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Eine Drehtür, zwei Frauen, High Heels: Der heurige Trailer von Regisseurin Kelly Reichardt demonstriere “das Handwerk hinter der Chemie des Kinos”, sagte Viennale-Direktorin Eva Sangiorgi bei der Programmpräsentation Dienstagabend. Diese Sequenzen seien aus “The Mastermind” wieder herausgefallen. Die 64. Festivalausgabe wartet mit einer Melange aus Festivalgewinnern, Stars, Filmperlen, Gesprächen und sperriger Avantgarde auf. Der Kartenverkauf startet am 17. Oktober.
Ein Spoiler ist erlaubt: Die Viennale-Eröffnung wird kurz und knackig. Denn das größte Filmfestival des Landes eröffnet am 22. Oktober mit Johann Lurfs 21-minütigem Essayfilm “Forever … Forever” über den Stausee Ottenstein auf 70mm. “Es war ein großartiges Jahr für heimischen Film”, betont Sangiorgi im Metro Kinokulturhaus. Neben dem Eröffnungsfilm wird auch einem Austro-Werk zum Finale der Viennale am 3. November der rote Teppich ausgerollt: dem Porträtfilm “The Lonliest Man in Town” von Tizza Covi und Rainer Frimmel über den Wiener Bluesmusiker Al Cook alias Alois Koch. Dem vielfach preisgekrönten Regieduo ist auch die Schriftreihe “Textur” gewidmet. “Sie stehen für ein Kino, an das wir glauben und für das wir einstehen”, betont Sangiorgi.
Ausgezeichnete Werke im Talon
Dazwischen sind die u.a. in Cannes ausgezeichneten Koproduktionen “Everytime” von Sandra Wollner oder “Das geträumte Jahr” von Valeska Grisebach erstmals in Österreich zu sehen. Sebastian Brameshuber stellt neben vielen anderen seinen Roadtrip “London” vor, Katharina Rabl ihren in Toronto uraufgeführten Film “Erinnerungen eines Waldes” und Andrina Mračnikar ihren soeben in Zürich mit dem Publikumspreis ausgezeichneten Partisaninnenfilm “Mila/Marija” über ein bis dato wenig beleuchtetes Kapitel im bewaffneten Widerstand im Kärntner-slowenischen Grenzgebiet.
Stars im Anflug
Der ein oder andere Star wird heuer in den Herbstferien nicht nur über die Viennale-Leinwände flimmern, sondern auch Wien beehren: Die omnipräsente Choreografin Florentina Holzinger präsentiert im Heimspiel ihren neuen Film “Eternity” von Susanne Regina Meures, in dem sie mit ihrer Truppe spektakuläre Stunts im ewigen Eis vollzieht. Frankreichs Schauspieldiva Isabelle Huppert hat mit “Histoires parallèles” von Massoumeh Lahidji und “Die Blutgräfin” von Ulrike Ottinger gleich zwei Filme im Gepäck. In letzterem wirken auch Birgit Minichmayr und Lars Eidinger mit. Der wiederum, auch das hat Tradition, wird einen Abend als DJ in einer seiner Lieblingsrollen rutschen. Der deutsche Liedermacher und Dichter Wolf Biermann stellt Jens Meurers Doku “Biermann” selbst vor.
Zudem haben sich internationale Regiegrößen mit ihren jüngsten Arbeiten angemeldet: Ira Sachs kommt mit “The Man I Love”, der rumänische Filmemacher Radu Jude mit “Le Journal d’une femme de chambre”, der deutsche Regiealtmeister Volker Schlöndorff mit “Heimsuchung – Eine Jahrhundertgeschichte” und seiner Hauptdarstellerin Martina Gedeck. Nina Hoss, die zuletzt in London mit Cate Blanchett auf der Bühne gestanden ist, hat sich ebenso angesagt, um “Die andere Seite” von Mariko Minoguchi vorzustellen. Nicht fehlen dürfen der Cannes-Gewinner “Fjord” des rumänischen Regisseurs Christian Mungiu oder der Venedig-Hit “Wild Horse Nine” von Martin McDonagh.
581 Stunden Kino
“Der Großteil unseres Programms ist dem Gegenwartskino gewidmet”, betont Sangiorgi. Dabei seien Arbeiten aus insgesamt 71 Ländern vertreten. Die Viennale zeigt 261 Filme – einer davon ist schon traditionell der Überraschungsfilm – in 330 Vorstellungen. Einschließlich aller Wiederholungen ergibt das 581 Stunden Kino in Wien von Frühstück- bis Nachtscreenings. Bespielt werden fünf Kinos mit sechs Sälen, die Filme digital (DCP), Super8, 16mm, 35mm projizieren können. “Nur 33 Prozent der Filme dieses Jahrgangs stammen von Regisseurinnen”, heißt es im Programmheft.
Scheinwerfer auf eine “zweischneidige Figur”
Jede Menge Retrospektiven sind im Programm vertreten: Kinematografien sind u.a. der Journalistin Jocelyne Saab (1948-2019) gewidmet, die in den 1970ern im Libanon als Kriegsberichterstatterin tätig war. In Zusammenarbeit mit dem Filmarchiv Austria hat man die Reihe “Alles bunt und wunderbar?” kuratiert und rückt fünf Austro-Filme der 1990er in den Fokus – u.a. den selten zu sehenden Film “Ternitz Tennessee” von Mirjam Unger. “Die Reihe stellt den Versuch dar, die großen Umbrüche in dieser Dekade anhand von fünf Filmen abzubilden”, sagt Kurator Florian Widegger. Das Kino hätte sich zu dieser Zeit von Erzählstrukturen gelöst, sei “offener und poppiger” geworden.
Die große Retrospektive mit dem Filmmuseum widmet sich Robert Aldrich (1918-1983). Kurator Christoph Huber nennt ihn eine “zweischneidige Figur”. Ein Filmemacher, der aus einer der reichsten Familien der USA komme, eines der größten Talente gewesen sei und es sich immer wieder mit allen verscherzt habe. “Denken Sie daran, es kann das letzte Mal sein, einen Film auf einer 35-mm-Kopie zu sehen”, so Huber.
Neue Initiativen für die junge Generation
Das erste Mal Filmkultur – das könnte es für Teile des jungen Publikums werden. Neben einem eigenen Ferien-Abo startet heuer auch die Viennale Debut Card, die sich an Jugendliche ab 14 Jahren richtet. “Diese können den Besuch von 19 mit der Bildungsdirektion ausgewählten Filmen zu einem Sonderpreis sehen”, sagt Sangiorgi. Es seien Filme, die sich mit dem “Zustand der Welt”, mit “Vergangenheit und Gegenwart” oder mit “politischem Engagement” beschäftigen. Zuerst Kino, dann Party: Die Festivalzentrale befindet sich heuer im Funkhaus. Was dort aufs Publikum wartet: “Drei Konzerte, vier Gespräche, fünf Partys”, fasst es die Direktorin zusammen.
(S E R V I C E – Der Kartenverkauf startet am Samstag, 17. Oktober um 10 Uhr. www.viennale.at )




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