Von: Redaktion Südtirol News
Bozen – Die extremen Temperaturen des vergangenen Sommers haben Südtirols Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer auf eine harte Probe gestellt – insbesondere in der Landwirtschaft und im Baugewerbe. Betriebliche Präventionsmaßnahmen konnten diese Risiken nur teilweise abfedern. „Was uns bei der Erhebung überrascht hat“, betont AFI-Direktor Stefan Perini, „ist das geringe Bewusstsein und die mangelnde Schulung der Arbeitnehmenden über die neuen Gefahren in Zusammenhang mit den Hitzewellen und die Strategien zu deren Bewältigung.“
Wie stark hat die extreme Sommerhitze die Südtiroler Arbeitnehmenden belastet? Und wie haben sich die Arbeitgeber aufgestellt, um den daraus resultierenden neuen Gesundheits- und Sicherheitsrisiken zu begegnen? Die Bilanz aus dem aktuellen Herbst-Barometer des AFI | Arbeitsförderungsinstituts fällt grundsätzlich positiv aus: Obwohl die hohen Temperaturen spürbare Belastungen mit sich gebracht haben, zeugen die Rückmeldungen von breiten Präventionsbemühungen – wenngleich mit deutlichen Unterschieden zwischen den Wirtschaftssektoren.
Südtirol erlebte in den vergangenen Monaten zahlreiche Hitzewellen: In der Landeshauptstadt stiegen die Temperaturen an 27 Tagen über die 35-Grad-Marke, mit Spitzenwerten von 38,9 Grad zwischen Ende Juli und Anfang August. Dies ist längst kein vorübergehender Ausnahmezustand mehr, sondern eine neue Normalität. Sie erfordert strukturelle und vorausschauende Konzepte, um die Sicherheit am Arbeitsplatz durch Vorbeugung, Planung und Schutzmaßnahmen dauerhaft zu gewährleisten. Vor diesem Hintergrund hat das AFI untersucht, wie die Beschäftigten die Hitzewellen erlebt haben und in welchem Ausmaß betriebliche Gegenmaßnahmen bereits greifen.
Der Einfluss der Hitze auf das Wohlbefinden der Arbeitnehmenden
Jede dritte Arbeitskraft berichtet, dass die extreme Hitze das eigene Wohlbefinden stark beeinträchtigt hat – vor allem am Arbeitsplatz (36 Prozent) sowie auf dem Weg zwischen Wohnung und Arbeitsstätte (37 Prozent). Besonders betroffen sind die Beschäftigten in der Landwirtschaft: Die überwiegende Mehrheit gibt an, die Auswirkungen am Arbeitsplatz (81 Prozent) und auf dem Arbeitsweg (62 Prozent) eher oder sehr stark zu spüren (Bewertung von sieben oder höher auf einer Skala von null „wenig“ bis zehn „sehr“). Auch im Baugewerbe war die Belastung beträchtlich (51 Prozent am Arbeitsplatz, 47 Prozent auf dem Weg), während die Beschäftigten im Verarbeitenden Gewerbe und bei den „Anderen Dienstleistungen“ die Folgen als weniger einschneidend bewerten.
Die Landwirtschaft sticht durch besonders hohe Anteile jener hervor, die Einbußen bei der eigenen Produktivität (69 Prozent) und der Konzentrationsfähigkeit (79 Prozent) wahrnehmen oder ein gestiegenes Unfallrisiko (60 Prozent) sehen. Auch im Baugewerbe nimmt jede dritte Arbeitskraft ein deutlich gesteigertes Unfallrisiko wahr.
Wer im Freien arbeitet, leidet stärker unter der Hitze
Nur 22 Prozent der vom AFI befragten Personen geben an, täglich zumindest einige Stunden im Freien zu arbeiten. Die bislang genannten Werte beziehen sich folglich größtenteils auf Beschäftigte in geschlossenen Räumen. Betrachtet man isoliert jene Gruppe, die mindestens einige Stunden unter freiem Himmel tätig ist, steigt der Anteil jener, die sich bei der Arbeit eher oder sehr stark von der Hitze beeinträchtigt fühlten, auf 56 Prozent – mit Höchstwerten in der Landwirtschaft, im Verarbeitenden Gewerbe und im Baugewerbe. Auch das Empfinden von Produktivitätsverlusten, Konzentrationsschwächen und der Unfallgefahr hängt stark davon ab, ob die Tätigkeit drinnen oder draußen ausgeübt wird: Wer im Freien arbeitet, schätzt diese Risiken fast doppelt so hoch ein wie der Gesamtdurchschnitt der Befragten. Erneut heben sich hierbei das Verarbeitende Gewerbe und die Bauwirtschaft von anderen Sektoren ab.
Reorganisation der Arbeitszeiten bleibt die Ausnahme
Die von den Arbeitgebern ergriffenen Präventionsmaßnahmen fielen unterschiedlich aus und wurden in den einzelnen Branchen heterogen umgesetzt. Insgesamt geben 75 Prozent der befragten Beschäftigten an, dass in den Sommermonaten zusätzliche, über das reguläre Maß hinausgehende Vorkehrungen ergriffen wurden (sei es durchgehend, gelegentlich oder selten). Bei 54 Prozent der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer wurden diese Schutzmaßnahmen während der Hitzewellen kontinuierlich aufrechterhalten. Am stärksten engagierten sich das Verarbeitende Gewerbe (70 Prozent feste und dauerhafte Maßnahmen), der Handel (68 Prozent) und das Gastgewerbe (62 Prozent). In der Landwirtschaft und im Bau fielen die Vorkehrungen hingegen sporadischer aus; in der Landwirtschaft berichtet gar jede dritte Arbeitskraft (33 Prozent), dass keinerlei zusätzliche Maßnahmen zu den bestehenden Vorkehrungen getroffen wurden.
Zu den häufigsten betrieblichen Maßnahmen zählten die kostenlose Ausgabe von Mineralwasser (77 Prozent der Befragten), die Gewährung längerer oder häufigerer Ruhepausen (73 Prozent) sowie die Bereitstellung zusätzlicher Kühlsysteme oder Ventilatoren (68 Prozent). Die Reorganisation der Arbeitszeiten war hingegen keine weit verbreitete Strategie: Insbesondere in der Landwirtschaft gaben nur 29 Prozent an, dass die Arbeitszeiten angepasst wurden (im Baugewerbe waren es 52 Prozent).
Nachholbedarf bei Schulung und Sensibilisierung
Die gezielte Information über physische und psychische Belastungen infolge extremer Hitze ist ein Grundpfeiler des betrieblichen Arbeitsschutzes. Symptome rechtzeitig zu erkennen und bei hitzebedingten Erkrankungen oder Unfällen adäquat zu reagieren, versetzt Beschäftigte erst in die Lage, aktiv und eigenverantwortlich am Schutzkonzept mitzuwirken. Dennoch geben 59 Prozent der Befragten an, keine derartigen Informationen erhalten zu haben. In den am stärksten exponierten Branchen liegt dieser Mangel noch deutlich höher: Im Baugewerbe wurden 64 Prozent nicht geschult – und in der Landwirtschaft haben sogar 95 Prozent keinerlei Unterweisung erhalten, wie mit den Gefahren extremer Hitze umzugehen ist.




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