Landesbeirat für Chancengleichheit unterstützt Forderungen des Familienbeirats

“Vereinbarkeit darf nicht länger Frauensache bleiben”

Donnerstag, 15. Oktober 2026 | 16:54 Uhr

Von: Lukas Unterkofler

Bozen – Der Landesbeirat für Chancengleichheit für Frauen begrüßt und unterstützt die Forderungen des Familienbeirats zur Weiterentwicklung der Kindergärten in Südtirol und fordert die Landespolitik auf, rasch konkrete Maßnahmen zur Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf umzusetzen.

Insbesondere unterstützt der Landesbeirat die Forderung nach verlässlichen Kindergartenöffnungszeiten an allen Wochentagen, einschließlich Freitag, bis mindestens 14.30 Uhr, und zwar bereits ab der ersten Kindergartenwoche.

„Verlässliche Kinderbetreuung ist kein Kostenfaktor, sondern eine der rentabelsten Investitionen, die ein Land tätigen kann. Jeder Euro, der in gute Kindergärten fließt, kommt mehrfach zurück: durch höhere Erwerbstätigkeit, mehr Steuer- und Sozialbeiträge und eine stärkere Wirtschaft. Wenn Frauen ihre Arbeitszeit reduzieren oder ganz aus dem Beruf aussteigen müssen, verliert nicht nur die einzelne Familie Einkommen. Auch die Betriebe verlieren qualifizierte Fachkräfte, und der Gesellschaft gehen Steuereinnahmen und Rentenbeiträge verloren. Die Folgekosten tragen wir alle, spätestens dann, wenn Altersarmut von Frauen die öffentlichen Kassen belastet. Gleichzeitig legt gute frühkindliche Bildung den Grundstein für die Chancen der nächsten Generation. Familienfreundliche Politik ist deshalb kein Geschenk an einzelne, sondern eine kluge Investition in den Wohlstand ganz Südtirols“, betont die Präsidentin des Landesbeirats, Ulrike Oberhammer.

Noch immer seien es überwiegend Frauen, die ihre Arbeitszeit reduzieren, berufliche Entwicklungsmöglichkeiten aufgeben oder ihre Erwerbstätigkeit unterbrechen, wenn Betreuungsangebote fehlen oder nicht mit den Arbeitszeiten vereinbar sind. Die Folgen reichten weit über die Jahre der Kinderbetreuung hinaus: “geringeres Einkommen, niedrigere Rentenansprüche und ein erhöhtes Risiko wirtschaftlicher Abhängigkeit und Altersarmut.”

Die Forderungen des Familienbeirats stehen im Einklang mit dem Gleichstellungsaktionsplan ÆQUITAS 2023–2028, zu dessen Umsetzung sich das Land Südtirol verpflichtet hat. Insbesondere sieht das Handlungsfeld 1 „Arbeit, Beschäftigung und Wirtschaft“, Bereich 1.2 „Zeit/Care“, mit den Maßnahmen 1 und 2 die Erarbeitung eines Ganzjahresmodells „Schule als Lebensraum“ sowie eines Ganzjahresmodells für die Betreuung von Kleinkindern vor. Maßnahme 3 zielt auf die Entlastung von Familien durch flexiblere Arbeitszeiten ab. Auch Handlungsfeld 1, Bereich 1.3 „Arbeit“, Maßnahme 1, sieht den Ausbau der Bildungs- und Betreuungsangebote vor.

„Wir haben mit ÆQUITAS bereits einen klaren politischen Handlungsrahmen. Jetzt geht es darum, diese Maßnahmen konsequent umzusetzen. Gleichstellung darf nicht auf dem Papier stehen bleiben“, unterstreicht Oberhammer.

Die Vizepräsidentin des Landesbeirats, Nadia Mazzardis, verweist auf die zusätzlichen Herausforderungen durch den technologischen Wandel:

„Wir bewegen uns auf eine Arbeitswelt zu, in der durch Automatisierung und den zunehmenden Einsatz künstlicher Intelligenz Arbeitsplätze wegfallen oder sich grundlegend verändern können. In einer solchen Situation darf die Politik nicht glauben, die Lösung bestehe darin, Frauen weiterhin die Verantwortung für unbezahlte Betreuungs- und Pflegearbeit aufzubürden und sie damit aus dem Arbeitsmarkt zu drängen. Es kann nicht sein, dass Frauen zu Hause bleiben und die sozialen und wirtschaftlichen Kosten einer technologischen Innovation tragen müssen, deren Auswirkungen politisch nicht ausreichend gesteuert werden. Gerade jetzt müssen wir in Betreuungsangebote, Qualifizierung und die wirtschaftliche Unabhängigkeit von Frauen investieren. Technologischer Fortschritt muss allen zugutekommen und darf nicht zu einem Rückschritt bei der Gleichstellung führen.“

Der Landesbeirat unterstützt deshalb auch die Forderung nach einer organisatorischen Entkoppelung des Kindergartens vom Schulkalender sowie nach einer Entlastung des pädagogischen Personals von bürokratischen Aufgaben. “Gleichzeitig braucht es ausreichend Personal, angemessene Arbeitsbedingungen und Planungssicherheit, um eine qualitativ hochwertige frühkindliche Bildung und Betreuung zu gewährleisten. Familienfreundliche Politik muss auch Gleichstellungspolitik sein. Es kann nicht sein, dass Frauen die strukturellen Defizite des Betreuungssystems durch unbezahlte Arbeit, Teilzeitbeschäftigung und persönliche Verzichtsleistungen ausgleichen müssen.”

Der Landesbeirat appelliert daher an die Landesregierung, “die Forderungen des Familienbeirats ernst zu nehmen und die bereits im Gleichstellungsaktionsplan ÆQUITAS vorgesehenen Maßnahmen verbindlich und zeitnah umzusetzen. Wer von Gleichstellung spricht, muss auch die Voraussetzungen dafür schaffen. Verlässliche Kinderbetreuung ist kein Luxus, sondern eine grundlegende öffentliche Infrastruktur für eine gerechte Gesellschaft.“

Bezirk: Bozen

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