Filmemachern wurde mit Aberkennung der Staatsbürgerschaft gedroht

“Naza”: Wenn Menschen zu Kollateralschäden werden

Dienstag, 29. September 2026 | 05:03 Uhr

Von: importer

Dass ein Film noch vor seiner Kinopremiere für Wirbel sorgt, ist nichts Neues. Dass den Machern jenes Films noch vor der Kinopremiere mit der Aberkennung ihrer Staatsbürgerschaft gedroht wird, sehr wohl. Während der Dokumentarfilm “Naza” über den Gazakrieg innerhalb Israels, gelinde gesagt, verhalten aufgenommen wurde, erhielt er bei den Filmfestspielen in Venedig mehr als 20-minütigen Applaus. Nun kommt das Werk am Donnerstag in die heimischen Kinos.

“Der vernichtende Selbsthass der Regisseure, die bereit sind, ihrem Heimatland zu schaden, nur um Beifall von Antisemiten auf der ganzen Welt zu ernten, ist unvorstellbar und stellt einen Verrat am Staat dar”, schrieb der israelische Kulturminister Miki Zohar auf der Onlineplattform X in Reaktion auf den Film. Wegen angeblichen Landesverrats sollten den Filmemachern die Staatsbürgerschaft entzogen werden. Regie führten die israelischen Filmemacher Yuval Abraham und Rachel Szor, produziert wurde der Dokumentarfilm vom britischen “Guardian”.

Die Protagonisten des Dokumentarfilms sind 24 anonymisierte Insider aus Militär und Geheimdiensten, die laut Filmemachern an der Massentötung palästinensischer Zivilisten im Gazastreifen beteiligt waren. Ihre Gesichter und Stimmen sind im Film nicht erkennbar, Datums- und Ortsangaben der beschriebenen Angriffe werden nicht erwähnt. Die Filmkulisse ist eine Dachterrasse in Tel Aviv bei Nacht. Erleuchtet wird nur das Gesicht von Filmemacher und Journalist Yuval Abraham, er spricht mit einem Soldaten nach dem anderen. “Israel wird mich, für das, was ich aufdecke, ins Gefängnis stecken”, sagt einer von ihnen.

Film prangert hohe “Kollateralschäden” an

Die Brisanz von “Naza” beginnt bereits beim Filmtitel. “Naza” ist eine hebräische Abkürzung für “nezek agavi”, was so viel heißt wie Kollateralschaden – also ein schwerer Schaden, der bei einer militärischen Aktion entsteht. Im Dokumentarfilm bezieht sich der Begriff auf die Lockerung israelischer Militärvorgaben am 7. Oktober 2023. An jenem Tag verübte die islamistische Palästinenserorganisation Hamas einen terroristischen Großangriff auf Israel, tötete rund 1.200 Menschen und verschleppte mehr als 250 Opfer aus Israel.

An jenem Tag änderte auch die israelische Militärführung ihre Einsatzregeln. Offiziere mittleren Ranges durften vorübergehend Tausende militärische Ziele und Kämpfer angreifen, selbst wenn ein einzelner Angriff bis zu 20 Zivilisten tötete, wie eine Recherche der “New York Times” aufdeckte. Mit ihrem Fokus auf “Naza” stellen die Filmemacher in den Raum, dass das israelische Militär Einwohnerinnen und Einwohner Gazas nach dem 7. Oktober auf Zahlen reduzierte. “Man sagt nicht, dass 15 Menschen getötet werden, … und schon gar nicht, dass 15 Kinder und Frauen getötet werden”, so einer der im Film interviewten Insider. Stattdessen sei von “Naza 15” die Rede.

Ein Interviewpartner erzählt, dass das israelische Militär von einer Datenanalysen-Software namens “Lavender” Gebrauch mache. Das Programm soll unter anderem Hamas-Mitglieder anhand ihres Handyverhaltens identifizieren. Aufbauend auf diesen Daten würden Drohnenangriffe auf die Wohnungen und Häuser dieser Mitglieder verübt – insbesondere bei Nacht, wenn sie mit ihren Familien zu Hause sind. Denn so könne man diese Personen genauer orten, als wenn sie gerade kämpfen.

Es war “wie ein Videospiel”

Zudem hinterfragen die Filmemacher eine angebliche Gamification des Gazakriegs, also die Integration von Spielelementen in eine nicht spielerische Umgebung. Es war “wie ein Videospiel”, beschreibt ein Soldat seine Tätigkeit. Militäroperationen, bei denen oftmals Hunderte Menschen getötet wurden, zu planen und auszuüben, habe ihm sogar “Spaß” gemacht. Über die Toten habe er nicht nachgedacht. Auf die Frage, ob er damit einen Massenmord begangen habe, antwortet der Mann, das könne er nicht wissen – denn er wisse ja auch nicht, wie viele Menschen er umgebracht habe.

Indem der Dokumentarfilm die befragten Insider anonymisiert, erschwert er eine unabhängige Prüfung der Vorwürfe, wie die “Times of Israel” kritisierte. Israels Militär ermittelt jedenfalls laut der “New York Times”, ob bei der Produktion vertrauliche Informationen verwendet wurden. Während die Abwesenheit der Eckdaten eine Überprüfung der Vorwürfe erheblich erschwert, unterstreicht sie zugleich eine zentrale Aussage des Films: Die Interviewten beschreiben einen Prozess der Entfremdung während der Planung von Militäroperationen. Somit blieben die Opfer ohne Gesicht, ohne Namen und ohne Herkunft. Die dadurch geschaffene Distanz ermögliche, so die Schlussfolgerung, eine Fortsetzung der Angriffe.

Einer der Protagonisten scheut selbst vor einem Vergleich mit dem Nationalsozialismus nicht zurück. Als Kind habe er sich beim Besuch ehemaliger Konzentrations- und Vernichtungslager in Polen gefragt, wie die Nationalsozialisten “mit sich leben konnten”. “Heute verstehe ich es”, fügt er hinzu. Der Mann habe selbst in seinem Büroalltag Angriffe vorbereitet, bei denen ganze Apartmentblocks zerstört und ihre Bewohner getötet wurden. Anschließend habe er sich abends mit Freunden getroffen. Der Soldat halte die Nationalsozialisten auch weiterhin für das “absolute Böse”. “Doch was bin dann ich?”, fragt er.

(S E R V I C E – www.polyfilm.at/film/naza/ )

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Filmemachern wurde mit Aberkennung der Staatsbürgerschaft gedroht

“Naza”: Wenn Menschen zu Kollateralschäden werden

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Dass ein Film noch vor seiner Kinopremiere für Wirbel sorgt, ist nichts Neues. Dass den Machern jenes Films noch vor der Kinopremiere mit der Aberkennung ihrer Staatsbürgerschaft gedroht wird, sehr wohl. Während der Dokumentarfilm “Naza” über den Gazakrieg innerhalb Israels, gelinde gesagt, verhalten aufgenommen wurde, erhielt er bei den Filmfestspielen in Venedig mehr als 20-minütigen Applaus. Nun kommt das Werk am Donnerstag in die heimischen Kinos.

“Der vernichtende Selbsthass der Regisseure, die bereit sind, ihrem Heimatland zu schaden, nur um Beifall von Antisemiten auf der ganzen Welt zu ernten, ist unvorstellbar und stellt einen Verrat am Staat dar”, schrieb der israelische Kulturminister Miki Zohar auf der Onlineplattform X in Reaktion auf den Film. Wegen angeblichen Landesverrats sollten den Filmemachern die Staatsbürgerschaft entzogen werden. Regie führten die israelischen Filmemacher Yuval Abraham und Rachel Szor, produziert wurde der Dokumentarfilm vom britischen “Guardian”.

Die Protagonisten des Dokumentarfilms sind 24 anonymisierte Insider aus Militär und Geheimdiensten, die laut Filmemachern an der Massentötung palästinensischer Zivilisten im Gazastreifen beteiligt waren. Ihre Gesichter und Stimmen sind im Film nicht erkennbar, Datums- und Ortsangaben der beschriebenen Angriffe werden nicht erwähnt. Die Filmkulisse ist eine Dachterrasse in Tel Aviv bei Nacht. Erleuchtet wird nur das Gesicht von Filmemacher und Journalist Yuval Abraham, er spricht mit einem Soldaten nach dem anderen. “Israel wird mich, für das, was ich aufdecke, ins Gefängnis stecken”, sagt einer von ihnen.

Film prangert hohe “Kollateralschäden” an

Die Brisanz von “Naza” beginnt bereits beim Filmtitel. “Naza” ist eine hebräische Abkürzung für “nezek agavi”, was so viel heißt wie Kollateralschaden – also ein schwerer Schaden, der bei einer militärischen Aktion entsteht. Im Dokumentarfilm bezieht sich der Begriff auf die Lockerung israelischer Militärvorgaben am 7. Oktober 2023. An jenem Tag verübte die islamistische Palästinenserorganisation Hamas einen terroristischen Großangriff auf Israel, tötete rund 1.200 Menschen und verschleppte mehr als 250 Opfer aus Israel.

An jenem Tag änderte auch die israelische Militärführung ihre Einsatzregeln. Offiziere mittleren Ranges durften vorübergehend Tausende militärische Ziele und Kämpfer angreifen, selbst wenn ein einzelner Angriff bis zu 20 Zivilisten tötete, wie eine Recherche der “New York Times” aufdeckte. Mit ihrem Fokus auf “Naza” stellen die Filmemacher in den Raum, dass das israelische Militär Einwohnerinnen und Einwohner Gazas nach dem 7. Oktober auf Zahlen reduzierte. “Man sagt nicht, dass 15 Menschen getötet werden, … und schon gar nicht, dass 15 Kinder und Frauen getötet werden”, so einer der im Film interviewten Insider. Stattdessen sei von “Naza 15” die Rede.

Ein Interviewpartner erzählt, dass das israelische Militär von einer Datenanalysen-Software namens “Lavender” Gebrauch mache. Das Programm soll unter anderem Hamas-Mitglieder anhand ihres Handyverhaltens identifizieren. Aufbauend auf diesen Daten würden Drohnenangriffe auf die Wohnungen und Häuser dieser Mitglieder verübt – insbesondere bei Nacht, wenn sie mit ihren Familien zu Hause sind. Denn so könne man diese Personen genauer orten, als wenn sie gerade kämpfen.

Es war “wie ein Videospiel”

Zudem hinterfragen die Filmemacher eine angebliche Gamification des Gazakriegs, also die Integration von Spielelementen in eine nicht spielerische Umgebung. Es war “wie ein Videospiel”, beschreibt ein Soldat seine Tätigkeit. Militäroperationen, bei denen oftmals Hunderte Menschen getötet wurden, zu planen und auszuüben, habe ihm sogar “Spaß” gemacht. Über die Toten habe er nicht nachgedacht. Auf die Frage, ob er damit einen Massenmord begangen habe, antwortet der Mann, das könne er nicht wissen – denn er wisse ja auch nicht, wie viele Menschen er umgebracht habe.

Indem der Dokumentarfilm die befragten Insider anonymisiert, erschwert er eine unabhängige Prüfung der Vorwürfe, wie die “Times of Israel” kritisierte. Israels Militär ermittelt jedenfalls laut der “New York Times”, ob bei der Produktion vertrauliche Informationen verwendet wurden. Während die Abwesenheit der Eckdaten eine Überprüfung der Vorwürfe erheblich erschwert, unterstreicht sie zugleich eine zentrale Aussage des Films: Die Interviewten beschreiben einen Prozess der Entfremdung während der Planung von Militäroperationen. Somit blieben die Opfer ohne Gesicht, ohne Namen und ohne Herkunft. Die dadurch geschaffene Distanz ermögliche, so die Schlussfolgerung, eine Fortsetzung der Angriffe.

Einer der Protagonisten scheut selbst vor einem Vergleich mit dem Nationalsozialismus nicht zurück. Als Kind habe er sich beim Besuch ehemaliger Konzentrations- und Vernichtungslager in Polen gefragt, wie die Nationalsozialisten “mit sich leben konnten”. “Heute verstehe ich es”, fügt er hinzu. Der Mann habe selbst in seinem Büroalltag Angriffe vorbereitet, bei denen ganze Apartmentblocks zerstört und ihre Bewohner getötet wurden. Anschließend habe er sich abends mit Freunden getroffen. Der Soldat halte die Nationalsozialisten auch weiterhin für das “absolute Böse”. “Doch was bin dann ich?”, fragt er.

(S E R V I C E – www.polyfilm.at/film/naza/ )

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