Von: Martin Geier
Bozen/Rom/Moskau – Südtirols und Italiens Politik wird von einem Knaller erschüttert. Die Italien-Korrespondentin des russischen Staatssenders Rossija 1, Asya Emelyanova, widmete der Südtirolautonomie einen siebenminütigen Fernsehbeitrag. Darin stellt sie das Südtiroler Autonomie- und Sprachmodell – selbstverständlich aus der Sicht des Kremls – als Vorbild für eine vermeintliche Lösung des Donbass-Konflikts in der Ukraine dar.

Darin stellt sie eine direkte Gleichsetzung zwischen dem Autonomie- und Minderheitenschutzmodell Südtirols („Südtiroler Rezept“) und der Situation im Donbass her. Ein international anerkanntes, friedliches Autonomiemodell innerhalb der EU wird dabei als Legitimationsfolie genutzt, um den russischen Gebietsanspruch beziehungsweise die Separatismus-Rhetorik im Donbass als ein bloßes „Recht auf Sprach- und Identitätsschutz“ darzustellen.
Der völkerrechtswidrige Angriffskrieg, die militärische Okkupation und die Missachtung völkerrechtlicher Grenzen werden hierbei jedoch ausgeblendet. Stattdessen wird die Debatte auf eine reine Auseinandersetzung über Sprache und Minderheitenrechte reduziert. Im Rahmen des italienisch-deutschen Fernsehbeitrags werden der STF-Landtagsabgeordnete Sven Knoll, der ehemalige Lega-Landesrat und Futuro-Nazionale-Exponent Massimo Bessone sowie der ehemalige langjährige Bürgermeister von Tramin, Werner Dissertori, interviewt.
Der Fernsehbeitrag von Asya Emelyanova für Rossija 1 lebt von polarisierenden Gegenüberstellungen und arbeitet von Beginn an mit der These „Südtirol ist nicht Italien“ („Südtirol ist nicht Italia“). Sprachliche Elemente wie Hotel-TV-Kanallisten (ORF/ZDF vor RAI), Speisekarten („Prosciutto“ wird zu „Speck“, „Pane“ zu „Schüttelbrot“) und zweisprachige Schilder werden so verdichtet, dass der Eindruck entsteht, die italienische Identität sei nur eine aufgezwungene Fassade („nur auf dem Papier/im Pass“).
Die Tiroler Schützen werden explizit mit „russischen Kosaken“ verglichen. Dies dient vermutlich dazu, dem russischen Publikum das Phänomen vertraut zu machen und die tradierte Militär- und Schutztradition positiv zu besetzen. Natürlich ist im Fernsehbeitrag auch das Opfer-Narrativ zu finden, denn es wird betont, dass die deutsche Bevölkerung unter der Diktatur gelitten habe („Opfer zweier Diktaturen“) und historisch Assimilierungsversuchen ausgesetzt war. Dies dient als sprachlicher Brückenschlag zur Argumentation bezüglich der russischsprachigen Bevölkerung im Donbass.
Die Korrespondentin Asya Emelyanova nutzt häufig kurze, verknappte Sätze: „Südtirol ist nicht Italien.“, „Alles nach Gesetz.“, „Die erste Zeile auf Deutsch, darunter Italienisch.“ Diese Satzstruktur verleiht dem Bericht ein hohes Tempo und lässt argumentative Behauptungen wie unumstößliche Tatsachen wirken.

Im Videobeitrag von Asya Emelyanova nimmt Sven Knoll, Landtagsabgeordneter und Fraktionssprecher der Süd-Tiroler Freiheit, eine zentrale Rolle ein. Seine Aussagen dienen der Italien-Korrespondentin des russischen Staatssenders Rossija 1 als Hauptargument, um das Südtiroler Autonomiemodell und den Wunsch nach Selbstbestimmung als Parallele zum Donbass darzustellen.
Das Interview findet in der Parteizentrale statt und wird von Knoll ausschließlich auf Deutsch geführt. Die Journalistin hebt dies explizit hervor, um den stark sprachlich-ethnischen Charakter seiner Politik zu unterstreichen. Knoll zeigt Asya Emelyanova die Tiroler Fahne und erklärt, dass sich die deutschsprachigen Südtiroler als „österreichische Minderheit im italienischen Staat“ verstehen.
Knoll spricht über die Geschichte der Option und erklärt, dass die Südtiroler Opfer zweier Diktaturen – des italienischen Faschismus und des deutschen Nationalsozialismus – gewesen seien. Er fügt hinzu, dass die Südtiroler im Falle eines Sieges von Hitler und Mussolini heute auf der Krim angesiedelt worden wären, und kritisiert eine Politik, die Minderheitenrechte missachtet. Mit Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni geht Sven Knoll hart ins Gericht.
Knolls Plädoyer für das Recht auf Muttersprache, Selbstbestimmung und den Schutz ethnischer Minderheiten wird im Beitrag genutzt, um die russische Argumentation bezüglich der russischsprachigen Bevölkerung im Donbass rhetorisch zu stützen. Für den russischen Staatssender ist der STF-Landtagsabgeordnete der ideale Interviewpartner, um dem russischen Publikum zu zeigen, dass es auch mitten in der Europäischen Union und in Italien starke separatistische und ethno-nationale Kräfte gibt.

Im Videobeitrag von Asya Emelyanova vertritt der ehemalige Lega-Landesrat und Futuro-Nazionale-Exponent Massimo Bessone die Perspektive der italienischsprachigen Bevölkerungsgruppe innerhalb des Südtiroler Autonomiemodells. Auf die direkte Frage der Journalistin nach seiner Zugehörigkeit antwortet Bessone sinngemäß: „Ich bin ein Italiener, der stolz darauf ist, Tiroler zu sein.“ (Im russischen Voice-over übersetzt als: „Italiano, che è orgoglioso di essere tirolese“).
Während Sven Knoll harte Positionen der deutschsprachigen Minderheit vertritt und Sezessionsgedanken hegt, scheint Bessone eingebunden worden zu sein, um die Sichtweise der Italiener darzustellen, die die Sonderautonomie akzeptiert und verinnerlicht haben. Mit seiner Teilnahme möchte der russische Staatssender ein scheinbares Gleichgewicht der Stimmen – Deutsche und Italiener – zeigen. Damit soll vermutlich das Narrativ gestützt werden, dass Autonomie und Zweisprachigkeit ein friedliches Zusammenleben verschiedener Volksgruppen ermöglichen. Dieses Modell wird im Beitrag direkt der Situation im Donbass und den Reaktionen Kiews gegenübergestellt.
Zuletzt spielt Werner Dissertori, der ehemalige langjährige Bürgermeister von Tramin, eine zentrale Rolle in einem kulinarisch-politischen Vergleich.

Die Szene auf seiner Terrasse in Tramin mit einem Knödel-Tris aus Spinat-, Speck- und Käseknödeln dient der Korrespondentin als Aufhänger für die Metapher des Südtiroler Autonomiemodells.
Im Interview mit Asya Emelyanova äußert Dissertori sinngemäß, dass das Südtiroler Modell als Lösung für den Donbass hätte dienen können: „Sie sollen doch kommen und es sich ansehen. Hätten sie unser Beispiel studiert, gäbe es im Donbass schon lange Frieden. Die Zutaten sind Autonomie, Kultur, Sprache und vor allem die Steuern: 90 Prozent bleiben bei uns zu Hause. Ohne Geld, meine Lieben, gibt es keine Musik.“
Insgesamt wird der Konflikt mit Kiew so dargestellt, dass die ukrainische Führung ablehnend und unversöhnlich erscheint. Ein Beispiel hierfür erwähnt Emelyanova das Einreiseverbot gegen den ehemaligen Landeshauptmann Luis Durnwalder, das nach seinen Besuchen auf der Krim und in der Donbass-Region verhängt wurde.

Zudem werden Zitate von Giorgia Meloni aus der Vergangenheit herangezogen, um zu zeigen, dass die Zentralregierung in Rom den Minderheiten skeptisch gegenübersteht. Dies stärkt die Argumentation des Beitrags, dass Autonomien ständig gegen die Hauptstadtebene verteidigt werden müssten.

Der Videobeitrag für den russischen Staatssender Rossija 1 dürfte in Südtirol und in der italienischen Politik für hohe Wellen sorgen.
Es ist fraglich, ob es angemessen ist, dass sich Lokalpolitiker für einen Fernsehbeitrag interviewen lassen, in dem das Südtiroler Autonomiemodell im Rahmen der russischen Staatspropaganda instrumentalisiert wird, um den Ukraine-Konflikt auf ein reines Autonomie- und Sprachenthema zu reduzieren. Dies dürfte für heftige politische Gegenreaktionen sorgen.







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