Gemeindeverwaltung reagiert auf Kritik der Umweltverbände

Flim Alm: Naturschutz und Almwirtschaft müssen gemeinsam gedacht werden

Dienstag, 13. Oktober 2026 | 15:19 Uhr

Von: Matthias Knapp

Martell – Die Gemeinde Martell nimmt die Kritik der Umweltverbände am Ausbau des bestehenden Viehtrieb- und Wanderweges in Richtung Bärenplattboden zur Kenntnis. Die pauschale Darstellung als massive Landschaftszerstörung werde den Hintergründen und langfristigen Zielen des Projektes jedoch nicht gerecht, heißt es vonseiten der Gemeindeverwaltung: „Der bestehende Weg verläuft bereits teilweise durch Natura-2000-Gebiet.“

Neben der Sicherung der traditionellen Almwirtschaft eröffnet laut Gemeinde der Ausbau des bestehenden Viehtrieb- und Wanderweges in Richtung Bärenplattboden auch neue Möglichkeiten für die Trinkwasserversorgung. „Im betroffenen Gebiet befinden sich neun Quellen mit vier Quellstuben und einer Sammelstube. Die Quellen wurden vor rund 15 Jahren aufgrund einer Überschreitung des Uran-Grenzwertes außer Betrieb genommen. Durch heutige technische Möglichkeiten und die verbesserte Zugänglichkeit könnten diese Quellen künftig wieder für die Trinkwasserversorgung der Marteller Bevölkerung genutzt werden“, betont Bürgermeister Georg Altstätter.

Die gesamte Gemeinde Martell liegt im Nationalpark Stilfserjoch. Natur- und Landschaftsschutz gehören hier zum täglichen Leben und Wirtschaften. Gleichzeitig müsse es möglich bleiben, die traditionelle Almwirtschaft fortzuführen und dafür zeitgemäße Rahmenbedingungen zu schaffen.

„Wir brauchen keine grundsätzliche Belehrung darüber, wie wichtig Naturschutz ist. Das wissen wir in Martell sehr wohl und zeigen es auch durch konkrete Maßnahmen. Gemeinsam mit dem Amt für den Nationalpark Stilfserjoch setzen wir uns beispielsweise für die Sanierung traditioneller Trockenmauern, die Erhaltung unserer Waale und die Pflege traditioneller Holzzäune ein“, betont Bürgermeister Georg Altstätter.

Almwirtschaft ist auch Teil des Naturschutzes

Die Gemeinde appelliert an die Umweltverbände, Infrastrukturprojekte nicht immer mit denselben grundsätzlichen Argumenten zu beurteilen, sondern auch die örtlichen Gegebenheiten und die Geschichte des Tales zu berücksichtigen.

„Durch den Bau des Zufrittstausees gingen im Martelltal wertvolle Weide- und Almflächen im Talboden verloren. Die Landwirtschaft musste deshalb verstärkt auf höher gelegene Flächen in den Seitentälern ausweichen, teilweise auf über 2.000 Meter Meereshöhe. Umso wichtiger ist es, deren Bewirtschaftung langfristig zu sichern“, so der Bürgermeister.

Auch die Natura-2000-Erhaltungsziele für das Gebiet Ulten–Sulden unterstreichen ausdrücklich die Bedeutung traditioneller landwirtschaftlicher und weidewirtschaftlicher Methoden für den Erhalt bestimmter geschützter Arten und Lebensräume.

„Man kann nicht einerseits den Erhalt der traditionellen Kulturlandschaft fordern und andererseits jede Verbesserung der landwirtschaftlichen Infrastruktur infrage stellen. Unsere Bauern leisten einen wichtigen Beitrag zur Landschaftspflege und brauchen dafür entsprechende Voraussetzungen“, betont Landwirtschaftsreferent Thomas Kaserer.

Darüber hinaus sei der Weg auch als Themenweg konzipiert worden. Er soll zu einer gezielten Besucherlenkung beitragen – ein Anliegen, das auch von Umweltverbänden immer wieder eingefordert wird – und gleichzeitig einen Mehrwert für Einheimische und Gäste schaffen.

Bedenken gegenüber zusätzlichen Einschränkungen bestehen seit Jahren

Die Gemeinde Martell weist seit Jahren auf die zunehmende Überlagerung von Schutzbestimmungen und die damit verbundenen Herausforderungen hin. Bereits am 11. Oktober 2016 und erneut im Jahr 2025 sprach sich der Gemeinderat im Rahmen der jeweiligen Fachplanverfahren einstimmig gegen zusätzliche Einschränkungen im Zusammenhang mit den Natura-2000-Schutzgebieten aus. Bemängelt wurden insbesondere die fehlende Einbindung der Bevölkerung und die Auswirkungen auf die Entwicklungsmöglichkeiten der gesamten Gemeinde.

„Wir dürfen bei Natura 2000 nicht ausschließlich an unberührte Naturlandschaften denken. In Martell reichen die Schutzgebiete teilweise unmittelbar an Wohnhäuser, Siedlungsbereiche oder die Handwerkerzone heran. Hier leben und arbeiten Menschen, die auch künftig Perspektiven brauchen. Immer weitere Einschränkungen erschweren die Entwicklung unserer Gemeinde zunehmend“, erklärt Bürgermeister Altstätter.

Bereits bei der Errichtung des Nationalparks Stilfserjoch im Jahr 1935 wurde die örtliche Bevölkerung nicht eingebunden. Heute liegen über 10.000 Hektar des Gemeindegebietes innerhalb des Natura-2000-Schutzgebietes. Infrastrukturprojekte jeglicher Art sind dadurch mit umfangreichen Auflagen und Genehmigungsverfahren verbunden.

„Unsere Bevölkerung lebt seit Generationen mit diesen Schutzbestimmungen. Schon vor zehn Jahren haben wir darauf hingewiesen, dass die Anliegen der Menschen vor Ort stärker berücksichtigt werden müssen. Umso mehr würden wir uns wünschen, dass die Umweltverbände auch Verständnis für die Herausforderungen unserer Bevölkerung zeigen. Naturschutz kann nur gemeinsam mit der Bevölkerung gelingen, nicht gegen sie“, so Altstätter.

Die Gemeinde verweist zudem darauf, dass sich der betreffende Viehtrieb- und Wanderweg laut Nationalparkplan in einer C-Zone befindet (landwirtschaftliches Gebiet). Diese Zonierung sei bei der Beurteilung des Projektes zu berücksichtigen.

Baustellenbilder zeigen nicht den Endzustand

Der Weg befindet sich derzeit noch in der Bauphase. Dass die Eingriffe im steilen Gelände sichtbar sind, ist unbestritten. „Fotos einer laufenden Baustelle zeigen jedoch nicht den endgültigen Zustand nach Fertigstellung. Eine abschließende Beurteilung sollte daher auch die langfristige Entwicklung berücksichtigen“, so die Gemeindevertreter.

Im Zusammenhang mit dem Projekt wird zudem eine Variante zur Verbreiterung des Weges eingereicht. Auch dabei gehe es darum, eine langfristig zweckmäßige und für die Bewirtschaftung geeignete Lösung zu finden. Die entsprechende Variante sei im Rahmen der vorgesehenen Verfahren zu beurteilen.

Direkter Dialog statt öffentlicher Vorwürfe

Die Gemeinde bedauert außerdem, dass die öffentliche Kritik offenbar Vorrang vor einem direkten Austausch gehabt habe. Die Gemeindeverwaltung hat gemeinsam mit dem Amt für den Nationalpark Stilfserjoch die Umweltschutzgruppe Vinschgau ausdrücklich zu einem Gespräch eingeladen. Dieses Angebot sei jedoch schriftlich abgelehnt worden.

„Es ist schade, dass die Diskussion vor allem über die Medien geführt wird. Unsere Türen stehen sowohl Umweltverbänden als auch einzelnen Bürgerinnen und Bürgern offen. Niemand muss sich hinter dem Namen einer großen Organisation verstecken, um Kritik zu äußern. Entscheidend sind sachliche Argumente und die Bereitschaft zum Dialog“, so Altstätter.

Abschließend möchte die Gemeinde unterstreichen, dass man es sehr kritisch sieht, wenn gesperrte, bestens beschilderte Baustellenbereiche betreten werden, um Fotos zu machen: „Sperrungen von Wegen durch eine Verordnung dienen der Sicherheit und müssen von allen respektiert werden. Auch Kritik an einem Projekt entbindet nicht von dieser Verantwortung.“

Bezirk: Vinschgau

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