Wenn Digitalisierung zur Zugangshürde wird

Hausarzt nur noch per App: Ältere Patienten fühlen sich abgehängt

Freitag, 02. Oktober 2026 | 10:18 Uhr

Von: Lukas Unterkofler

Bozen/Leifers – Digitalisierung kann Abläufe im Gesundheitswesen erleichtern, stellen aber zugleich für ältere und weniger digital affine Menschen eine Zugangshürde dar.

Das zeigt der Fall eines 84-jährigen Patienten aus Leifers, dessen Hausarzt die Ordination künftig ohne Sekretariat organisiert. Termine, Impfungen und bestimmte Rezeptanfragen sind nur noch über eine App möglich. Der Mann kann zwar E-Mails nutzen, hat aber Schwierigkeiten mit Apps und PDF-Anhängen und allein gelassen.

„Mein Hausarzt ist digital geworden“, berichtet Giampietro Martinelli gegenüber der Zeitung Alto Adige. Sein Hausarzt habe angekündigt, die Ordination ab November an einem neuen Standort ohne Sekretariat weiterzuführen.

Die rund 1.700 Patienten wurden darüber informiert, dass Termine künftig ausschließlich über eine App vereinbart werden können. Auch Impfungen sowie bestimmte Rezeptanfragen sollen digital abgewickelt werden. WhatsApp, SMS, E-Mail oder Sprachnachrichten gelten laut Mitteilung nicht als Zugang zur Ordination. Wer technische Schwierigkeiten hat, konnte sich im Oktober noch an die bisherige Sekretärin wenden. Danach müssen sich Patienten laut dem Schreiben gegebenenfalls von Angehörigen helfen lassen.

Für Martinelli ist das problematisch. „Ich habe dem Arzt gesagt, dass ich keine Apps benutzen kann. Mir wurde geantwortet, ich solle mir von jemandem helfen lassen.“ Doch der 84-Jährige und seine 82-jährige Frau haben keine Kinder. „Von wem sollen wir uns helfen lassen?“, fragt er. Für ihn dürfe die Digitalisierung nicht dazu führen, dass der Zugang zur Gesundheitsversorgung schwieriger werde.

Auch Physiotherapie nur digital erreichbar

Zusätzliche Schwierigkeiten habe es bei der Behandlung seiner Frau gegeben. Nach einem Sturz und einem gebrochenen Arm benötigt sie Physiotherapie. Trotz einer dringlichen Verschreibung sei ihm mitgeteilt worden, dass er den Termin nicht telefonisch vereinbaren könne, sondern dies per E-Mail mit entsprechenden Anhängen erledigen müsse.

Die Patientenrechtsvertretung sieht darin ein grundsätzliches Problem. Die Digitalisierung sei grundsätzlich eine wichtige Ressource und könne viele Abläufe vereinfachen, dürfe aber nicht zur Zugangshürde werden, sagt deren Direktor Stefano Mascheroni.

Besonders betroffen seien ältere Menschen, Alleinstehende, Menschen mit Behinderungen oder kognitiven Einschränkungen sowie Personen mit geringen digitalen Kenntnissen. Nicht jeder habe Angehörige, die bei Apps, Online-Buchungen oder digitalen Dokumenten helfen könnten.

„Der Arzt hat das Recht, seine Ordination zu organisieren. Der Patient hat das Recht, Zugang zur Behandlung zu haben“, fasst Mascheroni die beiden Interessen zusammen. Beides müsse miteinander vereinbar sein.

Auser fordert „doppelten Zugang“

Auch der Seniorenverband “Auser” spricht sich für einen sogenannten doppelten Zugang aus. Maurizio Surian verweist auf den digitalen Schalter der Organisation, bei dem ältere Menschen unter anderem Unterstützung bei der Aktivierung von SPID und CIE erhalten. Anschließend kämen viele Senioren, um etwa ihre Gesundheitsakte herunterzuladen.

Die Digitalisierung sei grundsätzlich sinnvoll, erklärt Surian. Allerdings gebe es weiterhin eine große Bevölkerungsgruppe, die digitale Angebote nicht selbstständig nutzen könne. Für ältere Menschen müsse deshalb neben dem digitalen Weg auch eine analoge Möglichkeit erhalten bleiben.

Bezirk: Bozen, Überetsch/Unterland

Kommentare

Aktuell sind 5 Kommentare vorhanden

Kommentare anzeigen