Mehr Mut erforderlich – ein Kommentar

“Schlüsselproteste” auch bald in Südtirol?

Donnerstag, 08. Oktober 2026 | 00:15 Uhr

Von: Martin Geier

Bozen – Mit Verwunderung blickt ganz Europa nach Spanien. Es genügte die Zwangsräumung der bettlägerigen María del Carmen Abascal, genannt „Maricarmen“, um landesweite Proteste auszulösen und letztendlich Spaniens Premier Sánchez zum Rücktritt zu zwingen. Tatsächlich beherrscht die Wohnungskrise seit Monaten die öffentliche Debatte im iberischen Land. Wachsende Bevölkerung, der massive Boom von touristischen Kurzzeitvermietungen und der Mangel an Neubauten sorgten dafür, dass sich die Durchschnittsmieten in Spanien innerhalb der letzten zehn Jahre fast verdoppelt haben.

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Spaniens Wirtschaft boomt, doch das nützt den vielen Betroffenen nichts, die sich ein Leben in Spanien nicht mehr leisten können und keine Chance haben, eine angemessene Mietwohnung zu finden oder Wohneigentum zu erwerben. Die Unzufriedenheit brodelte daher seit Langem unter der Oberfläche und die Zwangsräumung der 87-jährigen, inzwischen verstorbenen Rentnerin, die nach 70 Jahren ihre Miete nicht mehr zahlen konnte, brachte das Fass endgültig zum Überlaufen. Bilder von Hunderttausenden Demonstranten, die „Wir sind alle Maricarmen“ skandierten und mit dem Wohnungsschlüssel in der Hand leistbaren Wohnraum für alle forderten, gingen um die Welt.

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Und Südtirol? Die Unterschiede zu Spanien mögen enorm sein, aber es gibt zahlreiche Analogien. Südtirols Wirtschaft boomt, doch die Wohnkosten explodieren, sodass sich viele Südtiroler ihre Heimat kaum noch leisten können. Auch hierzulande brodelt es und es werden Sündenböcke gesucht, etwa „Spekulanten”, touristische Kurzzeitvermietungen und „Gratiswohnungen für Ausländer”. Tatsächlich beginnt sich ein „toxischer Mix” zu bilden, den sich politische Extremisten zunutze machen.

LPA/Gemeinde Vahrn/Ein Teil des 4,5 Hektar großen Areals der Verdone-Kaserne in Vahrn – der weiße längliche Bau ist ein Teil der Kaserne.

Zwar zeitigen neue Möglichkeiten wie „Wohnen mit Preisbindung“ erste kleine Erfolge, angesichts des ungebremsten Anstiegs der Miet- und Kaufpreise sind sie jedoch nur ein Tropfen auf dem heißen Stein – allein die Landeshauptstadt Bozen braucht Tausende neue Wohnungen. Auch die Tatsache, dass das „Kasernen zum Land“-Abkommen vorerst auf Eis gelegt wurde, ist nicht förderlich.

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Das Land kann sich nicht wegducken, denn dank der Autonomie verfügt Südtirol über weitreichende Kompetenzen in der Wohnbaupolitik. Gefragt ist eher der Wille und der Mut, auch mächtigen Lobbys auf die Füße zu treten. Noch bleiben laute und spektakuläre „Schlüsselproteste“ wie in Spanien aus, doch die schleichende „Abstimmung mit den Füßen“ – viele junge Leute sagen ihrer Heimat leise „Servus“ – schadet dem Land mehr als ein Rücktritt samt Neuwahlen je könnten.

Bezirk: Bozen

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