Barbara Klein schrieb über ihre jüdische Familie

Barbara Klein: Buch über ihre “rätselhafte jüdische Familie”

Sonntag, 11. Oktober 2026 | 10:26 Uhr

Von: importer

In den mit viel Folie umwickelten stinkenden Kisten war am Ende nicht nur wertloses, vergilbtes Papier, sondern eine Fülle von Material, das gleich drei Institutionen gerne übernommen hätten. Das Rennen um den Familiennachlass von Barbara Klein machte die Wienbibliothek im Rathaus. Noch sind die Unterlagen aber in Kleins Wohnung. Sie hat daraus ein Buch gemacht. “Soweit alles in Ordnung. Meine rätselhafte jüdische Familie” wird am Dienstag im Theater Nestroyhof präsentiert.

Katzen mögen sieben Leben haben, Barbara Klein aber hatte sieben Berufe: Schauspielerin, Regisseurin, Kabarettistin, Intendantin, Verlegerin, Autorin und Aktivistin. 2018 hat sie das 1999 von ihr gegründete KosmosTheater (das “Theater mit dem Gender”) an ihre Nachfolgerin übergeben und ist in Pension gegangen. Ein Kabarett-Comeback mit Krista Schweiggl (einst das feministische Kabarettduo “Chin & Chilla”) als “Die SpätSies” wurde von Corona überschattet. Als Teil der “Omas gegen Rechts” steht sie aber noch immer regelmäßig mit anderen Frauen mit einem Transparent (“Flucht ist ein Menschenrecht”) Mahnwache vor dem Bundeskanzleramt. Einen achten Beruf, nämlich Historikerin, habe sie bei den Recherchen an dem Buch dennoch nicht ausgeübt, sagt Klein.

“Da habe ich kapiert, was das für ein Schatz ist”

“Ich habe dieses Buch auch nicht so geschrieben, samt Riesenanhang mit tausenden Quellen und Fußnoten. Ich will, dass es lesbar ist, und dass man sich mit mir auf Spurensuche begibt.” Diese Suche hat drei Jahre gedauert und Barbara Klein nicht nur in Archive, sondern etwa auch in die Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau geführt. Besonderes Augenmerk habe sie auf die Frauen der Familie gelegt, über die es gerade im Zusammenhang mit dem Holocaust viel weniger Dokumente gibt als über Männer.

Bei der Sichtung der Unterlagen, die sie nach dem Tod der Eltern übernommen, aber berufsbedingt lange unbearbeitet gelassen hat, sei sie zunächst davon ausgegangen, dass derlei keine Besonderheit sei. “Aber so viele Fluchtgeschichten es gibt, so wenige Briefe sind aus der Zeit erhalten. Die meisten haben eben alles verloren. Die Unterlagen sind meist vernichtet worden. Es gibt also gar nicht so viel. Und erst da habe ich kapiert, was das für ein Schatz ist”, erzählt Barbara Klein im Gespräch mit der APA.

Die 1954 geborene Tochter eines Wiener Musikwissenschafters und einer Schweizerin wusste nicht viel von den Großeltern väterlicherseits, bloß, dass er Jude und sie katholisch war. Im Nachlass fand sich auch eine Metalltafel, um die sich nun die Museen reißen: Ihr Großvater, der angesehene Kieferchirurg Bruno Klein, schaffte es, bis Kriegsende in Wien bleiben und arbeiten zu können – zunächst in der nur für jüdische Patienten zugelassenen Ordination, später im letzten jüdischen Spital Wiens. Dass er also als einer von ganz wenigen Juden nicht etwa in einem Versteck, sondern offen lebend die Judenverfolgung überstehen konnte, ist eines von vielen Wundern, auf die Klein im Laufe ihrer Recherche gestoßen ist.

Die Wunder des Überlebens

Auch, dass er den langen täglichen Fußmarsch von der Familienvilla in Gersthof, wo die Großeltern dank der “privilegierten Mischehe” zumindest auf wenigen Quadratmetern wohnen bleiben durften, ohne Verhaftung und Deportation zurücklegen konnte, zählt dazu. Ebenso wie die Tatsache, dass der Sohn, ihr Vater, es nach einer langen Odyssee durch die Anhaltelager des Vichy-Regimes doch in die Schweiz schaffte, wo er seine musikwissenschaftlichen Studien fortsetzen konnte, während rundum in Europa Millionen in Lagern, an der Front oder im Bombenhagel starben. Wer ihn auf die Liste jener gesetzt hatte, die beim Aufgriff an der Schweizer Grenze nicht zurückgeschickt werden durften, ist bis heute ein Rätsel. “Deswegen habe ich es ‘meine rätselhafte jüdische Familie’ genannt.”

Barbara Klein hat sich entschlossen, auch sich selbst und ihre Kindheit in das Buch einzuarbeiten. Erinnerungen an ihr eigenes Aufwachsen sind ein parallel geführter zweiter Erzählstrang, und er ist bei der Lektüre fast genauso bitter wie der erste. Ihr Vater, der Intellektuelle, der beim Hören von Musik dahinschmolz und als geistreicher Gastgeber der musikalischen Prominenz (bis zu Leonard Bernstein, der die erschrockene kleine Barbara mit einem feuchten Schmatz bedachte) beliebt war, war mit dem Pracker ein grausamer Exekutor mütterlicher Strenge.

“Eine völlig unhappy family”

“Im Alter hat mein Vater so 25, 30 Seiten über sein Leben geschrieben, über seine Karriere, die Freimaurer, die Musik, und über seinen Stolz auf die vier Kinder und die wunderbare Ehefrau. Alles so happy family. Und nichts davon war wahr. Wir waren eine völlig unhappy family. Das ist einfach die Wahrheit. Diese schwarze Pädagogik hat es ja nicht nur bei uns gegeben. Jeder Krieg hinterlässt Narben und Spuren in den späteren Generationen. Ich wollte die Auswirkungen zeigen. Wir alle leiden darunter, und je mehr geschwiegen wird, desto mehr leiden wir. Auch die, die ‘davongekommen’ sind.” Im Schweigen hätten sich die Opferfamilien von den Täterfamilien nicht unterschieden, sagt Klein. “Das muss jetzt einfach behandelt werden, sonst ist es zu spät.”

Im Buch schildert sie eine bedrückende Episode. Kurz vor seinem Tod habe der Vater ihr und einem Bruder unabhängig voneinander dieselbe Frage gestellt: “War ich wirklich so ein schrecklicher Vater?” Und beide Kinder hätten ihm ohne zu zögern dieselbe Antwort gegeben: “Ja.” Dass sie dann, “in einer Familie, in der so wenig Liebe war”, auf ganze Stapel von Liebesbriefen, zwischen ihren Großeltern und zwischen ihren Eltern stieß, hat sie buchstäblich umgehauen. “Wie aus Liebe plus Liebe so eine Katastrophe entstehen kann, weiß ich nicht.”

Theresienstadt. Treblinka. Auschwitz.

Die selbst erlebten familiären Katastrophen schildert Barbara Klein in dem Buch bis zum Tod der Eltern. Was die Katastrophe des Holocaust in ihrer Familie angerichtet hat, ist ihr erst durch ihre Recherchen wirklich bewusst geworden: Der schon von ihrem Vater begonnene Stammbaum ist weitgehend ergänzt, die Abgebildeten selbst auf uralten Familienfotos konnten bis auf wenige Ausnahmen mit Namen versehen werden – doch die Sterbeorte von vielen sind die Schreckensstätten des 20. Jahrhunderts: Theresienstadt. Treblinka. Auschwitz.

Bald wird die Wohnung an der Linken Wienzeile von den Kisten, die Kleins Leben in den vergangenen Jahren bestimmt haben, befreit. Dann bleiben nur noch die Plakate und Dokumente, die von einem selbstbestimmten, emanzipierten, kämpferischen Künstlerinnenleben in einer Zeit des Aufbruchs zeugen, übrig. Wird das auch einmal in Buchform aufgearbeitet? Barbara Klein lächelt: “Vielleicht mache ich das ja auch noch.”

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

(S E R V I C E – Barbara Klein: “Soweit alles in Ordnung. Meine rätselhafte jüdische Familie”, Picus Verlag, 208 Seiten, 25 Euro, Buchpräsentationen am 13.10., 19.30 Uhr, im Theater Nestroyhof Hamakom, Wien 2, Nestroyplatz, und am 29.10., 20 Uhr, im Kosmos Theater, Wien 7, Siebensterngasse 42)

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