Von: Sophia Molitor
Moskau – Die Aussage des polnischen Außenministers Radosław Sikorski im UN-Sicherheitsrat in New York verweist auf die Möglichkeit, dass sich Wladimir Putin letztlich doch zu Verhandlungen bereit zeigen könnte. „Sergej, ich weiß, dass du zuhörst. Sag deinem Boss: Genug ist genug. Ihr könnt noch viele Menschen töten, aber ihr könnt nicht gewinnen“, sagte Sikorski mit Blick auf den russischen Außenminister Sergej Lawrow.
Auch ein Bericht über die persönliche Reise des US-Geheimdienstchefs John Ratcliffe nach Moskau Ende August deutet auf eine solche Perspektive hin. Eine von einem hochrangigen westlichen Diplomaten gegenüber der FAZ wiedergegebene Einschätzung der US-Nachrichtendienste zeichnet dabei ein düsteres Bild für Russland: Demnach könnte das Land den Krieg langfristig nicht an der Front, sondern vor allem aus wirtschaftlichen Gründen verlieren. Weitere Einschätzungen betreffen ein mittlerweile “paranoides” Verhalten seitens des Kreml-Chefs.
Der polnische Außenminister Radosław Sikorski argumentiert, dass Russlands langfristige Erfolgsaussichten im Ukraine-Krieg vor allem durch die wirtschaftlichen und materiellen Kräfteverhältnisse begrenzt sind. Er verweist darauf, dass die Ukraine trotz ihrer deutlich geringeren Wirtschaftsleistung dem russischen Angriff standhält. Gleichzeitig sei die Wirtschaftskraft der westlichen Unterstützer der Ukraine deutlich größer als jene Russlands. Daraus leitet Sikorski die Einschätzung ab, dass Russland einen zermürbenden Krieg führt, der die eigenen wirtschaftlichen und materiellen Ressourcen zunehmend belastet. Die wirtschaftlichen Opportunitätskosten des Krieges beziffert er bereits auf rund eine Billion US-Dollar.
Der geheime Besuch des CIA-Chefs John Ratcliffe in Moskau könnte hingegen auch eine kommunikative Dimension gehabt haben. Die konkreten Gesprächsinhalte blieben zwar geheim, doch die Reise wurde kurz darauf öffentlich. US-Präsident Donald Trump bezeichnete sie anschließend als „halbroutineartigen“ Besuch. US-Medien berichteten zugleich, Ratcliffe habe der russischen Führung eine ernüchternde Einschätzung der militärischen und wirtschaftlichen Lage übermittelt und auf Verhandlungen gedrängt, bevor sich die Situation für Russland weiter verschärfe. Demnach könnten die hohen Kriegskosten die russische Wirtschaft langfristig erheblich belasten.
Die Botschaft sollte offenbar nicht nur in Moskau ankommen: Dass die Reise trotz ihres geheimdienstlichen Charakters bekannt wurde, lässt sich auch als Teil der politischen Kommunikation verstehen. Eine Analyse des US-amerikanischen Council on Foreign Relations kommt ebenfalls zu dem Schluss, dass das Weiße Haus gewusst haben dürfte, dass die Reise öffentlich werden würde.
Die Paranoia des russischen Staatschefs
Nach Einschätzung des ehemaligen ukrainischen Geheimdienstchefs Mykola Malomuzh fürchtet Wladimir Putin zunehmend auch einen möglichen Verrat innerhalb seines eigenen Sicherheitsapparats. In einem am 30. September veröffentlichten Interview führt Malomuzh die verschärften Sicherheitsmaßnahmen auf eine tiefe Paranoia des russischen Präsidenten zurück. Putin schränke demnach seine Reisen ein und halte seinen inneren Kreis bewusst klein.
Malomuzh zufolge werden bei öffentlichen Auftritten zudem Maßnahmen eingesetzt, um Putins tatsächlichen Aufenthaltsort zu verschleiern. So sollen mehrere Präsidentenresidenzen über nahezu identisch gestaltete Räume verfügen, sodass anhand von Fernsehbildern nicht eindeutig festgestellt werden könne, wo sich Putin tatsächlich aufhält.
Bei größeren Veranstaltungen würden nach Malomuzhs Darstellung außerdem Doppelgänger als Lockvögel eingesetzt.
Ein rennen gegen die Zeit
Trotz der massiven wirtschaftlichen Warnungen der CIA und des geschilderten Misstrauens bleibt für viele die Frage offen, ob Putin tatsächlich zu substanziellen Zugeständnissen bereit ist. Aktuell steht eine sehr konkrete diplomatische Weggabelung bevor: Putin wurde offiziell zum G20-Gipfel im Dezember 2026 in Miami, Florida, eingeladen. Der Kreml erklärte, die Einladung werde geprüft und eine Entscheidung zu einem möglichen Treffen mit US-Präsident Donald Trump sei noch nicht gefallen.
Der deutsche Bundesaußenminister Johann Wadephul (CDU) nutzte die Einladung am Dienstag bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit seinem slowakischen Amtskollegen Juraj Blanár für eine deutliche Aufforderung. Putin müsse nun zeigen, ob auf russischer Seite tatsächlich Friedens- und Verhandlungsbereitschaft bestehe. Am deutlichsten lasse sich dies laut Wadephul durch konkrete Schritte bereits im Vorfeld des Gipfels belegen.
Damit zeichnet sich ein wahres Wettrennen gegen die Zeit ab: Ob der russiche Präsident sich auf die Einladung einlässt bleibt offen, währenddessen versucht der Kreml offenbar, in den kommenden Wintermonaten weitere Geländegewinne in der Ukraine zu erzielen und damit den militärischen Druck zu erhöhen. Ziel der Offensive ist demnach nicht ein schnelles Ende des Krieges, sondern eine möglichst starke Ausgangsposition für künftige Verhandlungen, bevor das russische Wirtschaftsfundament endgültig wegbricht.




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