Berge ohne Grenzen?

Helikopterflüge in den Dolomiten: WWF verlangt klare Regeln

Samstag, 07. November 2026 | 08:12 Uhr

Von: Redaktion Südtirol News

Bozen – Die aktuelle Debatte über touristische Helikopterflüge über den Dolomiten mit der in Kastelruth gestarteten Unterschriftensammlung reißt nicht ab und gewinnt und mit dem Eingeständnis des Landes, nicht zu wissen, wie viele Flüge über die Naturparke führen, zusätzlich an Brisanz. Für den WWF Trentino Alto Adige-Südtirol ODV steht fest: Der Alpenraum steht unter Belastungen, die stetig wachsen und sich gegenseitig verstärken. Deshalb brauche es Gegenmaßnahmen.

Konkret fordert der WWF, dass die Flüge gezählt werden und ihre Zahl geregelt wird, damit ein Verbot, das auf dem Papier längst besteht, überprüfbar wird. Zugleich lädt er dazu ein, „das gesamte besorgniserregende Bild, das sich uns bietet, aufmerksam zu betrachten“.

„Jeder einzelne Eingriff mag für sich genommen unbedeutend erscheinen – eine Forststraße mehr, ein hundertjähriger Auwald, an einem einzigen Morgen in Brixen gefällt, um Hallen und Parkplätzen Platz zu machen, einige tausend Besucher mehr am selben Wochenende, der Aussichtspunkt über dem Gardasee auf dem Monte Creino, eingeebnet, um Sitzreihen vor einem Panorama aufzustellen, das gewiss keinen skurrilen Rahmen gebraucht hätte. Doch die Natur reagiert nicht nur auf einzelne Eingriffe, sondern auf ihre immer wiederkehrende Summe“, warnt der WWF in einer Presseaussendung.

Forststraßen und Betriebswege würden bisher ruhige Gebiete erschließen, Lebensräume zerschneiden sowie Verkehr und Störungen dorthin bringen, wo die Tierwelt Zuflucht fand. „Nach dem Sturm Vaia von 2018 ist das Netz der Holzbringungswege in vielen Tälern gewachsen, allein im Trentino um ganze tausend Kilometer Forststraßen, und Trassen, die als vorübergehend angelegt wurden, sind inzwischen faktisch dauerhaft“, so der WWF.

Im Talboden würden landwirtschaftliche Flächen weiterhin Hallen, Gewerbegebieten und neuen Siedlungen weichen. „Boden, der einmal verbraucht ist, wird nie wieder landwirtschaftlich oder natürlich, wie die Berichte der italienischen Umweltbehörde ISPRA zum Bodenverbrauch Jahr für Jahr belegen. Entlang von Flüssen und Bächen fallen die letzten Auwälder, die einer großen Vielfalt an Arten eine Heimat bieten, das Wasser filtern, Lebensräume miteinander verbinden und helfen, Hochwasser einzudämmen. Der Auwald am Eisack in Brixen, im März trotz jahrelanger Proteste und eines negativen landschaftlichen Gutachtens gefällt, ist das jüngste Beispiel“, betont der WWF.

Zu diesen flächendeckenden Belastungen kämen die Großprojekte. „In den vergangenen Jahren erlebte die Region die Baustellen für die Olympischen Winterspiele Milano Cortina 2026 mit den Anlagen in Predazzo und Tesero im Fleimstal und dem Biathlonstadion in Antholz; die mit dem Brennerkorridor verbundene Bahnumfahrung von Trient; das nach wie vor umstrittene Projekt der Nordverlängerung der Valdastico-Autobahn; neue Skigebietsverbindungen und hoch gelegene Speicherbecken für die künstliche Beschneiung. Unterschiedliche Bauwerke mit unterschiedlichen Zwecken, die aber alle auf demselben Gebiet lasten“, so der WWF.

In der Höhe balle der Übertourismus an wenigen Orten und in wenigen Wochen Besucherströme, die Wege, Seen, Wiesen und Tierwelt nicht verkraften, während touristische Überflüge Lärm und Störungen auch dorthin tragen, wo zu Fuß niemand hinkomme. „Der Pragser Wildsee, wo die Zufahrt mit dem Auto im Sommer über Reservierungen geregelt ist, und die Seceda in Gröden, wo die Grundeigentümer im Sommer 2025 ein Drehkreuz aufstellten, um den Besucherstrom einzudämmen, zeigen: Grenzen kommen, wenn sie kommen, im Notfall und auf Initiative derer, die nicht mehr können“, so der WWF. Dasselbe gelte für den Verkehr auf den Dolomitenpässen, über den seit Jahren ohne dauerhafte Lösung diskutiert werde. Über allem laste die Klimakrise, die die alpinen Ökosysteme anfälliger und weniger erholungsfähig macht.

Der WWF ist überzeugt, dass diese Belastungen unbedingt mit klaren Vorschriften geregelt werden müssen – ohne dabei zu vergessen, dass eine Regel nur dann wirkt, wenn jemand ihre Einhaltung überprüft: „Ein Verbot, das niemand kontrolliert, wird früher oder später missachtet, auch in den aufmerksamsten und rücksichtsvollsten Gemeinschaften.“

Der Fall der Helikopter beweise es. „Das Tiefflug-Verbot über Naturparks gilt seit fast 30 Jahren, doch offenbar ist niemand in der Lage, es verlässlich durchzusetzen, und trotz offenkundiger Verstöße wurde unseres Wissens im vergangenen Jahr keine einzige Strafe verhängt“, kritisiert der WWF. Der Naturschutz sterbe an Schweigen und Achtlosigkeit. Darum brauche es Daten, Monitoring und Strafen, die tatsächlich verhängt werden. „Immer und überall von allen und um jeden Preis erlebt zu werden, liegt schlicht nicht im Wesen der Berge, deren Menschen und Arten auch deshalb leben, weil sie ihre Grenzen annehmen: Grenzen, bei denen die Region Trentino-Südtirol immer eifriger beweist, dass sie sie weder erkennen noch kennen noch achten kann, trotz Jahrzehnten des Zusammenlebens mit der Schönheit und den Eigenheiten der Alpen“, so der WWF.

Dabei gebe es auch positive Beispiele. Das Trentino-Südtirol ist eines der wenigen Gebiete Europas, in denen ein Nationalpark, Naturparke, Natura-2000-Gebiete und ein UNESCO-Welterbe mit dauerhaft bewohnten Berggemeinden zusammenleben – mit einer erstaunlichen, historisch gewachsenen Autonomie.

„Stellen wir uns eine Region vor, in der die Schutzgebiete verwaltet werden wie das Kostbarste, was sie besitzt. Eine Region, in der alle, die schützen und anbauen, Tiere halten und forschen, Gäste empfangen und verwalten, das Land nicht unter sich aufteilen, sondern es gemeinsam hüten, wie es die Alpengemeinschaften über Jahrhunderte vermocht haben. Das scheint kein allzu ferner Traum zu sein, und vielleicht ist es ein notwendiger Traum, um eines Tages wiederzufinden, was diese Region in Italien wirklich auszeichnet: ihre Natur“, appelliert der WWF abschließend.

Bezirk: Bozen

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