Osteuropaforscher über bevorstehende Mobilisierung - Beitrag zeigt die Verzweiflung vor Ort

NATO rüstet sich, während Menschen in der “Geisterstadt” auf den Tod warten

Freitag, 25. September 2026 | 08:25 Uhr

Von: Sophia Molitor

Oleschky – Nach den Wahlergebnissen in Russland wird nun von Politikanalysten und Osteuropaforschern vermutet, dass eine weitere Mobilisierung russischer Soldaten bevorstehen könnte. Dies würde Nato-Staaten enorm unter Handlungsdruck stellen, die zunehmend in Infrastruktur, Luftabwehr und Grenzsicherung investieren. Ein Bericht aus der Stadt Oleschky in der Region Cherson, die nur wenige Kilometer vom ukrainischen Grenzgebiet entfernt ist, zeigt unter anderem, wie verzweifelt die Lebensbedingungen für die Zivilbevölkerung, die unter dem Krieg leidet, ist.

Das Ergebnis der Kremlpartei „Geeintes Russland“, die auf 355 der 450 Sitze in der Staatsduma gekommen ist, erlaubt der russischen Führung, ihren bisherigen politischen Kurs fortzusetzen. Einschätzungen des Osteuropaexperten Alexander Dubowy und des Instituts für Kriegsforschung (ISW) deuten darauf hin, dass der Kreml das erziehlte Wahlergebnis als politische Legitimation nutzen könnte, um die Truppenstärke deutlich zu erhöhen. Das ISW rechnet mit einer möglichen Zwangsrekrutierung von 300.000 bis 400.000 zusätzlichen Soldaten, um eine für größere Offensiven ausreichende Truppenstärke zu erreichen. Zugleich weist das Institut auf hohe russische Verluste und darauf, dass die derzeitige Rekrutierung offenbar nicht ausreicht, um diese dauerhaft auszugleichen.

Nach Angaben Dubowys werden derzeit rund 30.000 Soldaten pro Monat angeworben. Gleichzeitig gehe die Zahl der Freiwilligen zurück, weshalb Unternehmen in mehreren Regionen bereits dazu gedrängt würden, Mitarbeiter für den Fronteinsatz zu gewinnen. Auch an Universitäten werde zunehmend und aggressiv rekrutiert.

Der Kreml weist Pläne für eine neue Mobilisierung weiterhin zurück. Doch auch Militärexperte Gustav Gressel hält nach der Duma-Wahl eine „verdeckte“ Mobilmachung für wahrscheinlich. Der Kreml dürfte dabei das bestehende Mobilmachungsdekret versuchen möglichst unauffällig umzusetzen. Auch Grenzmaßnahmen etwa gegenüber Estland, Kasachstan und Georgien wertet Gressel als mögliche Vorbereitungen, da Russland mit einer steigenden Zahl von Menschen rechnen müsse, die sich einer Einberufung entziehen wollen. Gleichzeitig setzt Russland bereits auf hybride Methoden wie Sabotage, Cyberangriffe, Drohnenvorfälle und die gezielte Ausforschung der NATO-Verteidigung.

Tägliche Verzweiflung, fehlende Vorräte und fliehen über Minenfelder

Wie die Situation der Zivilbevölkerung in den besetzten Gebieten aussieht, zeigt ein Bericht aus Oleschky in der Region Cherson. Die Stadt liegt nur wenige Kilometer vom ukrainisch kontrollierten Gebiet entfernt, ist für die verbliebenen Bewohner aber faktisch nicht erreichbar. In den sozialen Medien wird der Ort wie eine “Geisterstadt” beschrieben. Minenfelder, zerstörte Brücken und Drohnenüberwachung versperren die Fluchtwege. Tausende Menschen sind dem Bericht zufolge seit Monaten weitgehend von der Außenwelt abgeschnitten.

Auch die Versorgung sei zusammengebrochen. Die letzte bestätigte Lieferung von Lebensmitteln und Medikamenten habe die Stadt Ende Mai erreicht. Die Bewohner leben demnach zunehmend von Gemüse aus ihren Gärten und alten Vorräten, während Bargeld kaum noch genutzt werden kann, da fast niemand mehr Waren verkaufen kann. Kliniken arbeiten unterdessen ohne ausreichende Stromversorgung, Medikamente und diagnostische Möglichkeiten.

Ein Facebook-Beitrag der Einwohnerin Alla Lykhman-Malysh zeigt wie tief die Verzweiflung der Menschen sitzt. “Die Lastwagen am Stadteingang wurden von Drohnen beschossen. Was muss in dem Kopf eines Menschen vorgehen, der Lebensmittel für eine Stadt zerstört, in der die Menschen darauf warten?”, schrieb die Frau. Unter anderem betont sie, dass sie nur wenige Kilometer von einem Gebiet mit ausreichender Versorgung entfernt seien, es aber unmöglich sei Oleschky zu verlassen. Andere versuchen laut ukrainischen Behörden zu Fuß zu fliehen und nehmen dabei offenbar sogar das Risiko von Minenfeldern in Kauf. Die Leiterin der örtlichen Militärverwaltung sagt, die verbliebenen Menschen würden nicht mehr leben, sondern nur noch auf den Tod warten.

Während in Europa täglich über Aufrüstung und die nächste mögliche Eskalationsstufe diskutiert wird, zeigt der Blick nach Oleschky, dass sich dort schon längst eine andere Realität offenbart hat. Es geht nicht mehr um politische Strategien, um Machtkämpfe oder darum wem welches Land gehört, sondern um das unmittelbare Überleben. Was für viele Menschen im Westen trotz steigender Preise und wachsender Unsicherheit noch als Alltag gilt, ist dort längst zum täglichen Kampf ums Leben geworden.

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