Von: Martin Geier
Rom/Bari/Tarent – In Süditalien kommt es derzeit zu leeren oder nahezu ausverkauften Supermarktregalen sowie geschlossenen Tankstellen. Vor allem die Regionen Apulien, Basilikata, Kalabrien und Sizilien sind von dieser schweren Ausnahmesituation betroffen.
Der Mangel an Waren und Treibstoff ist die direkte Folge der Proteste und Straßenblockaden, die Mitte Oktober 2026 gleichzeitig stattfinden. Lkw-Fahrer und Landwirte demonstrieren auf nationaler und lokaler Ebene gegen die enorm gestiegenen Treibstoffpreise – insbesondere die extrem hohen Dieselkosten – sowie gegen die stark gestiegenen Betriebskosten für Unternehmen.
Zudem lähmen die Unruhen rund um die Krise des ehemaligen Ilva-Stahlwerks in Tarent zusammen mit den Blockaden an den Zufahrten der dortigen Eni-Raffinerie durch protestierende Stahlarbeiter den Schwerlastverkehr.

Bauern schlagen Alarm: Exorbitante Kosten, minimale Erlöse
Die Lage im Agrarsektor spitzt sich weiter zu. Die Bauern sind verzweifelt, da die Produktionskosten in keinem Verhältnis mehr zu den Verkaufserlösen stehen. So ist der Preis für Düngemittel auf astronomische 120 Euro pro Zentner gestiegen, während der Verkaufspreis für Hartweizen bei unzureichenden 25 bis 27 Euro pro Zentner verharrt. Vor diesem Hintergrund erklären viele Erzeuger, dass sie ihre Felder in diesem Jahr voraussichtlich brachliegen lassen müssen.

Auch der Landwirt Leonardo Di Stefano ist unzufrieden und plant, seine Felder im kommenden Jahr brachliegen zu lassen. Er rechnet vor: „Die Bewirtschaftung eines Hektars Land mit Weizen kostet etwa 1.200 Euro pro Jahr. Bei einem durchschnittlichen Ertrag von 30 Doppelzentnern pro Hektar erzielen wir lediglich einen Erlös von rund 800 Euro. Selbst wenn man die Preisstützung hinzurechnet, kommen wir auf insgesamt nur 960 Euro und bleiben damit unter 1.000 Euro. So kann es unmöglich weitergehen.“
Diese prekäre wirtschaftliche Lage betrifft nicht mehr nur den Getreideanbau, sondern auch die Produktion von Salat, Oliven, Tomaten und anderem Gemüse. Dadurch entsteht ein drastisches Ungleichgewicht: Die Landwirte leiden unter hohen Produktionskosten und niedrigen Erzeugerpreisen, während die Endverbraucher im Supermarkt zeitgleich Rekordpreise für dieselben Produkte zahlen müssen. Die Bauern machen für diese Misere vor allem den Großhandel verantwortlich.

Lkw-Fahrer bangen um ihre Existenz
Auch die Lkw-Fahrer – die meisten von ihnen sind Kleinunternehmer – bangen um ihre Existenz. Die hohen Dieselpreise fressen ihre ohnehin geringe Gewinnmarge komplett auf. „Die Situation ist sehr besorgniserregend“, erklärt Pasquale Russo, Präsident des Branchenverbands Conftrasporto. „Der enorme Preisanstieg, unter dem das Güterkraftverkehrsgewerbe leidet, hat zu extremen Spannungen bei den Lkw-Unternehmen gesorgt. In einigen Regionen des Landes hat dies bereits zu spontanen Protesten geführt, die sich in diesen Stunden weiter ausweiten.“
Es handele sich um „spontane Proteste, die nicht von den Fachverbänden angekündigt wurden“, so Russo. „Das macht das Gesamtbild nur noch beunruhigender, weil es zeigt, dass die Unternehmer aus reinster Verzweiflung handeln.“
Russo erinnert daran, dass es seit Beginn des Krieges im Nahen Osten und der Blockade der Straße von Hormus zu einer Preiserhöhung von mehr als 50 Cent pro Liter gekommen ist. Dadurch kann eine Volltankung für Lkws bis zu 2.400 Euro kosten. Er fordert deshalb, das im vergangenen Mai mit der Regierung geschlossene Abkommen umzusetzen. “Die Regierung muss die Mittel (440 Millionen Euro, Anm. d. Red.) freigeben, die genau für die Kraftstoffpreisexplosion bereitgestellt wurden.”
Treibstoffengpässe und Hamsterkäufe
Da der Treibstoff für die Tankstellen in Apulien, der Basilikata, Kalabrien und Sizilien zu einem großen Teil aus der Eni-Raffinerie in Tarent stammt, kam es schnell zu flächendeckenden Versorgungsengpässen. Inzwischen bilden sich kilometerlange Schlangen an den noch geöffneten Tankstellen, während viele Betreiber bereits das Schild „Ausverkauft“ anbringen mussten. In den betroffenen Regionen ist laut Hochrechnungen an rund sieben von zehn Tankstellen kein Diesel oder Benzin mehr erhältlich.
Da der Einzelhandel im Süden Italiens nahezu vollständig vom Straßentransport abhängig ist, hat der Logistikstopp verheerende Auswirkungen. Die größten Engpässe bestehen bei frischen und leicht verderblichen Lebensmitteln wie Obst, Gemüse, Milch und Fleisch. Aus Angst vor weiteren Engpässen haben Bürger in Städten wie Foggia, Potenza und Matera zudem mit Hamsterkäufen begonnen. Dadurch wurden die Regale schlagartig leer – einerseits aufgrund der Hamsterkäufe, andererseits aufgrund der ausbleibenden Lieferungen.

Die anfänglichen Beruhigungsversuche der Handelsketten, die von ausreichenden Vorräten sprachen, wurden durch die andauernden Straßenblockaden rasch widerlegt. Es wird erwartet, dass die Proteste in Sizilien und Kalabrien noch mindestens bis zum 20. Oktober andauern. Damit wächst die Befürchtung, dass sich der Streik auf das gesamte Staatsgebiet ausweiten könnte.

Sollten die Treibstoffpreise nicht zeitnah sinken, könnte Italien ein „heißer Herbst“ bevorstehen – zumal auch Schüler, Studenten und Lehrkräfte im ganzen Land auf die Straße gehen, um für bessere Bildungs- und Arbeitsbedingungen zu demonstrieren.







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