Fachtagung des Südtiroler Armutsnetzwerks

“Bildungschancen dürfen nicht von der Herkunft abhängen”

Samstag, 17. Oktober 2026 | 16:33 Uhr

Von: Redaktion Südtirol News

Bozen – Südtirol verfügt über ein vielfältiges Bildungsangebot. Dennoch haben nicht alle Menschen die gleichen Chancen, es zu nutzen und ihre Fähigkeiten zu entfalten. Welche Hindernisse Bildungswege erschweren, wen sie besonders betreffen und was es braucht, um mehr Bildungsgerechtigkeit zu erreichen, stand im Mittelpunkt der ersten Fachtagung des Südtiroler Armutsnetzwerks „Alle gegen Armut“. Die Tagung fand am Internationalen Tag zur Beseitigung der Armut in Bozen statt.

Bildung eröffnet Perspektiven, stärkt die Selbstbestimmung und ermöglicht gesellschaftliche Teilhabe. Sie begleitet Menschen von der frühen Kindheit an und findet nicht nur in der Schule oder Ausbildung statt, sondern auch in der Familie, am Arbeitsplatz, im Verein und im gesellschaftlichen Miteinander. Die Voraussetzungen, Bildungsangebote zu nutzen und eigene Potenziale zu entwickeln, sind jedoch unterschiedlich. Die familiäre Situation, finanzielle Möglichkeiten, Sprachkenntnisse, das soziale Umfeld und der Zugang zu Unterstützung beeinflussen die Bildungswege maßgeblich.

„Bildungsarmut hat viele Ursachen und bedeutet, dass manche Menschen aufgrund ihrer Lebensumstände nicht die gleichen Chancen haben wie andere“, erklärte Elisa Berger, Koordinatorin des Armutsnetzwerks. “Fehlt das Geld, die Zeit oder sind die Lebensbedingungen instabil kann das die Entwicklungsmöglichkeiten einschränken. Entscheidend sei, dass Menschen ihre Fähigkeiten entdecken und weiterentwickeln können. Bildung eröffne nicht nur Perspektiven für Ausbildung und Beruf, sondern auch Zugänge zu sozialen Beziehungen, Kultur und Sport.”

Die Forscherin Daniela Mesini vom Istituto per la Ricerca Sociale in Bologna betonte, dass Bildungsarmut eng mit sozialer Ungleichheit verbunden sei. “Die familiäre und wirtschaftliche Situation sowie der Zugang zu Kinderbetreuung, Bildungsangeboten und Unterstützungsleistungen prägen die Lern- und Entwicklungsmöglichkeiten junger Menschen. Um Bildungsarmut wirksam zu bekämpfen, brauche es abgestimmte Maßnahmen, die über den Bildungsbereich hinausgehen.”

Evan Tedeschi von der Freien Universität Bozen präsentierte Ergebnisse einer Untersuchung zur Kinder- und Jugendarmut in Südtirol. “Diese zeigen Zusammenhänge zwischen Benachteiligungen und dem psychischen Wohlbefinden, den Beziehungen zu Gleichaltrigen sowie den schulischen Leistungen von Kindern und Jugendlichen. Die Ergebnisse unterstreichen, wie wichtig es ist, Belastungen früh zu erkennen und Unterstützungsangebote an den Bedürfnissen der Familien auszurichten.”

Christa Ladurner, Soziologin beim Forum Prävention, stellte Bildungsarmut in einen umfassenderen gesellschaftlichen Zusammenhang. Sie zeigte auf, wie Wohnverhältnisse, prekäre Beschäftigung, finanzielle Unsicherheit und soziale Isolation die Entwicklungschancen von Kindern beeinflussen können. “Für mehr Chancengerechtigkeit seien frühe Förderung, Sprachbildung, gut zugängliche Betreuungsangebote und niedrigschwellige Unterstützung für Familien entscheidend. Die soziale Herkunft dürfe nicht darüber bestimmen, welche Zukunftsmöglichkeiten ein Kind hat.”

Chancengerechtigkeit ist eine gemeinsame Aufgabe

Beim anschließenden runden Tisch diskutierten Gustav Tschenett, Direktor der Deutschen Bildungsdirektion und Rolanda Tschugguel, Direktorin der Abteilung Bildungsförderung in Vertretung von Landesrat Philipp Achammer , Landesrat Marco Galateo, der Präsident vom Südtiroler Wirtschaftsring Lukas Brunner, Verena Wachter, Katholischer Familienverband, Petra Priller, Schuldnerberatung Caritas und Florian Prinoth, Direktor der Sozialdienste der Bezirksgemeinschaft Burggrafenamt über Strategien zur Bekämpfung von Bildungsarmut. Im Mittelpunkt standen das frühzeitige Erkennen von Benachteiligungen, die bessere Vernetzung bestehender Unterstützungsangebote und verlässliche Rahmenbedingungen für Kinder, Jugendliche und ihre Familien.

“Die Tagung machte deutlich, dass Bildungsarmut nicht allein durch Schulen oder einzelne Institutionen bekämpft werden kann. Es braucht langfristiges Engagement und die Zusammenarbeit von Bildungseinrichtungen, sozialen Diensten, Vereinen, Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Ziel muss es sein, Barrieren abzubauen und allen Menschen – unabhängig von ihrer Herkunft, ihren finanziellen Möglichkeiten oder einer Beeinträchtigung – faire Chancen zu eröffnen, ihre Fähigkeiten zu entwickeln und selbstbestimmt am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben”, heißt es abschließend.

Bezirk: Bozen

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