Steve Reich wird am 3. Oktober 90

Graz feiert heute Geburtstagskind Steve Reich zum 90er

Samstag, 03. Oktober 2026 | 05:00 Uhr

Von: importer

Auch Zeitgenossen kommen in die Jahre: Minimal-Music-Komponist Steve Reich, mit Philip Glass und John Adams der prominenteste lebende Tonsetzer der USA, feiert heute seinen 90. Geburtstag. Und an vorderster Front feiert Graz. Mit einem echten Musikmarathon seit Mitternacht wird an 24 Standorten bis 24 Uhr mit 90 Musizierenden der runde Geburtstag des Musikdenkers gewürdigt. Initiiert wurde das Megaprojekt vom Ensemble Studio Percussion.

Ein Zentrum des Grazer Marathons bildet die Weikhard-Uhr, die anstelle der Big-Ben-Melodie Reich’sche Töne von sich gibt. Im Minoritenzentrum begann der Tag mit “Minimales Frühstück” und verdaulichen Häppchen zu Reich. Am Ostbahnhof ist später heute das epochale “Different Trains” zu hören und in der Kanonenhalle des Schlossbergs “City Life” angesetzt. Zum Abschluss des Tages verkündet die Technoformation Elektro Guzzi im Theater im Palais final “Happy Birthday Dear Steve”. (https://grazspieltstevereich.at)

Auch wenn an die Monumentalität der Ehrerbietung nichts heranreicht, wird Steve Reich doch weltweit gefeiert. In Gateshead mutiert das Glasshouse rund um den Geburtstag zum wahren Reich-Zentrum mit einer Vielzahl an Konzerten und Formaten (https://theglasshouseicm.org/seasons/steve-reich-at-90/). Kuratiert werden die Feierlichkeiten hier von Colin Currie, einem der zentralen Interpreten von Reichs Musik. Der Percussionist ist dann auch einer der Proponenten, der 2027 Grafenegg in ein Reich-Zentrum verwandeln wird. Schließlich ehrt das Festival unter seinem dann neuen Intendanten Johannes Neubert den Komponisten mit einer umfassenden Personale. Unter anderem sind drei Orchesterkonzerte mit Kernwerken aus dem Reich-Œuvre programmiert. Überdies gibt es ab Juni die Ausstellung “Alles eine Phase” zum Leben des Jubilars.

Dissertation über Wittgenstein

Geboren wurde Reich am 3. Oktober 1936 als Sohn der Sängerin und Dichterin June Carroll und des Anwalts Leonard J. Reich, mithin in eine deutsch-jüdische Bildungsbürgerfamilie. Entsprechend klassisch gestaltete sich auch die Ausbildung des jungen Steve, der erst spät mit zeitgenössischer oder barocker Musik in Berührung kam. Er studierte an der Cornell University in Ithaca Philosophie und dissertierte 1957 mit einer Arbeit über das Spätwerk Ludwig Wittgensteins.

Über den Jazz hatte er sich jedoch langsam der Idee genähert, als Komponist zu arbeiten, weshalb er mit nur 21 Jahren an der New Yorker Juilliard School aufgenommen wurde. Bereits hier kam er in Kontakt zum Mitschüler Philip Glass, geriet mit dem akademischen Zugang zu Musik jedoch in Konflikt, zumal er als Percussionist schon dank seines Instruments einen schweren Stand hatte. Dies änderte sich mit dem Umzug nach Kalifornien, wo Reich am Mills College in Oakland seine Studien fortsetzte und Koryphäen wie Darius Milhaud oder Luciano Berio zu seinen Lehrern zählen konnte.

Späte Hinwendung zum Judentum

Zurück in New York gründete der Komponist 1966 das Ensemble “Steve Reich and Musicians”, konnte allerdings immer noch nicht von seiner musikalischen Arbeit leben. Gemeinsam mit Philip Glass musste Reich vorübergehend gar als Umzugshelfer arbeiten. Ausgedehnte Studienreisen durch Europa, nach Afrika und Asien folgten, bis Reich ab der Mitte der 1970er-Jahre langsam ein größeres Auditorium fand. Dabei wandte sich der weitgehend atheistisch erzogene Reich auch wieder vermehrt dem Judentum zu, erlernte Hebräisch und studierte die Thora. Das spiegelte sich teils auch in seinen Arbeiten, so etwa dem an der Sakralmusik des Judentums geschulten “Tehillim” oder “Different Trains”, das den Holocaust thematisiert.

Am Beginn standen Experimente mit Tonbändern, die er mit verschiedenen Geschwindigkeiten abspielte um so mittels “Phasing” einen eigenen Klangeffekt zu erzielen. Die durch Trommelstudien in Afrika und die von der Annäherung an die balinesische Gamelanmusik inspirierten kurzen Tonfragmente wichen allerdings mit der Zeit dem großen Orchesterklang.

Hatte Reich in seiner frühen Phase der 1960er vor allem Werke für kleinere Ensembles erstellt, erweiterte er ab Ende der 1970er sein Repertoire und die entsprechenden Klangkörper, so etwa mit “Music for a Large Ensemble” (1978) oder eben “Tehilim” (1982). Zugleich blieb der Meister des rhythmischen Kontrapunkts dem Experiment und der Elektronik stets treu. So beteiligte sich der heute in Pound Ridge nahe New York lebende Reich auch im höheren Alter an Remixversionen seiner Stücke (“Reich: Remixed” 1999 und “Reich: Remixed 2006”).

Verschmelzung von Klang und Bild

Nicht zuletzt interessierte ihn zunehmend die Verschmelzung seiner Klänge mit visuellen Elementen, etwa in der 2019 entstandenen Hommage an Gerhard Richter unter dem Titel “Reich/Richter”. Hier dürfte auch der Einfluss seiner Ehefrau, der Videokünstlerin Beryl Korot, mit der Reich seit 1976 verheiratet ist, eine Rolle spielen. Mit ihr gestaltete er etwa auch “Three Tales”, eines seiner bekanntesten Werke, bei dem er den Absturz des Zeppelins “Hindenburg”, die Atomversuche auf dem Bikini-Atoll und die Geschichte des Klonschafs Dolly in einer Videooper verband.

Und der Fast-Neunzigjährige ist bis heute aktiv. So feierte erst Ende August sein “In All Your Ways” für großes Ensemble, basierend auf einem religiösen Text in Edinburgh Weltpremiere. Das Werk wird kommendes Jahr dann auch in Grafenegg erklingen. Heute umfasst das Œuvre des Trägers des Österreichischen Ehrenzeichens für Wissenschaft und Kunst (seit 2016) Orchesterwerke und Vokalarbeiten, Stücke für große Klangkörper und kleine Ensembles, Kammermusik wie Soloarbeiten. Und vieles davon ist heute in Graz zu erleben.

(S E R V I C E – https://stevereich.com )

Kommentare

Aktuell sind 0 Kommentare vorhanden

Kommentare anzeigen