Von: Matthias Knapp
Prad am Stilfserjoch/Lloret de Mar – Nach einem außergewöhnlichen internationalen Jahr 2025 setzt der Südtiroler Künstler Philipp Egger seine Erfolgsserie auch 2026 fort. Nur wenige Wochen nach seinem Kategoriesieg bei BigPicture in San Francisco gewinnt der 25-Jährige nun mit „Fire Vortex“ bei MontPhoto in Spanien. Das ausgezeichnete Werk entstand während des verheerenden Waldbrandes in seiner Heimat Prad am Stilfserjoch.
Gewaltige Rauchmassen verschlucken eine Bergflanke. Der Wald wird zur dunklen Silhouette, Konturen lösen sich auf, Rauch und Himmel scheinen ineinander überzugehen. Was auf den ersten Blick beinahe wie eine abstrakte Wolkenlandschaft erscheint, zeigt in Wirklichkeit einen Moment extremer Veränderung unmittelbar vor der eigenen Haustür.
Mit „Fire Vortex“ hat der Südtiroler Künstler Philipp Egger die Kategorie „Changing Planet“ bei MontPhoto in Spanien gewonnen. Der 25-Jährige nahm die Auszeichnung persönlich im Rahmen des MontPhoto FEST in Lloret de Mar entgegen.

Für Egger ist es innerhalb weniger Wochen bereits der nächste internationale Erfolg. Erst im September gewann er mit „Born of Silence“ die Kategorie „Winged Life“ bei der BigPicture Natural World Photography Competition der California Academy of Sciences in San Francisco. Mehr als 7.400 Arbeiten aus 64 Ländern waren dort 2026 eingereicht worden.
Zwei internationale Siege innerhalb weniger Wochen. Zwei Bilder, die kaum unterschiedlicher sein könnten: dort zwei junge Uhus in einem Moment beinahe vollkommener Stille, hier die elementare Gewalt eines Waldbrandes – und doch verbindet sie dieselbe Handschrift.
Ein Feuer vor der eigenen Haustür
„Fire Vortex“ entstand am 10. April 2025 oberhalb von Agums in der Gemeinde Prad am Stilfserjoch. Der Waldbrand erfasste rund 145 Hektar steilen alpinen Schutzwald. Trockenheit, starke Winde, thermische Aufwinde und wechselnde Luftströmungen ließen das Feuer innerhalb kurzer Zeit an Intensität gewinnen.
Rund 300 Einsatzkräfte waren zeitweise mit seiner Bekämpfung beschäftigt. Das extreme Gelände erschwerte die Löscharbeiten erheblich, mehrere Hubschrauber unterstützten die Einsatzkräfte aus der Luft. Inmitten dieses Geschehens entstand „Fire Vortex“.
Die Aufnahme zeigt einen Moment, in dem aufsteigende Hitze und wechselnde Luftströmungen die gewaltigen Rauchmassen in beinahe rotierende Formationen verwandeln. Der Wald selbst erscheint darin nur noch als fragile dunkle Struktur.
Gerade die Reduktion verleiht dem Bild seine Wirkung. Die Katastrophe wird nicht durch sichtbare Flammen erzählt. Im ersten Augenblick dominieren Formen, Bewegung und Struktur. Erst auf den zweiten Blick erschließt sich die Realität dahinter.
„Mich hat dieser Widerspruch beschäftigt. Vor mir entstand etwas visuell beinahe Abstraktes, gleichzeitig wusste ich, dass sich darunter ein reales Ökosystem verändert. Im ersten Moment sieht man Formen, Strukturen und Bewegung. Erst beim genaueren Hinsehen erkennt man den Wald und begreift die Dimension“, erklärt Egger.
Der betroffene Wald ist dabei weit mehr als eine Ansammlung von Bäumen. Als alpiner Schutzwald erfüllt er eine wichtige Funktion für die Landschaft und ist zugleich Lebensraum zahlreicher Tierarten. Dass gerade diese Aufnahme nun in der Kategorie „Changing Planet“ ausgezeichnet wurde, hat für Egger deshalb eine besondere Bedeutung.
Wenn Veränderung plötzlich Heimat betrifft
„Changing Planet“ stellt fotografische Arbeiten in den Mittelpunkt, die Veränderungen unserer Umwelt sichtbar machen. Thematisiert werden unter anderem Klimakrise, Umweltverschmutzung, Biodiversitätsverlust und das Verhältnis zwischen Mensch und Natur. Der Blick richtet sich dabei nicht nur auf weit entfernte Entwicklungen, sondern auch auf Veränderungen unmittelbar vor der eigenen Haustür.
„Fire Vortex“ führt diesen Gedanken an einen Ort, der für Egger nicht abstrakt oder weit entfernt ist. Es ist seine Heimat.
„Wenn wir von einem Planeten im Wandel sprechen, denken wir schnell an Ereignisse irgendwo weit entfernt. Aber Veränderung findet auch direkt vor unserer Haustür statt. Dieses Bild entstand in der Landschaft, in der ich aufgewachsen bin. Gerade deshalb bedeutet mir diese Auszeichnung besonders viel“, erklärt der junge Fotograf.
Für Egger gehören künstlerischer Anspruch und Verantwortung gegenüber der Natur eng zusammen. Seine Arbeit basiert auf Beobachtung, Kenntnis natürlicher Zusammenhänge und Respekt gegenüber den Arten und Lebensräumen, die er fotografiert.
Fotografie versteht er dabei nicht nur als künstlerisches Medium. Bilder können Aufmerksamkeit auf eine Welt lenken, die dem menschlichen Blick häufig verborgen bleibt, und damit Bewusstsein für ihre Schönheit und Verletzlichkeit schaffen. „Ich glaube an die Kraft von Bildern, Menschen einen Zugang zur Natur zu geben. Was uns berührt, nehmen wir anders wahr. Ich möchte Natur deshalb nicht einfach abbilden. Meine Bilder sollen Fenster in ihre geheimnisvolle, oft verborgene Seele sein. Mich interessiert dieser eine Augenblick, in dem wir nicht nur sehen, wie Natur aussieht, sondern für einen Moment glauben zu spüren, was sie ist“, so Egger.
Internationale Bühne zum 30. Jubiläum
Die Auszeichnung fällt in ein besonderes Jahr für MontPhoto: Der Wettbewerb feiert 2026 seine 30. Ausgabe. Aus einem Wettbewerb für Bergfotografie hat sich über drei Jahrzehnte ein internationales Projekt rund um Naturfotografie, Umweltbewusstsein und Naturschutz entwickelt.
Die internationale Jury bestand in diesem Jahr aus Melissa Groo, Marco Colombo, Francesca Page, Dhritiman Mukherjee und Ofelia de Pablo. Egger nahm seine Auszeichnung am 2. Oktober persönlich beim MontPhoto FEST im katalanischen Lloret de Mar entgegen.
„Mit einem Bild aus meiner Heimat auf einer internationalen Bühne zu stehen, war für mich ein besonderer Moment. Eine Fotografie entsteht an einem ganz bestimmten Ort. Später merkt man plötzlich, dass sie diesen Ort verlassen hat und ihre Geschichte Menschen aus ganz unterschiedlichen Ländern erreicht.“
Der Sieg in Spanien reicht dabei über die Preisverleihung hinaus. „Fire Vortex“ wird im Rahmen der offiziellen MontPhoto-Ausstellung in Lloret de Mar präsentiert und in den Jahreskatalog „Inspirats per la Natura 2026“ aufgenommen. Von dort setzt das Werk seinen Weg in weitere nationale und internationale Ausstellungskontexte fort. Über die Zusammenarbeit mit dem in Berlin ansässigen internationalen „Changing Planet: Network for Young Photographers“ wird die ausgezeichnete Arbeit zudem Teil einer Wanderausstellung. Damit verlässt ein Bild, das über den Bergen von Prad entstanden ist, seinen Entstehungsort und wird vor internationalem Publikum zu einem visuellen Zeugnis einer Landschaft im Wandel.
2025 schien kaum wiederholbar – doch 2026 setzt sich die Serie fort
Der jüngste Sieg erhält vor dem Hintergrund von Eggers vergangenen zwei Jahren eine zusätzliche Dimension. 2025 hätte leicht als einmaliges Ausnahmejahr gelten können.
Mit dem Kategoriesieg beim Wildlife Photographer of the Year des Natural History Museum in London, Gold beim Bird Photographer of the Year, dem People’s Choice Award bei BigPicture in den USA und weiteren internationalen Auszeichnungen erreichte Egger innerhalb weniger Monate eine außergewöhnliche Serie. Doch 2026 zeigt: Es war kein Ausreißer.
Nach dem erneuten BigPicture-Erfolg in San Francisco wurden auch weitere Arbeiten Eggers bei internationalen Wettbewerben in Los Angeles, Paris, Großbritannien, Deutschland und Spanien ausgezeichnet. Mit dem Sieg bei MontPhoto setzt sich diese Entwicklung nun fort.
Damit ist aus einem außergewöhnlichen Jahr eine bemerkenswerte internationale Kontinuität geworden. Doch die Zahl der Auszeichnungen erzählt nur einen Teil der Geschichte.
Motive wechseln – die Sprache bleibt
Auffällig ist vielmehr, wie unterschiedlich die Arbeiten sind, die international Anerkennung finden. Uhus und Eisvögel, alpine Wildtiere und Fossilien, schwindende Gletscher, Feuer, Rauch und Landschaft.
Ein Uhu tritt als Gestalt aus der Dunkelheit. Zwei junge Vögel scheinen für einen Augenblick zu einem Wesen zu verschmelzen. Ein Gletscher wird zur Kathedrale. Millionen Jahre alte Spuren werden zu abstrakten Formen. Über Prad verwandeln Feuer und Rauch eine vertraute Berglandschaft in eine Szenerie, deren Realität im ersten Moment kaum greifbar erscheint. Was diese Arbeiten verbindet, ist nicht ihr Motiv. Es ist Eggers Art zu sehen: Stille, Vergänglichkeit, Wildheit, Transformation. Die Motive wechseln, die Sprache bleibt.
„Auszeichnungen sind für mich eine große Anerkennung und ermöglichen es meinen Arbeiten, international gesehen zu werden. Aber sie sind nicht das eigentliche Ziel. Mich interessiert, langfristig eine eigene Bildsprache zu entwickeln. Wenn vollkommen unterschiedliche Motive am Ende trotzdem etwas miteinander verbindet und man darin meine Art zu sehen erkennt, bedeutet mir das mehr als eine einzelne Auszeichnung“, betont der 25-Jährige.
Eggers Arbeiten bewegen sich zunehmend an der Grenze zwischen dokumentarischer Naturfotografie und Kunst. Die Natur bleibt Wirklichkeit und beginnt dennoch, wie etwas Imaginiertes zu erscheinen. „Mich interessieren diese seltenen Momente, in denen die Wirklichkeit ihre vertraute Form verliert. Alles, was meine Bilder zeigen, ist real. Aber manchmal beginnt Natur für einen Augenblick wie etwas Imaginiertes zu wirken. Genau dort, an der Grenze zwischen Wirklichkeit und Wahrnehmung, beginnt für mich Kunst“, so Egger.
Der Ursprung bleibt Südtirol
Innerhalb von zwei Jahren hat sich Egger damit eine bemerkenswerte internationale Präsenz aufgebaut. Seine Arbeiten werden über Ländergrenzen hinweg ausgezeichnet und präsentiert. Werke des Südtirolers waren bereits in internationalen Ausstellungs- und Museumskontexten von London und New York über Hongkong bis San Francisco zu sehen.
Und dennoch beginnt vieles weiterhin dort, wo Egger aufgewachsen ist. Auch „Fire Vortex“ entstand nur wenige Kilometer von seinem Zuhause entfernt. Ein Bild aus einem Schutzwald oberhalb von Prad am Stilfserjoch steht damit plötzlich auf einer internationalen Bühne in Spanien.
„Je weiter meine Arbeiten reisen, desto stärker wird mir bewusst, wie sehr meine Herkunft meine Art zu sehen geprägt hat. Südtirol ist für mich nicht einfach der Ort, von dem ich komme. Es ist ein wesentlicher Teil meiner Arbeit“, so Egger.
Mit 25 Jahren werden Eggers Arbeiten heute international ausgezeichnet und ausgestellt. Doch während ihre Reichweite wächst, bleibt ihr Ausgangspunkt bemerkenswert konstant: die intensive Auseinandersetzung mit Natur, ihrer Schönheit, ihrer Verletzlichkeit und ihrer Veränderung. Was in Südtirol beginnt, findet inzwischen weit darüber hinaus eine Sprache.




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