Zwangsräumung: Stadt Treviso sehe sich nicht in der Verantwortung

“Wer keine Wohnung findet, soll im Auto schlafen”

Sonntag, 08. November 2026 | 08:05 Uhr

Von: Sophia Molitor

Treviso – Anfang November wurde erstmals der Fall einer Familie aus Treviso öffentlich bekannt, die seit ihrer Zwangsräumung aus einer Sozialwohnung am 29. September auf der Straße lebt. Die 68-jährige Paola Groppo schläft derzeit in ihrem Kia Picanto. Auch ihre Tochter und ihr Schwiegersohn sind von der Situation betroffen und übernachten in einem anderen Auto. Besonders schwer trifft es den sechsjährigen Enkel: Er wurde vorübergehend zu seinen Großeltern väterlicherseits nach Marokko geschickt, damit er nicht ebenfalls im Auto schlafen muss. Die Gemeinde äußert sich allerdings kritisch zu dem Fall und verweist auf die ausstehenden Mietzahlungen sowie die finanzielle Situation der Familie.

Die Familie lebte gemeinsam in einer Sozialwohnung von ATER, der Wohnungsbaugesellschaft für den sozialen Wohnbau. Nach Angaben der Stadt Treviso sammelten sich im Laufe der Jahre Miet- und Nebenkostenrückstände von rund 20.000 Euro an.

Paola Groppo erklärt, dass vor allem die hohen Betriebskosten zum Problem geworden seien. Die Miete habe ungefähr 300 Euro monatlich betragen, während die jährlichen Kosten für die Eigentümergemeinschaft zeitweise fast 4.000 Euro erreicht hätten. Dadurch sei es für die Familie immer schwieriger geworden, die laufenden Zahlungen zu leisten.

Laut der zuständigen Stadträtin für Familienangelegenheiten, Gloria Tessarollo, habe die Stadt alles in ihrer Macht Stehende unternommen und der Familie sogar einen Rückzahlungsplan angeboten. Dieser sei allerdings nicht eingehalten worden. Da sich die Familie zudem erst an die Sozialdienste gewandt habe, als die Situation bereits weit fortgeschritten gewesen sei, sehe die Stadt die Verantwortung für die aktuelle Lage bei der Familie.

Am 29. September wurden schließlich die Schlösser der Wohnung und der Garage ausgetauscht. Persönliche Gegenstände der Familie befinden sich nach wie vor in den Räumlichkeiten. Die 68-Jährige stellte ihr Auto daraufhin in der Nähe des Wohnblocks im Stadtviertel San Pelajo ab, wo sie seitdem lebt. Besonders der näherrückende Winter bereitet ihr jedoch Sorgen: Zwar hat sie einige Decken im Auto, doch mit den sinkenden Temperaturen werde die Situation zunehmend schwieriger.

Auch die Tochter (30) und der Schwiegersohn (44) haben noch immer keine feste Unterkunft gefunden und übernachten ebenfalls in einem Auto. Die größten Folgen der Situation bekommt jedoch der sechsjährige Sohn der Tochter zu spüren, der derzeit in Marokko ist und laut seiner Großmutter sie regelmäßig anruft und fragt, wann er wieder nach Italien zurückkehren darf.

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Die 68-Jährige kritisiert vor allem, dass in der Umgebung Wohnungen leer stünden, während ihrer Familie bislang keine alternativen Unterkünfte angeboten worden seien. Sie wünsche sich zwei getrennte Wohnungen, eine für sich selbst und eine für ihre Tochter, den Schwiegersohn und den Enkel.

Die Stadt Treviso weist jedoch den Vorwurf zurück, der Familie keine Alternativen angeboten zu haben. Die Stadträtin verweist darauf, dass die Familie sowohl über eine Pension als auch über ein Arbeitseinkommen verfüge. Der Schwiegersohn sei als Schweißer tätig und könne sich daher auf dem privaten Wohnungsmarkt eine Mietwohnung suchen.

Tessarollo hält es zudem nicht für gerechtfertigt, einer Familie mit regelmäßigen Einnahmen eine Notunterkunft zur Verfügung zu stellen, die eigentlich Menschen ohne Einkommen vorbehalten sei. Eine Wohnung auf dem privaten Markt sieht sie deshalb als bestmögliche Lösung.

Nach Angaben der Stadt wird der Fall weiterhin von den Sozialdiensten begleitet. Eine endgültige Wohnlösung ist bislang jedoch nicht in Sicht.

Ein Fall, der verdeutlicht, welche Folgen es haben kann, wenn außer Acht gelassen wird, dass die Wohnraumversorgung weitgehend dem privaten Markt und den Betroffenen selbst überlassen bleibt, und Wohnen nicht als grundlegendes Bedürfnis durch öffentliche staatliche Strukturen abgesichert wird. Zentrale gesellschaftliche Aufgaben wird letztlich zwischen privaten Akteuren ausgehandelt, während öffentliche Einrichtungen nur begrenzt eingreifen können. Am Ende bleibt den Betroffenen die Wahl, selbst eine Lösung zu finden – oder weiterhin in einem Kia Picanto zu schlafen.

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