Inszenierung des Autobahn-Spatenstichs durch Hitler

Mythos von Hitler als erfolgreichem Autobahnbauer widerlegt

Montag, 05. Oktober 2026 | 14:25 Uhr

Von: importer

Die Mythen halten sich bis heute: Die Nazis hätten die Autobahn erfunden und damit Massenarbeitslosigkeit erfolgreich bekämpft, Hitler sei erfolgreicher Autobahnbauer gewesen. Mit diesem Narrativ räumt nun die Forschung im Auftrag der Asfinag, festgehalten im Buch “Autobahnbau in Österreich unter NS-Herrschaft”, auf. Es zeigt sich eine “enorme Diskrepanz zwischen der von der NS-Propaganda behaupteten Erfolgsstory und Problemen bei der Baurealisierung”, hieß es am Montag.

Lediglich 17 der geplanten 1.100 bis 1.400 Kilometer in Österreich wurden bis zum Baustopp 1942 fertiggestellt, wie das Forschungsteam Bertrand Perz, Gabriele Hackl-Schwind und Alexandra Wachter am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien in Wien ausführte. Die “Baustellenflucht” unter inländischen Kräften war wegen der harten Arbeitsbedingungen, mangelnder Ausstattung, geringer Entlohnung und unzureichender Verpflegung hoch.

Es herrschte Arbeitskräftemangel an den Baustellen. Nach Kriegsbeginn wurden daher bis zu 6.000 Kriegsgefangene herangezogen, auch österreichische Roma und Sinti mussten Zwangsarbeit für die Autobahn verrichten, ebenso als “asozial” eingestufte Menschen, hauptsächlich Slowenen. 130 Arbeitslager, meist Baracken, reihten sich entlang der geplanten Strecken, berichtete Wachter. In jenen mit Stacheldraht umzäunten für Kriegsgefangene herrschten katastrophale Zustände. Juden war zunächst nur in Steinbrüchen oder für den Bau von Zubringerstraßen als Zwangsarbeitskräfte erwünscht, da sie dem rassistischen Weltbild zufolge nicht direkt an den “Straßen des Führers” mitwirken sollten.

Zentrales Prestigeobjekt der Nationalsozialisten

“Es war ein zentrales Prestigeobjekt der Nationalsozialisten zu sagen: Wir bauen diese Autobahnen, wir schaffen Volksmotorisierung”, berichtete Perz. “Sie machen also an vielen Orten Baustellen auf. Man hat flächendeckend den Eindruck, überall passiert etwas. Propagandistisch war das sehr geschickt gemacht. Wenn man die Realität dahinter sieht: Riesenprobleme, keine Arbeitskräfte, keine Maschinen, Managementfehler, Ressourcenmangel.”

Der Spatenstich zum Autobahnbau in Österreich durch Adolf Hitler am 7. April 1938 wurde groß inszeniert. Finanziert wurde das Vorhaben über Schulden bzw. Darlehen. Im Zuge der Forschung sei recht schnell klar geworden, dass es sich um “kein reines Infrastrukturprojekt handelte, sondern um eines der Propaganda für den Machterhalt”, betonte Hackl-Schwind. “Und dass es verkehrstechnisch vielleicht gar nicht unbedingt nötig und wirtschaftlich vielleicht gar nicht sinnvoll war.” Militärisch habe die Autobahn keine Bedeutung gehabt: “Diese Straßen sind nicht für Truppentransporte gebaut worden.”

Österreichische Firmen waren zu klein

Österreichische Firmen sollten aus propagandistischen Gründen unbedingt mit einbezogen werden. Diese waren für Großbaustellen aber viel zu klein, hatten wegen der Wirtschaftslage zu wenig Kapital, zu wenig Fachleute und zu wenig Maschinen. Man habe das so gelöst, indem man sie zu Arbeitsgemeinschaften mit deutschen Großbaufirmen zusammenschloss, führte Hackl-Schwind aus. “Um zu sagen: Wir beschäftigen ja die österreichischen Firmen.”

Wesentliche Teile des heutigen Netzes basieren übrigens auf den Konzepten und Baumaßnahmen der NS-Zeit. Über weite Strecken war mit den Erdarbeiten für die Trassen begonnen worden, zahlreiche Brücken- und Tunnelbauten waren teilweise realisiert. “Mit Kriegsbeginn war das Projekt aber endgültig zum Scheitern verurteilt”, so das Forschungsteam.

“In den vergangenen Jahren standen wir immer wieder im Austausch mit Initiativen, Historikerinnen und Historikern sowie Gedenkvereinen, die das Schicksal der Opfer der Reichsautobahn und der damaligen Arbeitslager in Erinnerung halten”, betonte Asfinag-Vorstand Hartwig Hufnagl. Diese Gespräche hätten wesentlich dazu beigetragen, das wissenschaftlich aufarbeiten zu lassen. Dies helfe, “historische Mythen zu überwinden und Verantwortung für eine leistungsfähige und moderne Infrastruktur wahrzunehmen”, sagte Verkehrsminister Peter Hanke (SPÖ).

(S E R V I C E – Bertrand Perz, Gabriele Hackl-Schwind, Alexandra Wachter: “Autobahnbau in Österreich unter NS-Herrschaft”, Böhlau Verlag, 341 Seiten, 41 Euro)

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