Christian Wehrschütz steht vor seinem Abschied aus dem ORF

Wehrschütz vor ORF-Abschied: “Habe mich Kriegen gestellt”

Montag, 05. Oktober 2026 | 06:01 Uhr

Von: importer

Christian Wehrschütz ist aus der ORF-Ukraine-Berichterstattung nicht wegzudenken. Dennoch wird er bald keine Analysen und Reportagen aus dem vom Krieg gebeutelten Land mehr liefern. Ende Oktober gibt er die Büroleitung ab, zu Jahresende verabschiedet sich der gebürtige Grazer, der auch Jahrzehnte vom Balkan berichtet hat, in Pension. Im APA-Interview spricht er zum Abschied von “gemischten Gefühlen”, sinniert über eine “Lebensuhr” und betont, keine Einsätze zu bereuen.

APA: Herr Wehrschütz, Ihr 65. Geburtstag am 9. Oktober steht bevor. Haben Sie vor, diesen groß zu feiern oder sind Sie kein Partytiger?

Christian Wehrschütz: Partytiger bin ich nicht. Am 9. Oktober fahre ich zurück in die Ukraine, daher feiern wir am 20. Oktober, bevor der endgültige Korrespondentenabschied beginnt.

APA: Der steht Ende Oktober an. Ende des Jahres geht es für Sie in Pension. Freuen Sie sich darauf oder fällt Ihnen der Abschied schwer?

Wehrschütz: Ich habe gemischte Gefühle. Auf der einen Seite bin ich der Meinung, dass Korrespondent zu sein das Schönste ist, was einem als Journalist passieren kann. Auf der anderen Seite ist es dann doch nach einer gewissen Zeit angenehm, nicht für jeden 50-Sekünder im Radio parat stehen zu müssen. Die Situation in der Ukraine wird auch immer unkalkulierbarer. Meine Familie freut sich außerordentlich, dass dann die Angst wegfällt.

“Niemals mit dem Gedanken gespielt, aufzuhören”

APA: Wie gehen Sie damit um, dass Ihre Familie regelmäßig um ihr Leben bangt? Haben Sie jemals mit dem Gedanken gespielt aufzuhören?

Wehrschütz: Ich habe niemals mit dem Gedanken gespielt aufzuhören. Erst bei dem Vorwort, das meine jüngere Tochter unlängst für mein neues Buch geschrieben hat, ist mir bewusst geworden, wie tiefgreifend die Folgen sind, die derartige Ängste auslösen. Ich erinnere mich an Nikopol 2022, als die Rakete in mein Hotel eingeschlagen ist, und noch viel dramatischer der Drohnenangriff im November 2025 auf unser Auto. Meine Frau hat immer gesagt: “Baldrian und Gottvertrauen”. Wir sind aber der Ansicht, dass für einen Menschen eine Lebensuhr gilt. Nehmen Sie das Beispiel Michael Schumacher. Er ist vielfacher Formel 1-Weltmeister. Dann geht er Ski fahren, hat einen Helm auf und fällt mit dem Kopf auf den einzigen Stein, den es dort gibt. Seit damals war er nicht mehr gesehen. Man hat schon das Gefühl, dass es Dinge gibt, die jenseits der Planbarkeit liegen.

APA: Sie sind seit den frühen 90er-Jahren im ORF und ca. seit der Jahrtausendwende als Korrespondent tätig. War für Sie immer schon klar, diese Richtung einschlagen zu wollen – bis hin zum Berichterstatter von einer Kriegsfront?

Wehrschütz: Ich wollte immer Korrespondent werden und ursprünglich nach Moskau gehen. Das Ironische daran ist: Als es mir dann tatsächlich angeboten wurde, habe ich abgelehnt. Ich wollte die Ukraine und den Balkan nicht aufgeben. Dass diese Entscheidung richtig war, zeigt sich daran, dass dann nicht einmal ein Jahr später der große Krieg in der Ukraine ausgebrochen ist. Für mich war einst auch die Entsendung an den Balkan höchst spannend – nicht zuletzt deswegen, weil der Balkan eine Region ist, die mit Österreich stark verzahnt ist.

“Bin nicht Kriegs- oder Krisenreporter geworden”

APA: Viele verstehen nicht, warum man sich einer derartigen Gefahr aussetzen sollte und freiwillig Kriegs- oder Krisenberichterstatter wird. Was war Ihre Motivation dafür?

Wehrschütz: Ich bin nicht Kriegs- oder Krisenreporter geworden. Ich bin Korrespondent des ORF, den das Schicksal dahingehend ereilt hat, dass es dort, wohin er entsandt wurde, Kriege gibt. Ich habe mich diesen Kriegen gestellt und darüber so gut wie möglich berichtet.

APA: Haben Sie, als der Ukraine-Krieg ausgebrochen ist, damit gerechnet, dass er so lange dauern wird?

Wehrschütz: Ja, spätestens seit dem verhängnisvollen Scheitern der Friedensverhandlungen im Herbst 2022. Was man nicht in einem oder eineinhalb Jahren löst, wird immer dauerhafter. Es ist ein Abnützungskrieg, ohne dass man derzeit klar sagen kann, wer den längeren Atem hat. Die Wahrscheinlichkeit spricht natürlich für Russland. Das Land ist größer, bevölkerungsreicher, hat die verlässlicheren Verbündeten.

APA: Waren rückblickend auch zu riskante Einsätze dabei, die Sie bereuen?

Wehrschütz: Es waren keine Einsätze dabei, die ich bereue. Der Mazedonien-Krieg 2001 war noch ein Krieg mit Minen, Scharfschützen, Artillerie. Da konnte ich abschätzen, wo das sichere Hinterland anfängt. Das gibt es im Ukraine-Krieg heute nicht mehr. Wir reden von Todeszonen. Die Ausweitung des Drohnen- und Raketenkrieges auf beiden Seiten hat dazu geführt, dass man immer häufiger zur falschen Zeit am falschen Ort sein könnte. Man kann in einer Stadt zehn oder auch 30 Kilometer hinter der Front sein und die Drohnen können trotzdem einschlagen. Das macht die gesamte Berichterstattung gefährlicher und unberechenbarer.

Will nicht den Balkon-Muppet spielen

APA: Paul Krisai übernimmt aus dem Budapest-Büro die Berichterstattung über die Ukraine. Haben Sie vor, ihm etwas mit auf den Weg zu geben?

Wehrschütz: Ich gebe niemandem etwas mit auf den Weg. Jeder muss seinen eigenen Weg gehen. Wenn man etwas wissen möchte, kann man mich gerne anrufen. Aber ich bin sicherlich nicht einer der beiden alten Muppets vom Balkon, die Zurufe erteilen.

APA: Propaganda und Desinformation hat es immer schon gegeben, aber so täuschend echt wie in Zeiten der Künstlichen Intelligenz ist sie noch nie dahergekommen. Was bedeutet das für Reporter?

Wehrschütz: Man muss noch viel mehr aufpassen. Wir konnten viele Fehler vermeiden, weil wir gesehen haben, wie sehr versucht wird, mit KI bzw. Deepfakes Geschichten zu konstruieren. Ich weiß nicht, ob wir journalistisch insgesamt dagegen gewappnet sind. Das ist eine große Herausforderung – auch für die Demokratie. Mein Prinzip war immer: Ich muss nicht der Erste mit einer Meldung sein. Weil dann muss ich auch nicht der Erste sein, der sie dementiert.

APA: Die Ukraine war nicht immer glücklich über Ihre Präsenz. Sie hatten Probleme mit den Behörden, waren mit Einreiseverbot und dem Entzug der militärischen Akkreditierung konfrontiert. Dass Sie auf der Seite Russlands stehen würden, haben Sie wiederholt als “Schwachsinn” bezeichnet. Wie sind diese Schwierigkeiten zu erklären?

Wehrschütz: Akkreditierungen sind ein zweischneidiges Schwert. Sie geben Journalisten Sicherheit. Man ist angemeldet und hat ein Papier in der Hand. Aber sie sind auch Herrschaftsinstrumente zur Informationskontrolle. Ich habe mich in meiner Berichterstattung nicht beeinflussen lassen und sage: Besser keine Akkreditierung und dafür kann ich immer noch in den Spiegel schauen.

APA: Haben Sie sich vom ORF und Außenministerium in diesen schwierigen Situationen ausreichend unterstützt gefühlt?

Wehrschütz: Ich bin allen Unterstützern dankbar – am meisten der Bevölkerung. Der ORF und das Außenministerium haben mich auch unterstützt. Und es gab und gibt Bundeskanzler, die mich sehr unterstützt haben, damit ich meine Arbeit machen kann und keine ukrainische Behörde sich aussucht, welcher Korrespondent entsandt wird.

Neues Buch Anfang November

APA: Anfang November erscheint ein neues Buch von Ihnen. Worum geht es darin?

Wehrschütz: Der Titel lautet “Heimkehr. Aufbruch in ein unentdecktes Land”. Es ist eine Art Bilanzbuch über die vielen Jahre am Balkan, gemachte Erfahrungen in der Ukraine und wie die Familie damit umgeht. Meine beiden Töchter und meine Enkelin haben auch kleine Texte dazu verfasst. Und es ist ein Ausblick darauf, was ich weiter machen werde, nachdem ich ja in kein Kloster gehe.

APA: Man wird also weiter von Ihnen hören?

Wehrschütz: Ja, oder mich auch sehen und lesen! Der Verlag möchte, dass ich noch zumindest zwei Bücher schreibe. Priorität hat aber, dass ich meine Bibliothek zusammenräume. Und meine Frau hat schon gesagt, dass ich im Wochenendhaus einiges zu tun habe. Wir wollen auch nach so vielen Jahren der Trennung mehr Zeit füreinander haben. Meine Enkelin und meine Töchter freuen sich auch darauf. Gerhard Weis, einer der legendären Generalintendanten des ORF, hat die schönen Sätze gesagt: “Die Enkel sind Gottes zweite Chance.” Ich hoffe, ich nutze das. Und: “Der Friedhof ist voller Unersetzlicher.”

(Das Gespräch führte Lukas Wodicka/APA)

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