Von: Martin Geier
Cassano Magnago – Alles deutet darauf hin, dass es sich bei dem tödlichen Verkehrsunfall vom Freitagvormittag auf einer Schnellstraße bei Cassano Magnago in der Provinz Varese in der Lombardei nicht um ein tragisches Unglück, sondern um einen Femizid handelt.
Die 69-jährige Pierina Buffon war mit ihrem Kleinwagen auf der Umfahrungsstraße von Cassano Magnago unterwegs, als ein Jaguar mit geschätzten 140 Kilometern pro Stunde auf die Gegenfahrbahn geriet und frontal auf ihren Wagen prallte. Wie sich kurz darauf herausstellte, saß am Steuer des Jaguars ihr 73-jähriger Ex-Lebensgefährte Fulvio Ielmini.
Die Beziehung der beiden war im Juni auf Wunsch der Frau beendet worden. In den folgenden Monaten stellte der Mann ihr massiv nach, woraufhin Pierina Buffon Anzeige erstattete und eine formelle Abmahnung erwirkte. „Es ist äußerst unwahrscheinlich, dass es sich hierbei um einen Zufall handelt”, erklärte die Anwältin des Opfers. Fulvio Ielmini, der mit mittelschweren Verletzungen im Krankenhaus liegt, wird von den Ermittlern des vorsätzlichen Femizids unter erschwerenden Umständen beschuldigt.

Es schien zunächst ein tragischer Verkehrsunfall zu sein: ein heftiger Aufprall, bei dem beide Fahrzeuge völlig zerstört wurden. Eine der Beteiligten, eine ältere Frau, verliert ihr Leben. Doch am Steuer der beiden Wagen saßen sich keine Unbekannten gegenüber. Es besteht der Verdacht, dass der Zusammenstoß, bei dem die 69-jährige Pierina Buffon ihr Leben verlor, kein Zufall war.
Am Steuer des zweiten Fahrzeugs saß am Freitagmorgen gegen 9.30 Uhr nämlich der 73-jährige Fulvio Ielmini aus Gallarate, der ehemalige Partner der Frau, die noch an der Unfallstelle verstarb. Die Feuerwehr musste schweres Gerät einsetzen, um ihren Leichnam aus dem Wrack zu bergen. Der 73-Jährige wurde hingegen nach der Erstversorgung mit dem Rettungshubschrauber in die Notaufnahme des Krankenhauses von Varese geflogen.
Der Unfall ereignete sich auf der Umfahrungsstraße von Cassano Magnago, einer Kleinstadt mit etwas mehr als 20.000 Einwohnern in der Provinz Varese nahe Gallarate. Erste Spekulationen über die Unfallursache stammten von medizinischem Personal, das zunächst ein medizinisches Problem bei der Frau vermutete. Als jedoch die Identität des verletzten Fahrers im anderen Auto bekannt wurde, ahnten die Angehörigen von Pierina Buffon – allen voran ihre Kinder –, dass mehr dahinterstecken könnte. Sie verknüpften den Unfall sofort mit dem Verdacht auf einen Femizid.
„Sie wurde von ihrem Ex verfolgt, der Selbstjustiz geübt hat. Er hat auf sie gewartet und sie verfolgt, wie die Videos beweisen, die ich in der Tasche habe”, erklärte Danny Ruocco, einer der sechs Söhne des Opfers, gegenüber der Rai-Nachrichtensendung Tg3. Laut der Rechtsanwältin Cinzia Botta ist es ausgeschlossen, dass die beiden in den 24 Stunden vor der Tat Kontakt zueinander hatten.
Die Staatsanwaltschaft Busto Arsizio ermittelt inzwischen nicht mehr wegen fahrlässiger Tötung im Straßenverkehr, sondern wegen vorsätzlicher Tötung, erschwert durch nichtige Motive, sowie wegen Femizids. Die Änderung des Tatvorwurfs wurde Ielminis Verteidiger Angelo Luini zugestellt.
Für die Entscheidung der Staatsanwaltschaft waren neben der früheren Stalking-Anzeige, die Pierina Buffon nach dem Ende der mehrjährigen Beziehung im Juni erstattet hatte, vor allem die Erkenntnisse der Lokalpolizei von Cassano Magnago zur Unfalldynamik ausschlaggebend. Den Ermittlungen zufolge geriet Ielmini auf die Gegenfahrbahn, auf der der Kleinwagen seiner Ex-Partnerin unterwegs war, nachdem er seinen Jaguar auf 140 Kilometer pro Stunde beschleunigt hatte. Staatsanwalt Massimo De Filippo ordnete neben der Obduktion auch weitere forensische Untersuchungen an den Fahrzeugen sowie an den beiden Smartphones an.
Fulvio Ielmini war im Juni nach einer achtjährigen Beziehung von der 69-Jährigen verlassen worden und konnte nicht akzeptieren, dass seine Ex-Partnerin nichts mehr von ihm wissen wollte. In der Folge entwickelte er ein obsessives Verhalten. Dies war im engsten Familienkreis und sogar unter Nachbarn und Bekannten von Pierina bekannt. Sie hatte bereits eine Anwältin eingeschaltet, um sich gegen die ständigen Nachstellungen zu wehren.
„Bedrohungen, Stalking, Streitigkeiten und verschiedene Vorfälle haben wir in einem Dossier zusammengefasst und unserer im vergangenen Sommer erstatteten Anzeige beigefügt”, erläuterte Rechtsanwältin Cinzia Botta. „Was geschehen ist, kam nicht aus heiterem Himmel und es ist sehr schwer, an einen Zufall zu glauben. Wir arbeiten daran, der Staatsanwaltschaft alle notwendigen Beweise zu liefern“, fügte die Anwältin hinzu.
Die Ermittlungen der Carabinieri ergaben zudem, dass der Mann die Bewegungen seiner ehemaligen Partnerin womöglich heimlich überwacht hatte. Die Kinder des Opfers hatten bereits zuvor einen GPS-Tracker am Auto ihrer Mutter entdeckt. Ein weiteres Satellitenortungsgerät soll bei der Durchsuchung der Wohnung des Verdächtigen beschlagnahmt worden sein.
Ielmini liegt weiterhin im Krankenhaus von Varese, wo er von den Carabinieri bewacht wird. „Ich habe noch nicht mit ihm gesprochen. Ich weiß nur, dass er verwirrt ist und an der Hüfte operiert werden muss“, erklärte sein Verteidiger Luini. In der Wohnung seines Mandanten habe eine Durchsuchung stattgefunden, bei der die Ermittler nach Dokumenten und IT-Geräten gesucht hätten, so der Anwalt weiter. Formelle Haftbefehle oder restriktive Maßnahmen seitens der Staatsanwaltschaft gebe es derzeit noch nicht, „auch wenn ich davon ausgehe, dass dies nur eine Frage von Stunden ist.“
Seitdem bekannt ist, dass sich der tödliche Verkehrsunfall mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit als schrecklicher Femizid entpuppt hat, sitzt in Cassano Magnago der Schock tief. In der Straße der lombardischen Kleinstadt, in der Pierina jahrelang lebte und eine Bügelei betrieb, erinnern sich die Nachbarn unter Tränen und voller Trauer an die blonde, zierliche Frau, die stets freundlich und hilfsbereit war.




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