Von: importer
Zwei Auftragskiller verstecken sich in Brügge. Eine Mutter mischt mit drei Plakatwänden eine Kleinstadt in Missouri auf. Und zwei Freunde zerstreiten sich auf einer irischen Insel heillos. Mit “Brügge sehen… und sterben?”, “Three Billboards Outside Ebbing, Missouri” und “The Banshees of Inisherin” hat sich Martin McDonagh einen Ruf als Meister des schwarzen Humors erarbeitet. Nun kommt mit “Wild Horse Nine” am Donnerstag sein neuer Film in die Kinos.
In “Wild Horse Nine” schickt der britisch-irische Autor und Regisseur zwei befreundete CIA-Agenten (John Malkovich und Sam Rockwell) ans Ende der Welt. Die Tragikomödie spielt 1973 in Chile, kurz vor dem Militärputsch gegen Präsident Salvador Allende. Über allem schwebt zudem das Attentat auf John F. Kennedy zehn Jahre zuvor. Dennoch ist der Film über weite Strecken urkomisch.
“Ich glaube, Martin hat den richtigen Ton gefunden”, sagt Malkovich (72) im dpa-Interview. “Das Kennedy-Attentat 1963 und der Putsch in Chile 1973 sind zwei Wolkenkratzer des Traumas, die diese Geschichte einrahmen. Dadurch haben wir die Freiheit, viel Quatsch zu reden – weil den Leuten bewusst ist, wie viel Leid diese Ereignisse für die Menschen und die Gesellschaft bedeutet haben.”
CIA-Agenten im Urlaub
Die Geschichte beginnt in Santiago de Chile. Die CIA-Agenten Chris (Malkovich) und Lee (Rockwell) sollen 1973 dabei helfen, die Regierung des demokratisch gewählten sozialistischen Präsidenten zu stürzen. Kurz vor dem Putsch schickt ihr grantiger Chef MJ (Steve Buscemi) die beiden auf die Osterinsel, mitten im Pazifik.
Chris ist ein Veteran unzähliger verdeckter Operationen, von Guatemala bis zum Kongo. Doch inzwischen ist er desillusioniert und stellt sich zunehmend moralische und philosophische Fragen. Er ist unheilbar an Krebs erkrankt, vergesslich und erzählt Fremden unvermittelt von seinem Beruf, was Lee immer wieder Unbehagen bereitet. Außerdem arbeitet Chris an seinen Memoiren, die nach Ansicht von MJ niemals erscheinen dürfen.
Zwischen den riesigen Steinstatuen freundet sich Chris mit zwei jungen chilenischen Studentinnen an (Mariana Di Girolamo und Ailín Salas), die noch nichts von dem Putsch ahnen, den die beiden CIA-Agenten mit eingeleitet haben. Das Duo ist aber noch aus einem anderen Grund auf der Insel. Chris hat Lee um einen Gefallen gebeten, an den er sich selbst aber nicht mehr erinnern kann.
Rockwell: “Manchmal ist Amerika der Bösewicht”
Obwohl der Film in der Vergangenheit spielt, erzähle er viel über die Gegenwart, sagt Martin McDonagh. Rockwell, der für “Three Billboards” den Oscar als bester Nebendarsteller erhielt, sieht es genauso. “Amerika war im Kino immer so etwas wie der Held. In diesem Film ist das nicht so sehr der Fall”, sagt der 58-jährige Rockwell im dpa-Interview. “Wahrscheinlich ist es so – nein, es ist schon lange so: Manchmal ist Amerika der Bösewicht.”
Sorge, dass der Film das US-Publikum spalten könne, hat Rockwell nicht. Im Gegenteil. “Hoffentlich gibt es unterschiedliche Meinungen”, sagt er. “Der Film erzählt von einer ganz bestimmten Zeit. Wir werden sehen.”
Malkovich: “Ein ziemlich schrecklicher Mensch”
Kann man im Auftrag seiner Regierung Schreckliches tun und trotzdem ein guter Mensch sein? Das ist eine der Fragen, mit denen sich “Wild Horse Nine” beschäftigt. Malkovich glaubt nicht daran. “Ich halte nichts davon, dass der Zweck die Mittel heiligt. Das tut er nicht”, sagt er. “Wie man ein Ziel erreicht, ist mindestens genauso wichtig wie das Ziel selbst.” Chris sei unterm Strich wohl “ein ziemlich schrecklicher Mensch, der gelegentlich etwas Gutes getan hat”.
Bei den Filmfestspielen in Venedig wurde Malkovich als bester Darsteller ausgezeichnet, bei der Premiere gab es minutenlange Standing Ovations. Der 72-Jährige ist grandios in der Rolle, die ihm nach zwei Oscar-Nominierungen (“Ein Platz im Herzen” und “In the Line of Fire – Die zweite Chance”) endlich die Trophäe einbringen könnte. Sein Chris ist zynisch und urkomisch, aber er ist auch verletzlich und zutiefst berührend – eine sensationelle Leistung.
Sam Rockwell, mit dem Malkovich auch im echten Leben gut befreundet ist, brilliert als sein Gegenpart: trocken, sarkastisch und mindestens ebenso witzig. Und Steve Buscemi, einst Spezialist für neurotische Kleinganoven und schräge Verlierer (“Reservoir Dogs”, “Fargo”), amüsiert als strenger, verschrobener CIA-Chef. Parker Posey (“The White Lotus”) spielt Lees untreue Ehefrau Marge. Eine kleine Rolle hat Musiklegende Tom Waits.
Geniale Dialoge, herrliche Bilder
Es gibt auch etwas Action. Aber “Wild Horse Nine” lebt vor allem von seinem Humor und den originellen Dialogen. So behauptet Chris, er habe Menschen in Ländern umgebracht, die Lee nicht buchstabieren könne, und erklärt, was Käse über den Charakter einer Nation aussagt. Man könnte den pointierten Wortgefechten des Duos stundenlang zuhören.
Der Film hat einen stimmigen 70er-Jahre-Look. Kameramann Ben Davis, der schon “Three Billboards” und “The Banshees of Inisherin” drehte, fängt die raue, grüne Landschaft der Osterinsel mit ihren Steinköpfen und Wildpferden wunderschön ein. Carter Burwell (“Fargo”) liefert dazu melancholische Musik, die mitunter an Western erinnert.
McDonagh gelingt es erneut, Themen wie Tod, Schuld und Freundschaft in einem Film zu verarbeiten und gleichzeitig für Gelächter zu sorgen. Sein feines Gespür für die Balance zwischen Tragik und Komik und die Spielfreude seiner Stars machen “Wild Horse Nine” zu einem der Höhepunkte des Kinojahres.
(Von Philip Dethlefs/dpa)
(S E R V I C E – www.searchlightpictures.com/wild-horse-nine )




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