Von: Matthias Knapp
Bozen – Der Untersuchungsausschuss zur Aufarbeitung der Corona-Maßnahmen der Jahre 2020–2023 und Feststellung der Verantwortlichkeiten ist am heutigen Mittwoch unter dem Vorsitz von Brigitte Foppa zusammengetreten.
Am Vormittag stand die von Eurac Research ausgearbeitete Studie „Gesellschaftliche Kohäsion nach der Pandemie“ im Fokus. Die sozialwissenschaftliche Analyse, in der untersucht wurde, ob die Krise den Zusammenhalt in Südtirol wirklich nachhaltig geschwächt hat und welche Lehren sich daraus für künftige Krisen zieht lassen, wurde von Harald Pechlaner, Leiter des Center for Advanced Studies von Eurac und Projektleiter der Studie, Christoph Kircher, wissenschaftlicher Leiter der Studie, sowie der Forscherin Kathrin Runggatscher vorgestellt.
„Sie haben uns ausführlich dargelegt, warum es durch diese Zeit keine Polarisierung der Gesellschaft im wissenschaftlichen Sinn gegeben hat, sondern viel mehr ein strapaziertes bzw. beschädigtes Beziehungsgefüge – also eine Veränderung der Art und Weise, wie wir miteinander umgehen. Das wurde von den Menschen als sehr belastend wahrgenommen und wird es nach wie vor“, berichtete Ausschussvorsitzende Foppa nach der Sitzung. „Der Meinungskorridor hat sich laut den Studienautorinnen und -autoren verengt und nun gilt es, diesen durch die Aufarbeitung und das Ziehen von Lehren aus der Pandemie wieder zu verbreitern.“ Weitere Handlungsempfehlungen seien etwa die Verbesserung der Krisenkommunikation, eine Verbreiterung der Entscheidungsgrundlagen sowie die Orientierung am Grundsatz „Auf Gründe setzen, nicht auf Druck“ gewesen. „Bei der Kommunikation in der Pandemie, so die Fachleute, sei viel zu viel als alternativlos dargestellt worden und Erklärungen hätten oft gefehlt. Auch habe es eine gewisse Einseitigkeit gegeben, da man sich fast ausschließlich an die Epidemiologie gehalten habe und andere Wissenschaftsbereiche nicht mehr beachtet worden seien“, führte Foppa weiter aus.
In der Nachmittagssitzung fand dann eine Anhörung der Landesschuldirektorin der deutschsprachigen Grund-, Mittel- und Oberschulen, Sigrun Falkensteiner, statt. „Die ebenso eingeladenen Gustav Tschenett, Bildungsdirektor der Deutschen Bildungsdirektion, und Vincenzo Gullotta, Hauptschulamtsleiter der italienischsprachigen Schulen, haben – zum Teil kurzfristig – abgesagt“, so Foppa.
Man habe sich mit Falkensteiner lange mit dem so wichtigen Bildungssektor auseinandergesetzt und noch einmal die Etappen Fernunterricht, Nasenflügeltests und Maskenpflicht, Teilbeschulung (wenn jeweils nur ein Teil der Klasse in die Schule kommen durfte) etc. Revue passieren lassen. „Und wir haben nachgefragt, was die Rolle des Schulamtes war und wie das Zusammenspiel mit der Covid-19-Taskforce war“, informierte Foppa. „Falkensteiner hat gesagt, dass es einen sehr engen Kontakt mit der Taskforce des Sanitätsbetriebes gab, weil es das Bestreben der Bildungsdirektion war, den Schülerinnen und Schülern so viel Bildungszeit wie möglich zukommen zu lassen – auch unter sehr schwierigen Bedingungen, auch in Zeiten großer Unsicherheit und auch in Zeiten, in denen die Vorhersehbarkeit im Bildungssystem sehr gering war. Das hat natürlich zu großen Schwierigkeiten geführt, gerade in so einem stark strukturierten System, wie es das Bildungssystem ist.“
Auf mögliche Folgen im Lernverhalten angesprochen habe Falkensteiner gesagt, dass man solche in der Pisa-Studie durchaus erkennen könne. „Vor allem aber scheint es bei den Themen der psychologischen Belastung und der Beziehungsfähigkeit Nachwirkungen zu geben: Man weiß von zugenommenen Krisen, depressiven Verstimmungen und Essstörungen“, führte Foppa aus. „In der Schule hat der Landesschuldirektorin zufolge aber auch das Bewusstsein zugenommen, dass man Probleme sehen und erkennen muss und dass Beratung dringend notwendig ist.“ Es würden auch die Fälle von Schülerinnen und Schülern zunehmen, die Schwierigkeiten in der Gemeinschaft hätten. Zugleich habe dieser Krisentest des Schulsystems in der Pandemie aber auch einige positive Nachwirkungen gehabt. „Zum Beispiel hat Falkensteiner berichtet, dass seitdem das Vertrauen in das selbstgestaltete Lernen der Schülerinnen und Schüler gestärkt ist und sich davon auch neue Lernkonzepte ableiten; die Schulsozialpädagogik wurde aufgestockt, um auf Krisen besser reagieren zu können“, erklärte Foppa.
Zum Thema Masken habe Falkensteiner von der ersten Lieferung für die Schulen und Lehrpersonen berichtet, die über den Zivilschutz gekommen sei. Es habe auch Masken aus dem Ministerium gegeben, die in den Schulen weniger gut angenommen worden seien. „Das Maskentragen wurde der Landesschuldirektorin zufolge vielfach auch als Problem wahrgenommen. Es habe die Möglichkeit gegeben, vom Tragen befreit zu werden. Es sei aber auch klar gewesen, dass zu dem Zeitpunkt die Alternative die Schulschließung gewesen sei – und man habe alles dafür getan, die Schulen offen zu halten und die Schülerinnen und Schüler in der Schule zu halten“, berichtete Foppa.
Auf die Nasenflügeltests angesprochen, habe Falkensteiner gesagt, dass die Lehrer über das Funktionieren und die Verantwortung bei den Tests aufgeklärt worden seien. Lehrpersonen hätten diese durchgeführt, wenn sich freiwillig dazu bereit erklärt hätten.
„Auf die Frage, wer unter den Einschränkungen in der Pandemie wohl am meisten gelitten hat, antwortete Falkensteiner, dass man davon ausgehen könne, dass nicht die ganz kleinen Kinder und ebenso wenig die Jugendlichen jene gewesen seien, die es am härtesten getroffen habe. Es dürften – der allgemeinen Wahrnehmung in der Schulwelt zufolge – die Mittelschülerinnen und -schüler gewesen sein, die in einer sehr sensiblen Phase ihrer Entwicklung waren“, berichtete Foppa und ergänzte: „Dies zeigt wiederum, wie wichtig es ist, gute Auffangmöglichkeiten, gute Beratung und gute Präventionsnetze auch innerhalb der Schulwelt zu haben. Daran arbeite man, so Falkensteiner.“
Die nächste Sitzung des „Untersuchungsausschusses zur Aufarbeitung der Corona-Maßnahmen der Jahre 2020–2023 und Feststellung der Verantwortlichkeiten“ ist für Mittwoch, 28. Oktober 2026, geplant. Bei dieser werden Vertretungen der Lehrpersonen, der Gewerkschaften, der Schülerinnen und Schüler sowie der Eltern angehört und damit das Thema Bildung abgeschlossen.




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