Von: Lukas Unterkofler
Bozen – Am 17. Oktober, dem Welttag zur Bekämpfung der Armut, öffnet der Verein Dormizil EO sein Nachtquartier in der Vintlerstraße 9 in Bozen für den sechsten Winter. Zunächst ziehen 17 Menschen ein, darunter zwei Frauen. Innerhalb von zehn Tagen sollen alle 25 Plätze belegt sein. Mit ihnen stellt Dormizil mehr als ein Drittel der 70 regulären Winternachtquartierplätze in Bozen. In den vergangenen Wochen gingen 52 Anfragen ein, mehr als doppelt so viele, wie Betten zur Verfügung stehen.
Die ersten Anfragen kamen von sozialen Diensten, inzwischen melden sich Menschen auch selbst oder fragen für andere an. Sie berichten von Nächten am Busbahnhof und von der Kälte. Sozialbetreuerin Monika Stuefer, die einzige Angestellte des Vereins, und die Freiwilligen Magdalena Oberrauch und Paul Tschigg bilden das Team Nachtquartier. Gemeinsam haben sie die Aufnahmegespräche geführt. Am morgigen Samstag werden um 19 Uhr die ersten Gäste aufgenommen. Sechs von ihnen haben bereits den vergangenen Winter im Nachtquartier verbracht. Die jüngste Person ist im Jahr 2000 geboren, die älteste 1955. Etwa die Hälfte hat die italienische Staatsbürgerschaft, ein großer Teil davon stammt aus Südtirol.
Einige Gäste arbeiten seit Jahren für verschiedene Unternehmen, andere haben mit dem Saisonende ihre Beschäftigung verloren. Sie leben in Lieferwagen, Garagen, Abbruchhäusern oder entlang der Flüsse in behelfsmäßigen Unterkünften. Auch Pensionierte und Menschen auf Arbeitssuche bitten um Aufnahme. Die Anfragen erreichen den Verein über soziale Dienste, die Sozialassistenz des Krankenhauses, die Sozialgenossenschaft Left, den Dienst für Abhängigkeitserkrankungen SerD, HANDS, Binario 7 der Caritas und Privatpersonen.
„Es geht schneller, als man meint, dass man obdachlos wird“, sagt Monika Stuefer. Schicksalsschläge können den vertrauten Alltag wegbrechen lassen, während Scham und die Angst vor Stigmatisierung Menschen davon abhalten, frühzeitig Hilfe zu suchen. „Je länger das Leben auf der Straße dauert, desto stärker leiden Körper und Psyche und desto schwerer wird es, einen Ausweg zu finden“, erklären Magdalena Oberrauch und Paul Tschigg. Das Team Nachtquartier begegnete heuer mehr Frauen und jüngeren Menschen ohne Obdach als in den Anfangsjahren. Psychische Belastungen, Abhängigkeit und fehlende soziale Kontakte können ihre Situation verschärfen. Bei den Aufnahmegesprächen in den vergangenen Wochen stellte das Team Nachtquartier den Anfragenden das Haus und den Verein vor und sprach über geteilte Zimmer, Sicherheit und gegenseitigen Respekt. Neben der persönlichen Notlage spielte die Frage eine Rolle, ob ein verlässliches Zusammenleben möglich ist. Herkunft, Nationalität und Religion sind keine Auswahlkriterien. Damit das Haus bis Mitte April ein sicherer Ort für Gäste und die mehr als 100 Freiwilligen bleibt, braucht es gegenseitigen Respekt und die Einhaltung der wenigen Hausregeln.
Jeden Tag übernehmen zwei Freiwillige den Nachtdienst, am Morgen lösen zwei weitere sie zum Frühstücksdienst ab. Die Gäste können von 19.00 Uhr bis 8.30 Uhr im Haus bleiben, abends ihr mitgebrachtes Essen wärmen und morgens frühstücken. In den vergangenen Jahren brachten auch Schulklassen, Gruppen und Menschen aus der Nachbarschaft warme Speisen vorbei.
Für einen ganzjährigen Betrieb mit 25 Gästen fehlen dem Verein die Möglichkeiten. Im Sommer konnten jedoch drei junge Menschen mit Migrationshintergrund eigenständig im Haus in der Vintlerstraße bleiben, die bereits im Winter Gäste waren. Alle drei hatten Arbeit, aber keine Unterkunft. Einer fand inzwischen eine Wohnung und hat nun einen festen Wohnsitz, die beiden anderen werden wieder ins Nachtquartier aufgenommen.
Der Verein möchte zeigen, wie Unterstützung gelingen kann und weshalb sie der gesamten Gesellschaft zugutekommt. Wer freiwillig Dienst macht, lernt schwierige Lebensrealitäten kennen und erzählt im eigenen Umfeld davon. Das Nachtquartier kann Obdachlosigkeit nicht lösen, aber Schutz bieten, Beziehungen ermöglichen und Menschen dabei unterstützen, wieder Halt zu finden.
In den vergangenen Wochen hat das Team Nachtquartier gemeinsam mit den freiwilligen Teams Zimmer gereinigt, Betten bezogen und das Haus vorbereitet. Weitere Freiwillige kümmern sich um Wäsche, Lebensmittel, Hygieneartikel, Technik und Reparaturen. Zusammen mit den Nacht- und Frühstücksdiensten ermöglichen sie den Betrieb.
Die ersten beiden Winter war das Nachtquartier in der Rittner Straße 25 untergebracht, im inzwischen umgebauten Dormizil Ulli Lerchbaumer. Seit dem Winter 2023/2024 befindet es sich in der Vintlerstraße 9. Die Vereinsmitglieder erleben, dass Obdachlosigkeit stärker wahrgenommen wird und Menschen den Verein mit kleinen und großen Gesten unterstützen. „Wir sind beeindruckt von der Hilfsbereitschaft, die wir erleben. Dafür danken wir“, erklären die neu gewählten Vorstandsmitglieder.




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