Von: importer
Der ungarischer Dichter Péter Nádas ist am Mittwoch um 8 Uhr im Alter von 83 Jahren in seinem Haus in Gombosszeg verstorben. Das wurde am Mittwoch auf der Facebook-Seite des Autors, der immer wieder für den Literaturnobelpreis gehandelt wurde, bekanntgegeben. “Wir veröffentlichen diese Nachricht auf Wunsch der Familie und bitten die Leser sowie die Vertreter der Presse hiermit, bis auf weiteres zu respektieren, dass die Familie keine Stellungnahme abgeben möchte”, hieß es.
Die dunkle Macht des Hasses, die Grausamkeiten, die Menschen einander antun, die Ideologien und Gräuel des 20. Jahrhunderts sind die großen Themen, die das Lebenswerk des am 14. Oktober 1942 in Budapest Geborenen durchziehen. Seine Literatur geht dabei ganz nah auf die Menschen zu. Mit dem Blick eines Chirurgen oder eines Fotografen – zu dem er in jungen Jahren ausgebildet wurde – erfasste Nadas, was die Geschichte, was die Verhältnisse mit den Menschen anrichten. Wie sie sich in ihre Haltungen, Gesten, Wörter, Körper einbrennen. Als “großen Vermesser der europäischen Seelenlandschaft” bezeichnete ihn die Literaturkritikerin Iris Radisch. Zu Österreich hatte Nádas enge Beziehungen. So wurde er 1991 mit dem Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur ausgezeichnet und war 2023 Ehrengast bei “Literatur im Nebel” in Heidenreichstein.
Monumentale Romanwerke
Den Holocaust überlebte Péter Nádas mit seiner Familie in Verstecken und mit falschen Papieren. In der Familie des Heranwachsenden war die jüdische Herkunft dennoch kein Thema. Die Eltern waren überzeugte und dann enttäuschte Kommunisten. Die Mutter erlag früh einer Krankheit, als Nadas 13 war. Drei Jahre danach verübte der Vater Suizid. Von 1965 bis 1969 arbeitete Nadas bei diversen Zeitungen, danach war er freier Schriftsteller. Seine Schreibweise fand im kommunistischen Ungarn nur zögerlich Anerkennung. Fast zwölf Jahre arbeitete am “Buch der Erinnerung” (dt. 1991), einem Opus von 1300 Seiten, das auf drei Zeitebenen – 1900, 1950 und 1970 – und drei geografischen Räumen – Ungarn, Heiligendamm und Ost-Berlin – drei Personen miteinander verstrickte und ihm zum Durchbruch im deutschen Sprachraum verhalf.
17 Jahre widmete Nadas dem Roman “Parallelgeschichten” (dt. 2012). Auf den 1.700 Seiten der deutschen Fassung verwebt er scheinbar zusammenhanglos Personen, Motive und Ereignisse zu einem Universum jenseits des Textes. Schauplätze und Zeitebenen wechseln oft abrupt. Minutiös seziert der Autor die wechselseitige Wirkung menschlicher Körper aufeinander, ihr gegenseitiges Begehren und die in ihnen abgespeicherten Erinnerungen und menschheitsgeschichtlichen Katastrophen. Holocaust und stalinistischer Terror kommen darin nicht direkt vor. “Aufleuchtende Details” (dt. 2017), ein weiteres Monumentalwerk von fast 1.300 Seiten, handelt wiederum genau von dieser Zeit und ergänzt somit die “Parallelgeschichten”.
“Schauergeschichten”
In seinem Roman “Schauergeschichten” (dt. 2022) kehrte Nádas, der seit 1984 in Gombosszeg in Südwest-Ungarn lebte, zu einer geschlosseneren Erzählform zurück. Im Mittelpunkt stehen ein fiktives ungarisches Dorf an der Donau und seine Bewohner im 20. Jahrhundert. Es ist eine vielstimmige und sprachgewaltige Erzählung über Gier und Großmut, Bosheit und Missgunst vor dem Hintergrund der katastrophisch erlebten Umwälzungen des Kommunismus auf dem Lande: Enteignung des Grundbesitzes, Zwangs-Vergenossenschaftungen, Herrschaft kleinkarierter Parteifunktionäre.
Zu seinem 80er sagte er der ungarischen Nachrichtenagentur MTI, dass er wohl noch ein paar Dinge schreiben wolle, aber nicht mehr in monumentalen Umfängen. “Die Bäume sterben im Stehen, ich beim Schreiben – na, das wäre ein schöner Tod.”
Ministerpräsident Magyar kondoliert
Der ungarische Ministerpräsident Peter Magyar kondolierte auf Facebook zum Tod von Nadas und schrieb: “Lebewohl, Maestro!” Der Budapester Bürgermeister Gergely Karacsony schrieb auf Facebook: “Dieses Land, diese Stadt hat Peter Nadas viel zu verdanken. Wir werden es nun für immer bedauern, diese Schuld nicht zurückzahlen zu können.” Nadas, Ehrenbürger von Budapest, habe “der ganzen Welt gezeigt, welchen Platz diese Stadt in Europa einnimmt”, fügte er hinzu. “Peter Nadas verkörpert zugleich das höchste Niveau der Weltliteratur und die schönste, feinfühligste und herzerwärmendste ungarische Literatur.” Der Verband der Jüdischen Gemeinschaften in Ungarn bekundete ebenso seine Trauer wie sein Dichterkollege György Spiró: “Es ist ein unermesslicher Verlust, man hätte sich so sehr gewünscht, er wäre noch da. Aber leider leben wir nicht ewig.” Nádas habe die europäische literarische Tradition bewahrt. “Er war enorm begabt, arbeitete unglaublich hart. Ich glaube, das ist das Geheimnis.” Spiró lobte die tragische Weltsicht von Nádas und seine Fähigkeit, “mit großer Subtilität in Details einzutauchen”, zitierte ihn das Onlineportal “HVG.hu”.




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