekannt ist. Die Gegner argumentieren, dass eine derart einschneidende Infrastruktur den historischen Respekt und den Gedenkwert dieser Orte zerstöre. Zudem wird der Bau massiver Konstruktionen aus Beton und Stahl auf hochalpinen Felsrücken scharf kritisiert, da es sich schließlich um hochsensible Lebensräume handelt, die ohnehin stark unter dem Gletscherschwund und dem Klimawandel leiden.

Die Kritik richtet sich somit grundsätzlich gegen ein ausgedientes Tourismusmodell, das vor allem auf „Instagram-taugliche“ Attraktionen und schnellen Konsum setzt.

Facebook/Marco Albino Ferrari

Zu diesen Stellungnahmen gesellt sich nun auch der Schriftsteller Marco Albino Ferrari mit einem Beitrag auf seiner Facebook-Seite. Wörtlich schreibt er:

Auch wenn es wie ein Scherz klingt, ist es das keineswegs. Tatsächlich hat jemand die Idee gehabt, am Passo Paradiso in der Adamello-Gruppe, auf einem Felsen in 2.585 Metern Höhe, einen „Spaziergang in die Leere“ zu errichten. Dabei handelt es sich um eine auskragende Plattform mit Glasboden und -geländern, die in das touristische Angebot des Gebiets Pontedilegno-Tonale aufgenommen werden soll.

Der Skywalk wird als Mittel zur naturkundlichen und historischen Aufwertung der Region präsentiert. Tatsächlich handelt es sich jedoch um die Schaffung einer Bühne für Selfies, eine Instagram-taugliche Attraktion – oder, wie man heute sagt: ein Ort mit „Wow-Effekt“.

Die Kosten für das Projekt, das eine Seilbahn umfasst, belaufen sich auf rund 22 Millionen Euro. Eine Summe, um die viele Gemeindekassen sie beneiden würden. Aber ist das die richtige Art, die Berge aufzuwerten?

Die Idee, einen Mehrwert zu schaffen, sollte insgesamt überdacht werden. Die Berge sind, was sie sind. Sie brauchen keinen künstlichen Mehrwert. Was sie benötigen, sind minimale, schonende Eingriffe sowie die Pflege des Bestehenden. Ein gutes Beispiel ist die Instandhaltung des italienischen Wanderwegnetzes: Mit rund 100.000 Kilometern Länge ist dies eine gewaltige Aufgabe, die jedoch kaum Geld kostet, da sie größtenteils von Ehrenamtlichen geleistet wird.

Die Besonderheit des Hochgebirges mit seinen landschaftlichen, kulturellen und natürlichen Unterschieden sowie seiner so ausgeprägten Einzigartigkeit ist bereits an sich ein Wert. Die 22 Millionen Euro für den neuen Skywalk und die dazugehörigen Anlagen dienen nicht dazu, dem Gebirge einen Wert zu verleihen, sondern ihm einen Preis zu geben und mehr Fahrkarten für die Seilbahn zu verkaufen, von der aus man startet, da das Skifahren keine große Zukunft mehr haben wird.

Der springende Punkt ist, dass dieser Skywalk eine unumkehrbare Infrastruktur für eine vergängliche Attraktion darstellt. Wenn der Hype vorbei ist, wird das Bauwerk jahrhundertelang langsam verfallen – als Zeugnis jener kurzsichtigen Denkweise, die den heutigen Bergtourismus bestimmt.

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