Nivedita begibt sich auf eine komplexe Suche nach Identität

“Identitti”: Was ist eine Identität?

Sonntag, 08. November 2026 | 07:24 Uhr

Von: importer

Vor rund fünf Jahren sorgte die Autorin und Kulturwissenschafterin Mithu Sanyal mit ihrem Romandebüt “Identittii” für Aufsehen, jetzt kommt die Verfilmung des Buches ins Kino. Regisseurin Randa Chahoud erzählt darin die Geschichte einer Universitätsprofessorin für postkoloniale Studien, die als Hochstaplerin enttarnt wird, als Mischung aus Gesellschaftskritik und Bollywoodkomödie. Ab Donnerstag im Kino.

Die Geschichte: Die Universität Düsseldorf gerät weltweit in die Schlagzeilen als sich herausstellt, dass die gefeierte Professorin Saraswati (Stephanie Eidt), die sich als “Person of Colour” (PoC) ausgibt, in Wahrheit weiß ist. Es geht um Fragen nach kultureller Aneignung, nach Cancel-Culture, Zugehörigkeit und Identität. Um Black Empowerment und Female Empowerment. Produziert wurde der Film mit einem überwiegend weiblichen Team, auch im Film selbst sind männliche Figuren Nebenrollen.

Studentin deckt Lebenslüge der Professorin auf

Aufgedeckt wird der Wissenschaftsskandal ausgerechnet von einer der größten Anhängerinnen der Professorin: der Studentin Nivedita (Amanda Babaei Vieira), die sich als “Identitti” in ihrem Podcast mit ihrem Alltag als junge Frau mit ausländischen Wurzeln in Deutschland auseinandersetzt. Sie findet ein altes Foto ihrer Lieblingsprofessorin, auf dem sie blond und helläugig ist, forscht weiter nach und konfrontiert die Frau, die sie bis dato so bewunderte, mit deren Lebenslüge.

Göttliche Unterstützung von Sabrina Setlur

Unterstützung bekommt sie dabei von der Göttin Kali, die als Alter Ego in zunächst gewöhnungsbedürftig erscheinenden, bollywoodesken Szenen vor ihrem inneren Auge auftaucht und sie in imaginären Zwiegesprächen immer wieder dazu zwingt, genauer hinzusehen, nach Saraswatis Motiven zu fragen und sich auch mit ihrer eigenen Identität differenzierter als bis dato auseinanderzusetzen.

Kali wird gespielt von einer Frau, die man bisher eher mit Musik in Verbindung gebracht hat als mit dem Kino: Rapperin Sabrina Setlur gibt die innere Stimme der Studentin in bunten, oft tanzenden Auftritten.

“Zum einen ist ja Kali das Alter Ego, von Nivedita und ich habe auch jahrelang wirklich nach meinem Alter Ego gesucht. Ich hätte gern so eine Kali gehabt, die einem mal so ins Gewissen redet, beziehungsweise – ich sag’s mal jetzt humorvoll – in den Arsch tritt. Und da habe ich gedacht: Vielleicht finde ich ja mein Alter Ego, wenn ich das Alter Ego spiele.”

Viele der Themen, die der Film anspricht, seien auch ihre Lebensthemen, sagt die 52-Jährige im dpa-Interview. Setlur wurde als Tochter indischer Einwanderer in Frankfurt am Main geboren und hatte in den 1990er Jahren ihren Durchbruch mit dem Rap-Projekt “Schwester S.” – produziert von Moses Pelham.

“Ich war halt die erste weibliche PoC, die Deutsch gerappt hat. Also weiblich, PoC, Rap. Das sind schon mal drei Sachen, die auf einmal auf mich prallen. Und natürlich war das für die Leute erstmal so: Was ist das? Die konnten mich überhaupt nicht einordnen”, sagte sie über ihre Anfänge als Musikerin in den 1990er Jahren. “Menschen neigen dazu, Schubladen zu erfinden, und ich hatte eigentlich in keine Schublade so richtig gepasst. Und das habe ich schon gespürt.”

“Kein plakativer Film”

Inzwischen ist Setlur auch schon mehrfach in Film und Fernsehen zu sehen gewesen, meist in eher kleineren Rollen. An der “Identitti”-Verfilmung von Regisseurin Chahoud gefalle ihr, dass sie es sich damit nicht einfach gemacht habe. “Sie wollte keinen plakativen Film machen – hier Gut, da Böse, hier Schwarz, da Weiß”, sagt Setlur. “Ich finde es zum Beispiel nicht per se ausschließlich schlecht oder böse, wenn jemand seine Identität verleugnet.”

Es gebe viele Menschen, die mit einer anderen Identität als ihrer angeborenen glücklicher seien. “Ich meine, auch im Film hat Saraswati im Endeffekt ja niemanden physisch damit verletzt. Und ich muss jetzt nicht PoC sein, um die Meinung der PoCs zu vertreten”, sagt Setlur.

Der Film thematisiere Bereiche, die sie selbst nie angesprochen habe – obwohl sie in ihrem Leben stets präsent gewesen seien: “Deswegen fand ich den Film so spannend, weil es eigentlich genau die Probleme widerspiegelt, die ich auch jahrelang hatte: Ich war zu weiß, um schwarz zu sein, und ich war zu schwarz, um weiß zu sein. Und das ist oft sehr problematisch, weil man einfach nicht weiß, wo gehört man hin”, sagt Setlur.

“Und überhaupt, dass man das stigmatisieren muss in Farben. Was soll das?” Identitti wirft so viele Fragen auf, die nicht alle beantwortet werden, die aber dafür sorgen, dass es im Kopf anfängt, zu arbeiten und dass man sich selbst die Frage stellt: Was ist eigentlich meine Identität?”

(Von Britta Schultejans/dpa)

(S E R V I C E – www.polyfilm.at/film/identitti )

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